Essen & Trinken

Pionierarbeit in Pankow

milchmanns_kerstin_anders_hipiFür Lutz Vetter müsste die unmittelbare Nähe zum S- und U-Bahnhof Pankow eigentlich ein Garant für viel Kundschaft sein. Doch seit vier Jahren wird an dieser Ecke gebaut; Absperrungen erschweren das Vorankommen. Kaum ein Gast verläuft sich zufällig in sein Cafй: „Es scheint zwar so, als sei hier viel los, aber das ist nur die große Umsteige“. Trotz mangelnder Laufkundschaft hat Milchmanns seit der Eröffnung im Oktober letzten Jahres ein beachtliches Stammpublikum gewonnen. Am Wochenende hat man ohne Reservierung kaum eine Chance, einen Platz zum Frühstücken zu ergattern. Groß ist die Nachfrage nicht nur wegen des guten Kaffees – Vetter ist ein Kenner auf diesem Gebiet und kann die Herkunft der Bohnen förmlich riechen –, sondern weil es kaum ein vergleichbares Angebot in der Gegend gibt. Lutz Vetter beobachtet die gastronomische Entwicklung Pankows genau und weiß, dass sich nur wenige Restaurants langfristig etablieren können: „Gegenüber befand sich bis vor kurzem das Cafй Anemon, das hat zwischen den Jahren geschlossen. Sämtliches Gewerbe ist hier eingegangen. Was übrig geblieben ist, ist billig, knallig, bunt“.

Vetter hat das Risiko bei der Eröffnung dennoch auf sich genommen und setzt jetzt auf die Entwicklung des Kiezes: „Die Spekulation war, dass die Zahl der Kundschaft wächst. Zum Beispiel, durch die Bewohner der Lofts, die auf dem Gelände der ehemaligen Zigarettenfabrik entstehen“. Auch Thomas Looss, Inhaber des Cafй und Deli Vilja, bezweifelt nicht, dass sich Pankow verändert. Nur das Potenzial sei be­grenzt: „Es gibt hier nicht diese Nationenvielfalt wie beispielsweise in Neukölln. Ich denke, eine Vielfalt an verschiedenen Menschen macht auch ein bestimmtes Lebensgefühl aus. Und das wird hier in Pankow niemals so sein wie in Neukölln“. Fast zeitgleich mit Milchmanns eröffnete Looss vor fünf Monaten sein Cafй in der Maximilianstraße. „Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich das Cafй hier in Pankow aufmache. Alle haben sich immer nur beschwert, dass es hier nichts gibt. Da dachte ich, ich nutze das als Chance und leiste ein wenig Pio­nierarbeit.“ Ursprünglich kommt Looss aus der Modebranche. Sein Faible für Kunst und Gestaltung erkennt man sofort bei der Inneneinrichtung, einer Mischung aus Gemütlichkeit und Industriedesign. Mit seinen selbstgebackenen Ku­chen wie dem White-Chocolate-Cheese­cake und den kleinen Speisen wie Paninis und Tagesgerichte schafft Looss ein Angebot, dass die Einwohner aus dem Kiez schätzen. Denn rein kulinarisch gesehen, da teilt Looss die Ansicht vieler Gastronomen, ist Pankow unterentwickelt.

Schoenhausen_kerstin_anders_hipiWarum es nur wenige Gastronomen wagen, sich hier niederzulassen, ist Ann-Cathrin Rosenthal ein Rätsel. Betritt man ihr Cafй Schönhausen in der Florastraße, muss man sich erst einmal an den Geräuschpegel gewöhnen. Während zahlreiche Mütter an den laubgrünen runden Tischen bei Kuchen und Kaffee miteiander quatschen, toben und rutschen die Kleinen in der Spielecke. Mit seinem speziellen Angebot für Familien trifft Rosenthals Cafй den Nerv des Kiezes: Die Florastraße ist die Kindermeile und das deutlichste Indiz für die steigende Attraktivität Pankows. Hier reiht sich ein Kinderbekleidungsladen an den nächsten; Mütter und Väter mit den Sprösslingen an der Hand prägen das Straßenbild. Neu entstehende Wohnungen wie die Floragärten an der Ecke Gaillardstraße, zahlreiche Schulen und Kindergärten sowie weitläufige Grünanlagen und die absehbare Schließung Tegels ziehen immer mehr Familien an den Stadtrand.

Nur die Sorge, dass sich mit den neuen Bewohnern auch das gesellschaftliche Gesicht Pankows verändert, bleibt: „Sicher wird durch die teuren neuen Wohnungen noch mal ein ganz anderes Publikum herkommen. Als Ladeninhaber sieht man diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen: Einerseits bedauert man, dass sich Pankow verändert und andererseits bin ich natürlich nicht traurig, wenn noch mehr Gäste kommen“, sagt Ann-Cathrin Rosenthal. Ob die neu zuziehenden Bewohner den Ortsteil nicht nur als Schlafstadt verstehen und auch im Kiez ausgehen werden? Abnehmer für ihr Mittagsangebot haben Vetter, Looss und Rosenthal jedenfalls kaum: „Das ist eben der Unterschied zu Prenzlauer Berg: Hier sind alle arbeiten und tagsüber weg. Es gibt nicht so viele Studenten und Freiberufler“. Während es mittags eher an Kundschaft als am Angebot man­gelt, wünscht sich  Rosen­thal wie viele Pankower mehr Möglichkeiten für die Abendstunden: „Wir träumen alle von einem Jazz-Keller nach Feierabend; irgendwas, wo man sich auf einen Absacker treffen kann“.

andreas_hermann_mai_foto_kerstin_anders_hipiEines der wenigen Restaurants, in dem man bis in die späten Abendstunden hinein bei einem Glas Wein verweilen kann, ist das Cafй Nord. Seit 2001 ist das Restaurant in der Grunowstraße Anlaufstelle für Pankower auf der Suche nach gutem Essen in gediegenem Ambiente. Die deutschen Gerichte mit mediterranem Einschlag wechseln alle zwei Monate, dazu kommt ein günstiges Tagesgericht. Das müsse sein, so Inhaber Torsten Paul, denn das Cafй Nord bestehe zu 70 Prozent aus Stamm­publikum. Von seiner Stammkundschaft profitiert auch Andreas Hermann-Mai. (Foto rechts) Wenige Schritte vom Schloss Schönhausen entfernt, empfängt er seine Gäste in einer historischen Fachwerkvilla mit idyllischem Garten. Seit zehn Jahren führt er das Majakowski und zählt somit zu den gastronomischen Vorreitern in Pankow. Obwohl das Restaurant viele bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen, wie Jasmin Tabatabai, anzieht, ist das Klientel durchmischt. „Wir machen normale und preiswerte Speisen. Manche Gäste wollen aber auch Kalbsfilet essen und eine Flasche Barolo trinken. Wir müssen hier alle Ansprüche bedienen“.

Ende letzten Jahres hatte Hermann-Mai eigentlich vor, das Majakowski zu schließen. Viele rieten ab, verwiesen auf die Entwicklung, die Pankow gerade durchmacht. Also wird anstatt der Schließung renoviert und eine neue Gartenbestuhlung angeschafft. „Es ziehen gerade so viele Leute hierher. Man hat das Gefühl, hier beginnt jetzt eine Zukunft.“

Text: Annemarie Diehr

Fotos: Kerstin Anders / HIPI

Cafй Nord Grunowstraße 21, Tel. 49 40 09 17, www.cafe-nord.info, tgl. 10-24 Uhr

Cafй Schönhausen Florastraße 27, Tel. 42 00 45 36, www.schoen-hausen.de, tgl. 10-18 Uhr

Majakowski Majakowskiring 63, Tel. 49 91 82 50, www.majakowski-gasthaus.de, Mo-Fr ab 12 Uhr, Sa+So ab 11 Uhr, November-Mai Mo Ruhetag

Milchmanns Berliner Straße 119, Ecke Hadlichstr. 1, Tel. 91 42 32 82, www.brave.cc/milchmanns.de, Mo-Fr 8-18 Uhr, Sa+So 10-18 Uhr

Vilja Cafй & Deli Maximilianstraße 1, Tel. 54 77 72 57, www.vilja-cafe.de, Di-So 10-20 Uhr

 

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