Essen & Trinken

„Neubau“ in Kreuzberg

neubauEr kann es – Stefan Hartmann ist einer der sympathischsten Sterneköche und Küchenchefs Berlins. Kaum jemand hat sich seine Ehren so redlich und souverän erkämpft wie er. Das Restaurant Hartmanns gehört unbestritten zu den besten der Stadt. Seit gerade mal drei Wochen hat er mit Koch Thilo Sachadä den Neubau eröffnet, das etwas andere Restaurant in der Bergmannstraße. Tagsüber wird die Nachbarschaft, ob geschäftig oder nicht, versorgt, abends werden zwei relativ günstige Vier-Gänge-Menüs angeboten. Dabei kann jeder Gang auch einzeln bestellt werden. Also Menü und а la carte in einem, und jede Woche soll das Angebot geändert werden. Erklärtes Ziel ist, dass das Restaurant Neubau eher solide aufgestellt werden soll. Das wäre sehr schön, wenn es der Realität entspräche. Doch Sachadä greift nach den Sternen bzw. schwebt ein wenig in den Wolken.

Von insgesamt acht Gängen sind drei ausgesprochen gut, ein Gang ganz o. k. und der Rest, sagen wir, akademisch konstruiert. Also die gebratene Wachtelbrust mit Linsensalat ist perfekt – das Geflügel zart, die Linsen auf den Punkt, die süßliche Komponente angemessen, die „Makkaroni and Cheese mit pochiertem Bioeigelb und“ – etwas großspurig formuliert – „mit Petersiliensalat“ ist originell und mutig gewürzt. Die kalte Tomatenconsommй zum gebeiztem Kabeljau auf Wassermelone ist für den Sommer wunderbar, der Kabeljau bekommt jedoch durch die Wassermelone einen irritierenden fischigen Drive, die Jakobsmuscheln verschwinden geschmacklich neben der Cantaloupe-Melone.

Die Hauptgänge: Das Zweierlei vom Reh ist Hartmann’sche Schule, da kann nichts schiefgehen. Der gebratene Adlerfisch rückt das Vorurteil, dass Sachadä Fisch und Meeresgetier an den Rand der geschmacklichen Wahrnehmung drängen will, wieder zurecht. Warum allerdings die krossen Brotscheiben in der Sauce versinken und matschig werden müssen? Über den Nachtisch gibt es nichts Wesentliches zu berichten. Aber ein ungeheures Plus ist die Weinkarte. Sorgfältig ausgewählt, gibt es Flaschenweine zu einem bestechend guten Preis.

Das Interieur ist zum Teil vom Vorgänger übernommen, es gibt erhöhte Stehtische, ein paar Reihen von Bänken – es suggeriert Bistrocharakter und nicht anspruchsvolle Haute Cuisine. Und vielleicht ist das ein Problem, das Thilo Sachadä zeigen will, dass auch er es kann. Wie gesagt, drei Gänge waren überzeugend. Aber vielleicht muss er erst mal seine Gäste dazu ermuntern, die Basics kennenzulernen, und Stefan Hartmann die Kür überlassen. Dort in der Fichtestraße gilt es die Kunst zu genießen.         

Text: Eva-Maria Hilker

Foto: Jule Frommelt/HiPi

Beste Wein: Grüner Veltliner, Gigant 2009

Bester Rat: Das Menü selbst zusammenzustellen

tip-Bewertung: Zwiespältig

Neubau Bergmannstraße 5, Kreuzberg, Tel. 62 73 51 20; Mo-Sa ab 12 Uhr; Speisen 9 bis 15 Ђ, Mittagsmenü 9,80 Ђ, Dinner-Menü 38 Ђ, Softdrinks 2 Ђ, Bier (0,3 l) 3 Ђ, Wein (0,1 l) 3 Ђ, Fl. Wein ab 21 Ђ

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