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Nature’s Calling: Zu Besuch auf dem Reinickendorfer Weingut

In Reinickendorf gibt es jetzt ein Weingut. In einer historischen Spirituosenfabrik keltern Nature’s Calling Chardonnay-, Kerner- oder Rieslingtrauben in gebrauchten Eichenfässern – und mit einer ansteckenden Euphorie
Text: Clemens Niedenthal
Veröffentlicht am: 27.08.2025
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Foto: 8am aesthetics
Ja, die Weine von Nature’s Calling sehen auch richtig schick aus – und damit meinen wir jetzt nicht (nur) das Etiketten-Design. © 8am aesthetics

Diese Frage sollte Nicolas Wenz dann doch kurz aus der Fassung bringen. Ob sie die Trauben denn auch gründlich waschen würden, wollte die Frau von der Behörde wissen, als sie in der Provinzstraße in Reinickendorf den, ja, wohl ersten Berliner Naturweinkeller inspizierte. Denn das machen Louisa Müller, Sven Golik und Nicolas Wenz natürlich nicht. Naturweine vergären nämlich spontan, was ohne den der Schale anhaftenden Hefen eben unmöglich ist. Gut möglich ist indes, dass die Frau vom Amt es zuvor einfach noch nie mit einer handwerklichen Weinproduktion zu tun gehabt hat. Berlin liegt eben nicht an der Mosel. Berlin liegt an der Spree.

Naturwein sind die Berliner Behörden noch nicht gewohnt

Die drei Gründer:innen von Nature’s Calling haben die Situation genommen, wie sie Situationen überhaupt zu nehmen pflegen: Mit Emphase und mit Empathie. Da ist einerseits die Begeisterung für eine handwerklich gemachte, zeitgenössische Weinkultur. Und andererseits das Einfühlungsvermögen in Gaumen abseits eines vinophilen Kennertums. Nature‘s Calling wollen guten Wein zugänglich machen: „Viele Leute haben absolut Lust an handwerklich hergestellten Weinen“, sagt Nicolas Wenz, „aber nicht auf den allzu oft dazugehörigen Dogmatismus und das Besserwissertum. Ich kann junge Weingüter absolut verstehen, die ganz wild darauf sind, dass es ihre Flaschen im Horváth gibt oder im Nobelhart & Schmutzig. Wir sind aber einen anderen Weg gegangen. Wir sind direkt in die Kulturszene abseits der Wein-Bubble.“

Nicolas Wenz, Sven Golik und Louisa Müller (v.l.) bei der Arbeit: Im vergangenen September wurde der erste Reinickendorfer Wein gepresst – darunter Riesling, Spätburgunder, aber auch seltenere Reben wie etwa Kerner. Foto: Conrad Bauer

Dieser Weg begann 2021. Und war, wie so vieles damals, eine Pandemieidee. Mindestens ging es Louisa Müller, Sven Golik und Nicolas Wenz dabei auch um eine neuerliche Verortung: Sie wollten das Land, den Ort des Weins und der Landwirtschaft und Berlin, mindestens damals noch das deutsche Zentrum eines progressiven Weingeschmacks, zusammenbringen. Gemeinsam mit jungen Winzer:innen, einer der ersten war Jonas Seckinger aus der Pfalz, entwickelten sie erste Weine und bald darauf einen eigenen Stil. Restaurants wie die Beuster Bar oder das Cookies Cream haben Nature’s Calling längst auf der Karte. Flaschenweise gibt es die Weine etwa im Concept Store Voo auf der Oranienstraße oder in Mitte in der Sofi Bakery.

Die drei Gründer:innen von Nature’s Calling kommen alle aus Weinregionen

Konsequent nur, nach gut vier Jahren auch das eigentliche Weinmachen nach Berlin zu holen – im vergangenen September kamen die Trauben aus der Pfalz nach Reinickendorf. Der trotz seiner Jugend bereits gefeierte Winzer Hannes Bergdoll gehört inzwischen mit zum Team. Anfang Juli wurde der erste Jahrgang abgefüllt.

Zugute kommt den Dreien dabei, dass sie auch vor ihrer Unternehmensgründung immer zwischen den Stühlen saßen. Beziehungsweise auf mehreren Stühlen gleichzeitig. Innenarchitektur, Kommunikationsberatung, Öffentlichkeitsarbeit für die Berliner Volksbühne und natürlich das Kochen und Gastgeben in der gehobenen Gastronomie – allesamt Talente, die dabei helfen, ein eigenes Weingut zu etablieren. Zudem kommen Louisa Müller, Sven Golik und Nicolas Wenz allesamt aus Weinregionen, aus Franken, aus Rheinhessen, aus der Pfalz.

Naturwein, das bedeutet: Der Wein gärt in den Fässern ohne viele Eingriffe vor sich hin. Foto: 8am aesthetics

Als sie das Industrieareal in der Provinzstraße entdeckten, wussten sie indes ziemlich schnell: Das passt. Wegen der backsteinschönen, beinahe kathedralenhohen Räume. Wegen der Geschichte des Ortes, schließlich wurden hier von 1893 bis 1986 von der Monopol AG, später Deutsche Spirituosen Fabrik, schon einmal alkoholhaltige Genussmittel produziert. Wegen der kreativen Nachbarschaft: Inzwischen wurde das weitläufige Gelände von Künstler:innen erschlossen, es gibt etwa einen kleinen Park, in dem man sich in der Bildhauerei probieren kann und auch das Bard College aus New York hat hier eine Dependance. Und wegen Reinickendorf, einem Bezirk, der noch entdeckt werden will. Auch das passt zu einer jungen Unternehmung wie Nature’s Calling, die sich erst auf den Weg gemacht hat.

Probleme? Da gibt es einige. Aber auch über die können Nature’s Calling inzwischen lachen. So ist diese Art des ortsungebundenen Weinmachens im von jahrhundertelanger Lobbyarbeit geprägten deutschen Weinrecht nicht vorgesehen. Das geht so weit, dass selbst Rebsorten wie Riesling oder Chardonnay nicht auf den Flaschen stehen dürfen. Der kreative Ausweg: Playing with Words.  „Ich freue mich schon“, sagt Nicolas Wenz, „auf mein T-Shirt, auf dem draufsteht: Donncharay.“

Nature’s Calling bietet auch wunderbare alkoholfreie Weinalternativen an

Und außerdem: Bereits jede fünfte von Nature’s Calling abgefüllte Flasche enthält eine alkoholfreie Weinalternative. Wobei Nature’s Calling auch bei den Low- und No-Alcohol-Produkten ihrer naturnahen Arbeitsweise treu bleiben. „Wir machen ja Low Intervention Wines, also Weine, die mit möglichst wenigen, immer handwerklichen Eingriffen quasi von alleine werden“, erklärt Louisa Müller, „alkoholfreie Weine, denen der natürliche Alkohol im Nachhinein entzogen wird, wären das genaue Gegenteil davon.“

Aber stattdessen? „Quittensaft, gerösteter Buchweizen, Löwenzahn und Wasserkefir, der dann in der Flasche fermentiert“, fasst Nicolas Wenz die Zutaten eines tatsächlich ziemlich wunderbaren, fruchtig-hefig-trockenen PetNats zusammen. Keine Alternative, sondern vielleicht das tollste, was gerade aus Berlin ins Glas kommt.

Nach und nach wird die Winery in der Provinzstraße auch zu einem öffentlichen Ort werden. Mit einem Weingarten, mit künstlerischen Interventionen, mit kulinarischen Veranstaltungen. Der Hofverkauf läuft schon seit Ende Juni. Und das erste Glas könnte man dann bereits direkt vor Ort trinken.


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