Essen & Trinken

Oscar und Wilde

Alexandra_B__lowGesellig, sinnlich, geradezu hemmungslos genussfreudig – so bin ich treffend beschrieben. Zunge und Gaumen sind für mich als Food-Journalistin wichtig. Ich brauche sie als sensible Sensoren. Und ich kann mich auf sie verlassen. Nur – mein Magen, ein nicht minder wichtiges Organ in diesem Job, spielte nicht immer mit. Er ist empfindlich, reagiert schnell gereizt und schmerzt. Doch mit der Zeit habe ich herausgefunden, was ihm gefällt: alles in Maßen, Zutaten von bester Qualität und Küchenchefs, die damit umgehen können.

Da wäre beispielsweise Björn Panek im Gabriele, aber auch Bodenständiges wie das Lorberth oder Hermanns Einkehr. Dort gebe ich mich gierig Käsespätzle und Rostbraten hin. Der Rostbraten ist ein fleischgewordenes Wunderwerk, knus­prig außen, innen zart und saftig. Küchenchef Andreas Geiger verwendet feine Zutaten, beherrscht Klassiker ebenso wie pfiffige Varianten, etwa handgeschabte Spätzle mit Krebsfleisch und Dill.

gabrieleIn der Enoteca L’Angolino, frisch umgezogen und jetzt noch stilvoller, lasse mir die prächtigsten Wurst- und Käsespezialitäten auf einem „Piatto fantasia“ servieren, dazu ein Glas Vino aus Norditalien, und ich komme selbst an harten Arbeitstagen in Urlaubsstimmung. Inhaber Daniele Bragato konnte mir einst sogar einen feinbuttrigen Panettone mit weichen, dezenten kandierten Früchten näher bringen. Dieses Gebäck reizt mich sonst gar nicht. Unkompliziert, entspannt und gemütlich – beim „Chef’s Table“ in der Brasserie Desbrosses. Man sitzt zusammen am rustikalen Holztisch, die Köche tragen die Speisen in Schüsseln auf, aus denen sich dann jeder Gast selber bedient. Ab und zu springe ich gern in die Lorenz Adlon Weinhandlung, denn hier finde ich Weine in halben Flaschen. Ich vertilge selten eine Flasche Wein an einem Abend (saurer Magen!) oder habe keine Lust, immer denselben Wein zu trinken. Da lohnen halbe Flaschen – dieses Angebot vermisse ich in Berlin. Außerdem gibt es hier, übrigens ebenso wie im wunderbaren MA von Tim Raue, den Wein von Eva Fricke aus dem Rheingau. Sie ist seit fünf Jahren Betriebsleiterin bei Josef Leitz, doch produziert sie, mit Unterstützung ihres Chefs, auf einer Rebfläche von tapferen 0,55 Hektar auch ihren eigenen Wein, etwa „Lorcher Krone Riesling Auslese trocken„. Was für ein Wein!

Manchmal steht mir aber auch der Sinn nach einer Sangria. Ich habe in Madrid gelebt, bin der Stadt und Spanien rettungslos verfallen. Gut aufgehoben fühle ich mich in Berlin in der Taberna de Bellas Artes, in der es eine köstliche Sangria gibt – kräftig und ausgeklügelt mit allem bestückt, was die Bar hergibt. Das gilt auch für die herrliche weiße Sangria, die ich hier kennenlernte. Außerdem mag ich liebevolle Details, irgendetwas, das mich überrascht oder zum Lächeln bringt. Im Bellas Artes ist es das Deckengemälde, auf dem nicht kleine, dicke Engel im Himmel flattern, sondern kleine, dicke Ferkel. Die Pata Negra lässt grüßen. In Spanien selber verschlägt es mich immer wieder nach Mбlaga. Hier verbringe ich gern einen Nachmittag in der zauberhaften Taberna Antigua Casa de Guardia aus dem Jahr 1840, lasse mir aus den di­cken Fässern meinen geliebten Mбlaga-Wein zapfen und freue mich über die schwatzenden, lauten Andalusier. In Nordspanien, genauer in Pamplona, hat es mir das Rodero angetan. Der einfallsreiche Sternekoch Koldo Rodero tischt
hier Speisen auf, die selbst verwöhnte Gourmets verblüffen und richtig Spaß machen.

ReinstoffGenauso geht es mir auch im Reinstoff. Als Norddeutsche war ich schwer angetan von einem Lolli namens „Ein Tag am Meer“ aus einem knusprigen Geflecht aus Salz und Algen, an dem salziges Popcorn klebte. Ich schloss die Augen und war da, wo meine Seele binnen Sekunden glücklich ist: am Meeressaum der Nordsee, es riecht würzig nach Tang und Salztröpfchen tanzen in der Luft. Nun tanzten Salz und ein Hauch Alge auf meinem Gaumen, im Kopf rauschte mein Lieblingssong der Fantastischen 4, „Ein Tag am Meer“ und dessen Zeilen „… das Leben in Harmonie, es gibt nichts zu verbessern …“ Wer mir solche Momente beschert, den mag ich! Solche Momente erlebe ich in Berlin auch in meiner Lieblingsbar, der Victoria Bar, oder im Friesendorf Nebel auf Amrum bei Jens Friesendorff (welch passender Name!) in seiner großartigen Weinhandlung der Weinfriese – urige Atmosphäre, unkomplizierte Gastgeber, spontane und launige Verkostungen, große Weinauswahl mit einigen Schätzen! Apropos Meernähe: Als Nordlicht wäre ich hingerissen, wenn man mit „norddeutscher Küche“ nicht nur Fisch verbinden würde. Warum nur finde ich Labskaus, Knipp, „Bunte Finken„, Kohl und Pinkel oder eine richtig gute „Rode Grütt“ (Rote Grütze) so selten in Berlin? Ich bin schließlich jederzeit bereit, Geld auszugeben für gutes Essen, das Gaumen und Magen gleichermaßen verzückt. Meinen Gaumen taufte ich übrigens „Oscar“ und meinen Magen „Wilde“, denn gemeinsam signalisieren sie mir, dass guter Geschmack ganz einfach ist – man nehme von allem nur das Beste. Das muss jetzt nur noch mein Konto begreifen …

Gabriele Behrenstraße 72, Mitte, Tel. 20 62 86 10, www.gabriele-restaurant.de, Mo+Di, Fr+Sa 18.30-23 Uhr, So 17.30-22.30 Uhr
Lorberth Pappelallee 77, Prenzlauer Berg, Tel. 26 34 93 30, www.lorberth.de
Hermanns Einkehr Emser Straße 24, Wilmersdorf, Tel. 88 71 74 75, tgl. ab 17 Uhr
Enoteca L’Angolino Knesebeckstraße 92, Charlottenburg, Tel. 88 71 36 30, Mo-Sa 12-1 Uhr
Brasserie Desbrosses im Hotel The Ritz-Carlton Berlin, Potsdamer Platz 3, Mitte, Tel. 337 77 63 40, www.desbrosses.de, tgl. 6.30-10.30 + 11.30-23.30 Uhr, So 12-15 Uhr Champagnerbrunch
Lorenz Adlon Weinhandlung Behrenstraße 72, Mitte, Tel. 301 11 72 50, www.adlon-wein.de, Mo-Sa 12-20 Uhr
MA – Tim Raue Behrenstraße 72, Mitte, Tel. 301 11 73 33, www.ma-restaurants.de, Di-Sa 12.30-14 + 19-22 Uhr
Taberna de Bellas Artes Pfalzburger Straße 72a, Wilmersdorf, Tel. 886 80 54, www.bellas-artes.de, tgl. ab 17 Uhr
Antigua Casa de Guardia Alameda Principal, 18, Mбlaga (Spanien), www.antiguacasadeguardia.net, Mo-Sa 9-22 Uhr (außer während der Karwoche, Feria von Mбlaga und im Dezember)
Restaurante Rodero C/Emilio Arrieta, 3, Pamplona/Iruna (Spanien), Tel. 0034-948 22 80 35, www.restauranterodero.com
Reinstoff Edison Höfe, Schlegelstraße 26c, Mitte, Tel. 30 88 12 14, www.reinstoff.eu, Di-Sa ab 18 Uhr
Victoria Bar Potsdamer Straße 102, Schöneberg, Tel. 25 75 99 77, So-Do 18.30-3 Uhr, Fr+Sa 18.30-4 Uhr, Happy Hour Mo-Sa 18.30-21.30 Uhr, So durchgehend
der.weinfriese Strunwai 20, 25946 Nebel auf Amrum, Tel. 04682-739, Mo-Do 17-23 Uhr

Foto: Harry Schnittger, Stefan Abtmeier

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