Essen & Trinken

Margaret Atwood: Moralische Unordnung


Fragmente setzen sich zu einem Gesamtbild zusammen. 11 Kurzgeschichten geben einen Einblick in das Leben einer jungen Frau im Amerika ab den 50er Jahren. Und für jede Phase, für jede Katastrophe und Lebenseinschnitte gibt es das entsprechende Essen. Zwar fällt die erste Geschichte etwas aus dem Rahmen, da dreht es sich um ein älteres Ehepaar, das in die Zeit des römischen Reiches versetzt wird. Doch alleine bei dieser Geschichte geht es grundsätzlich darum, das schlechte Nachrichten, damals in Form von Nachrichten übermittelt von Boten, heute in Form von Tageszeitungen nicht vor dem Frühstück wahrgenommen werden sollten. Das eine zeitlose Erkenntnis. Danach nimmt der Leser teil an dem Leben, dem Erwachsenwerden von Nell, die ihrer Mutter zur Seite steht. Denn diese bekommt ihr zweites Kind in ungewöhnlich hohem Alter. In der Kurzgeschichte mit dem Titel „Die Kunst des Kochens und Auftragens“ beobachtet die pubertierende Tochter die seltsame und gieichzeitig erschreckende Entwicklung ihrer Mutter und zieht sich mit Rosinen in die Einsamkeit zurück, um sich mit „undenkbaren Gedanken“ auseinanderzusetzen. Um ihre Ungewissheit zu lindern, was denn nun Hilfe, was Belastung für die Schwangere ist, nimmt sie einen Ratgeber für Haushaltshilfen zur Hand. Später als die spätgeborene und äußerst komplizierte Schwester ähnlich, nur expressiver wie Nell mit dem Leben hadert, sind es Apfelsinen und Haferkeske als Proviant für einen angenehmen Ausflug zu zweit. Der Besuch einer anderen Stadt ermöglichen eine entspanntere Beziehung.

Später weicht die junge Frau als Lektorin ständig gesellschaftlichen Verbindlichkeiten aus, tischt in ihrer zusammengestückelten Wohnung Freunden ein wildes Hors dуevre namens „Schrauben und Muttern“ auf. Als sie mit Tig, einem verheirateten Vater von zwei Söhnen zusammenlebt, überbrückt sie Wartezeiten mit Kartoffelchips und schwarz säuerlichem Kaffee. Wenn das Zusammentreffen der Patchwork-Familie harmonisch verläuft, spielt Kakao eine wichtige Nebenrolle. Immer kommt Atwoods Liebe zum absurden Detail zum Tragen, ihre hartnäckige Beobachtungsgabe des häuslichen Alltags. Wundersame und abstruse Geschichten fügen sich zu einer Familiensaga zusammen, die manchmal tragisch, manchmal komisch und manchmal anrührend den Leser in seinen Bann zieht.

Margaret Atwood, “ Moralische Unordnung“, Berlin Verlag, 224 Seiten, 19,90 Euro

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