Essen & Trinken

Mein Jigger und ich

Mein Jigger und ich

Angefangen hat es mit einem Preisausschreiben. Das ist zwar nicht die ganze Wahrheit, denn natürlich bestellten wir zuvor schon Piсa Coladas und Planter’s Punch in den Happy Hours der westdeutschen Uni-Stadt. Aber dann kam eines Tages dieses Paket eines Spirituosenherstellers. Und darin war – außer einer Flasche Rum und ein paar Gläsern – ein Shaker. Wir lebten in Altbauwohnungen mit Geschichte, Kakerlaken und Ölöfen – und begannen mit dem, was da war. Unsere Favoriten hießen „Peptobismo“ (mit Grenadine und Sahne), vage benannt nach einer gleichfarbenen US-Arznei, und „Tod auf dem Nil“ (mit Minzlikör und Sahne), benannt nach Thomas Mann, obwohl das heute keinen Sinn mehr ergibt. Wir hatten eine Menge Spaß: schütteln, fachsimpeln über Konsistenz, Aussehen, Geschmack, wieder schütteln. Unser Motto: Probieren geht über Studieren, haha. Es folgten kleine Testreihen, bis uns so ein Drink schmeckte: Ein Spritzer Zitronensaftkonzentrat? Ein Tropfen Ahornsirup? Oder ein „Dash“ aus dem kleinen Fläschchen Iberogast-Magentropfen. Und weil Letzteres unsere Mixgetränke fast immer besser machte, erstanden wir schließlich sogar eine 200-ml-Flasche Angostura Bitter, die bis heute in meinem Kühlschrank liegt.
Dann kam Berlin: Caipirinhas im Keller des Elektro in der Mauerstraße, Whiskey Sours im Würgeengel und schließlich der erste Dry Martini meines Lebens. In der Haifischbar sah ich der behänden Barkeeperin bei der Arbeit zu: wie sie zunächst einen großzügigen Schluck Wermut zu den Eiswürfeln in den Shaker gab, wie sie Wermut und Eis geschmeidig verrührte und – bevor sie mit der Zubereitung fortfuhr – den Wermut mit größter Selbstverständlichkeit in den Ausguss kippte. Ich war verblüfft. Und beeindruckt.
Inzwischen weiß ich: Der Drink war gut, aber es gibt bessere. Ich weiß das, weil ich andernorts in der Stadt schlechtere und bessere trinken durfte. Und weil ich mir selbst schlechtere und bessere zusammengerührt habe. Denn auf der Suche nach dem Ort, an dem, was einem schmeckt, am besten schmeckt, gibt es eine Abkürzung. Und die führt direkt zur eigenen Hausbar. Der Abend in der Haifischbar hatte mir gezeigt: Unser ungestümes Stümpertum in der Altbauwohnung enthielt bereits eine Menge dessen, was die Herstellung gepflegter Mixgetränke ausmacht: ausprobieren, aromatisieren, optimieren, abwägen – und eine gewisse Beherztheit. Doch was uns damals fehlte, waren Großmut, Erfahrung und, wie Bartender es nennen, bestmögliche „Produkte“.
Die stehen jetzt in der heimischen Küche. (Merke: Ein Barschrank im Wohnzimmer ist im Alltag wenig praktikabel!) Also stehen Flaschen und Equipment (siehe rechts) im oder neben dem Kühlschrank. Das Eis kommt von der Tanke, die Spirituosen – fürs Aromatisieren reicht manches im Minibar-Format – aus dem KaDeWe oder dem Internet. Die Inspiration aber kommt noch immer vom Tresen. Wenn der Bartender mit dem Gast über selbst gemachte Infusionen fachsimpelt, nippe ich am Drink und denke: Aha. Daheim lege ich dann Rosmarinnadeln oder Lavendelblüten in ein Gläschen Hochprozentiges und freue mich über das Ergebnis. Oder ärgere mich, wenn ich das Zeug versehentlich überdosiere.  
Doch bei der Zubereitung habe ich kräftig dazugelernt. Der Jigger beispielsweise, dieses Messbecherchen aus Edelstahl, dient nicht nur dazu, den Gast zu übervorteilen. Es geht gar nicht um ein So-wenig-wie-möglich, sondern oft auch ums So-wenig-wie-nötig. Und der Jigger ist verlässlicher als eine unruhige Hand. Oder das Eis: Je größer, kompakter und frischer, desto weniger verwässert’s. Und je kälter, desto besser. Wirklich. Und wenn die Handgriffe stimmen – der Twist einer Zi­tronenzeste oder das leichte Abdrehen des Shakers aus dem Handgelenk am Ende des Eingießens – überkommt mich das „Mach es zu deinem Projekt“-Gefühl aus der Baumarktwerbung. Und ich verstehe immer besser, dass vieles, was die Barcrew hinterm Tresen macht, weniger affektiert ist, als es wirken mag. Es handelt sich dabei, das weiß ich nun, um basale Kulturtechniken. Manchmal mixt auch meine Freundin. Weil der Shaker beim Shaken so kalt wird, wickelt sie ein Geschirrhandtuch drum. Und ja, auch ihre Drinks schmecken. Doch es ist nicht dasselbe.

Text: Christoph Schultheis

Illustration: Natascha Frioud

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