Essen & Trinken

Pilzsammler in Berlin

Pilze_sammelnNicht nur das Gärtnern in der Stadt hat ungebrochen Konjunktur. Ob auf dem ehemaligen Tempelhofer Flugfeld oder in den Prinzessinnengärten – überall sprießen kleine Gärten aus dem Boden. Selbst der piefige Schrebergarten ist heute Beweis eines urbanen Lebensstils. Während die einen aber noch in ihren Beeten graben, zieht es andere in die nahen Waldgebiete. Es wird fleißig gesammelt. Und zwar Pilze. Wie früher gehen jungen Familien, aber auch übernächtigte Clubber am Sonntag in den Wald, um sie zu finden. Gerade junge Leute, Studenten, junge Eltern und selbst die Party-affinen suchen im Wald nicht einfach nur nach ihrer nächsten Mahlzeit. Zwar haben sie nicht immer die gleichen Ansprüche, dennoch verbindet sie oft ein ideeller Anspruch. „Zur bewussten Ernährung gehören heute originäre Lebensmittel“, erklärt der Berliner Pilzsachverständige Dirk Harmel.

Noch immer boomen in Berlin die Bioläden und Biodiscounter. Für viele Konsumenten ist es völlig selbstverständlich, auf die Herkunft und Naturbelassenheit von Nahrungsmitteln zu achten, „denen nicht sämtlicher Geschmack weggezüchtet wurde, um ihn anschließend mit Aromen und Geschmacksverstärkern zu simulieren“. Da ist es nur logisch, dass man seine Pilze im Wald selber sammelt. Sie sind frisch. Unbelastet. Und sehr vielfältig in Geschmack und Konsistenz. Aber: Der Wald ist kein Supermarkt. Gerade in den Herbstmonaten stellen die zahllosen Sammler das Ökosystem Wald auf eine harte Bewährungsprobe. Viele sammeln alles ein, was ihnen vor die Füße fällt. Seltene Pilzarten stehen aber oft unter Naturschutz, egal ob nun Speise- oder Giftpilz. Für Steinpilze und Pfifferlinge gilt beispielsweise ein eingeschränkter Schutz. Sie dürfen in kleinen Mengen für den privaten Verzehr gesammelt werden, der gewerbliche Handel mit ihnen ist aber grundsätzlich verboten. Von Pilzverkäufern am Straßenrand rät Hansjörg Beyer deshalb ab: „Zumal niemand so genau kontrollieren kann, ob die Pilze im Korb überhaupt frisch sind.“ Beyer ist als offizieller Berater für das Land Berlin tätig und bietet unter anderem im Botanischen Museum in Dahlem jeden Montag eine kostenlose Pilzberatung an. „Wer Pilze essen will, muss den betreffenden Pilz mit absoluter Sicherheit erkennen können und über seine Genießbarkeit Bescheid wissen“, betont der Experte.

Noch gefährlicher als Giftpilze seien allerdings verdorbene Speisepilze: „Das wird meist unterschätzt. Pilze, die schon länger im Wald stehen oder aus dem Verkauf stammen, können angeschimmelt sein, wenn sie zu lange gelagert wurden.“
In seiner Pilzberatung gibt Beyer aber auch Tipps für den lukullischen Genuss. In einem Pilzkochkurs vermittelt der Experte den Teilnehmern nicht nur das nötige Wissen für die Pilzbestimmung. Beyer zelebriert genau das, worum es beim Sammeln von Speisepilzen letztlich immer geht: den aromenreichen Genuss, den die Pilzküche verspricht. Um die Zutaten zu finden, muss man nicht ins Umland reisen. „Man muss nicht mal in den Wald gehen“, sagt Dieter Hon­straß. In Berlin müsse man lediglich genau hinschauen. Denn viele Speisepilze wachsen mitten in der Stadt. Am Wegesrand, in Hecken, auf Wiesen und selbst auf Spielplätzen. Dieter Honstraß ist seit zehn Jahren mit seiner mobilen Pilzschule in der ganzen Bundesrepublik unterwegs und gibt Kurse für Anfänger sowie passionierte Sammler. In seinen Seminaren erklärt er Interessierten die Grundlagen der Pilz-Botanik: „Was wir gemeinhin als Pilz bezeichnen, ist lediglich der sichtbare Fruchtkörper, ähnlich dem Apfel am Baum.“ Der eigentliche Pilz, das Myzel, ist das feine, meist unsichtbare Geflecht im Boden.

Neben der Vielfalt der Aromen warten manche Pilze mit besonderen Eigenschaften auf, die sie für Sammler interessant machen. Sie entfalten eine halluzinogene Wirkung. In den 90er Jahren war es die technoide Jugend, die sich am meist käuflichen Pilzgenuss versuchte, um mit der Einnahme eine Wahrnehmungsverschiebung zu erzielen. Heute gehört es zum Club- und Nachtleben eben dazu. Der Rausch von manchen psilocybinhaltigen Pilzen ist vergleichbar mit dem von LSD, und viele dieser Pilze wachsen rund um Berlin. Ein Blick ins Internet reicht aus, um herauszufinden, welche Pilzarten sich zur Bewusstseinserweiterung eignen. „Ich werde gern mal nach ‚Magic Mushrooms‘ gefragt“, erzählt Honstraß. „Halluzinogene Pilze gehören eben zu meinem Arbeits­gebiet dazu.“ Finden muss man sie allerdings allein. Der Besitz und Handel halluzinogener Pilze ist in Deutschland strafbar.

Text: Martin Daßinnies

Illustration: Ulrike Zimmer / HIPI

Rund um den Pilz
In den Berliner Wäldern und in der Umgebung sind ca. 1500 Pilz­arten zu finden. Bis zu 400 Arten sind als essbar eingestuft. 30 Pilzarten werden von Experten als schwer giftig eingestuft. Deshalb sollten Neulinge und Fortgeschrittene vor der Sammeltour ein gutes Pilzbuch lesen. Eine Auswahl an Literatur liegt in der Pilzberatungsstelle des Botanischen
Museums in Dahlem, Königin-Luise-Straße 6-8. Zudem findet im Botanischen Museum jeden Montag eine Pilzberatung statt (14-16.30 Uhr). Mehr Infos unter www.bgbm.org

Exkursionen: Informationen und Termine der pilzkundlichen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburg e. V. findet man unter
www.paab.d; Informationen zu Unterschieden von Speise- und Giftpilzen unter www.pilzschule.de

Termine in Berlin
Pilzbestimmung mit Dieter Honstraß im Grunewald Anmeldung unter 0176-261 90 03 oder Mail an [email protected]

Pilzberatung und regel­mäßige Seminare mit Dirk Harmel unter www.pilz-seminare.de

Pilzkochkurs in Frohnau mit Hans Jörg Beyer: Anmeldung unter www.pilz-seminare.de

Pilznotruf vom Institut für Toxikologie, Oranienburger Straße 285, Mitte, rund um die Uhr erreichbar unter Tel. 192 40

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