Kommentar

„Oh! Schrecke“ von Clemens Niedenthal

Was schmeckt wie eine im Rauch von Alpenheu aromatisierte, krosse Hühnerhaut? Heuschrecken, in Salbeibutter angebraten. Und ja, so eine Heuschrecke schmeckt tatsächlich ganz gut

Clemens Niedenthal
Clemens Niedenthal

Und doch gleichzeitig so unspektakulär, dass man ganz genau hingucken muss – Auge in Auge mit der Schrecke –, um die unterstellte Exzentrik dieses Zwischengangs tatsächlich zu erleben. Eklig ist anders. Und das Mundgefühl sogar recht unterhaltsam, vorausgesetzt der Heuschrecke wurden die pieksigen Sprungbeine entfernt.
Und überhaupt: Für zwei Milliarden Menschen, so schätzt es die Welternährungsorganisation, ist das Essen von Insekten ohnehin ganz normal, ja kulturell verankert. Entomophagie ist das Fremdwort für eine Esskultur, in der nicht wenige schon eine Lösung des Welthungerproblems sehen: Schließlich sind Insekten reich an Proteinen, an essentiellen Aminosäuren und reich an der Zahl. Also: Esst mehr Mehlwürmer! Wobei letztere gänzlich auf einen Eigengeschmack verzichten und allenfalls ganz angenehm crunchy sind.
Vier Insektenarten dürfen gegenwärtig in Deutschland als Lebensmittel verarbeitet werden. Oft geschieht dies eher eventorientiert, etwa formschön eingegossen in einem transparenten Lollipop. Wichtiger als das Spektakel wäre indes die Debatte: Wie werden wir zukünftig satt? Dazu kann die Heuschrecke immerhin diese entscheidende Antwort geben: Wir werden anders satt werden müssen, als wir es bisher gewohnt sind.

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