Kommentar

„Lob des Kauens“ von Clemens Niedenthal

Neulich bin ich beim Mittagessen über einen kleinen Artikel in einer überregionalen Tageszeitung gestolpert. „Kultur statt Kauen“ war da zu lesen

Clemens Niedenthal
Clemens Niedenthal

Es ging um Theater, Museen und Galerien in der Londoner Innenstadt, die mit einem quasi häppchenweise organisierten Kulturprogramm um ein Mittagspausenpublikum werben. Aufgrund horrender Mieten sind viele Arbeitnehmer nämlich längst genötigt, weit, weit draußen zu wohnen. Für die Kultur kommt abends oder am Wochenende keiner mehr in die Stadt.
Eigentlich aber habe ich mich nur mit der Überschrift aufgehalten. Kultur statt Kauen? Kauen ist Kultur! Na gut, vermutlich ist es auch eine kulturelle Errungenschaft, dass wir nicht mehr, wie unsere Vorvorvorfahren, die Hälfte des Tages kauend verbringen. „Durch das Kochen wird die Verdauungsarbeit aus dem Körper ausgelagert“, schreibt der große Esskulturgeschichtsschreiber Michael Pollan. Zerkleinert, zersetzt, kurz leichter zu verdauen, sind die Dinge seitdem schon im Topf.
Und doch: Kauen heißt Schmecken. Und wer, nach einer Zahn-OP etwa, einmal nicht kauen konnte, weiß, wie geschmacklos dieser Zustand ist. Vor allem aber beginnt mit dem Kauen noch immer das Verdauen. In der Mundhöhle findet der erste Akt des Verdauungsvorgangs statt. Biochemisch betrachtet werden dabei übrigens Kollagenfasern voneinander getrennt, die Nahrung so löslicher gemacht. Kauen heißt also: das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden.

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