Esskultur

Reiseproviant – wo Berlin nach Urlaub schmeckt

Na, wie war der Urlaub? Und: Wie hat er geschmeckt? Zum Ende der Ferien forschen wir nach den Aromen der Ferne. Und sagen, wo Berlin nach Urlaub schmeckt

Louis Pretty Veggie Sandwich
Foto: Steve Herud

Wolfgang Kaschuba sitzt bei einem Cappuccino vor der Kreuzberger Markthalle Neun – und philosophiert über die „Mediterranisierung des Stadtraums“. Damals im Berlin der 1970er-Jahre, als der politisch bewegte Mensch „zum Italiner ging“. Und mit dieser zur Redewendung geronnenen Formulierung gleich Dreierlei gemeint hat: eine spezifische Länderküche, einen politischen Ort und eine bestimmte Atmosphäre.
Die Esskultur der Anderen  – das taugte zur widerspenstigen Geste. Zumal in einem Land, das nur den Sonntagsbraten kannte, die bürgerlichen Tischsitten und das asketische Abendbrot. Während die mediterranen Gesellschaften das schwelgerische Abendmahl feierten, saß man hier zu Mittag zu Tisch.

„Wir Deutschen mussten ja erst im Urlaub lernen, was es heißt, am Abend zu essen“, sagt der Kulturwissenschaftler Kaschuba. Und ist damit angekommen inmitten der Stimmung dieser Tage: Eine Stadt ist zurückgekehrt aus den Bergen und vom Strand, aus Italien, Thailand, Sylt. Und sehnt sich nach den einfachen Freuden, den Kaspressknödeln auf der Hütte über Bozen, dem Tom Yam in Bangkok am Stand.  Oder fragt sich, warum der kroatische Landwein –Fassabfüllung, autochtone Rebsorte und so – zu Hause auf dem Balkon plötzlich nur noch so mittel schmeckt.

Ein gutes Restaurant sei zu 90 Prozent Atmosphäre und zu zehn Prozent das, was auf dem Teller liegt, sagt diesbezüglich Ludwig  Cramer-Klett, Gastgeber im Katz Orange  in der Bergstraße. Gerade hat er zudem an der Potsdamer Straße das Restaurant Panama eröffnet – und nicht von ungefähr nach einem Kinderbuch benannt, dessen zentrales Thema eine Reise ist. „Unsere Restaurants, das Katz Orange und jetzt das Panama, sollen sich anfühlen, als wäre man für einen Abend in den Ferien. Man kennt diesen Effekt von einer Reise: Plötzlich bist du inspiriert, es fließt wieder – das ist unsere Vision.“
Die Ferne also ist uns nie so nah wie auf dem Teller. Erst recht in einer so multikulinarischen Stadt wie Berlin. Gut möglich nämlich,  dass man so gute Pizzen wie jene aus dem Standard in der Templiner Straße selbst in Neapel länger suchen muss. Und das nicht jeder Texaner und auch nicht jedes teaxanische BBQ-Restaurant seine Rinder so wunderbar smoked wie Adam Ramirez von The Pit in der Reichenberger Straße.

Kurz: Was wir uns bewahren sollten, ist die Nonchalance, mit der wir im Urlaub den Urlaub genossen haben. Entdeckungshungrig auf der einen Seite, aber genauso glücklich mit der Ziegenkäsestulle in einem korsischen Refugio.  Und mit der Honigmelone im Sonnenuntergang. Am anstrengendsten, meinte vor ein paar Tagen ein befreundeter Weinhändler, sei der Urlaub doch für richtige Foodies und Feinschmecker, die geschäftig den Restaurantführern nachreisen müssten und nicht mal in den Ferien zu Ruhe kommen. Klar, die haben Geschmack – und tolle Geschmackserlebnisse. Die typischen Aromen von Urlaub aber, die fühlen sich auf dem Gaumen anders an.

Ein Hafenlokal in Marseille
Französisch für Fast Food? Eine Dose Jahrgangssardinen, dazu Baguette und einen eisgekühlten Weißwein. Der frankophile Feinkostdealer Maître Philippe (Emser Straße 42, Wilmersdorf) hat die Jahrgangssardine nach Deutschland gebracht. Auch die erste Sardinenbar bleibt in der Familie, Eröffnung in diesen Tagen. So authentisch können Konserven sein.
Sardinen.bar, Grunewaldstr. 79, Schöneberg, www.facebook.com/sardinen.bar

Zum Lunch in Downtown NY
Was schickt den Kopf auf die Reise? Der Free-Refill-Filterkaffee? Das arschcoole Design? Oder doch das sehr gute, weil sehr salzige und noch aromatischere Pastrami-Sandwich. Eigentlich kommt die in dünnste Scheiben geschnittene Rinderschulter aus Rumänien, stilbildend wurde sie für die jüdische Küche New Yorks.
Louis Pretty,  Ritterstr. 2, Kreuzberg www.facebook.com/louisprettyberlin/

Auf einer Berghütte über Bozen
Alpenländische Küche in Berlin – das meint ja meistens Österreich. Saftgulasch, Kaiserschmarrn, solche Sachen. Im Mitterhofer kommt man aber auch bis Südtirol. Die Dreierlei Knödel werden niemandem einerlei sein.
Wirtshaus zum Mitterhofer, Fichtestr. 33, Kreuzberg, www.wirtshaus-zum-mitterhofer.com

In Neapel, gleich neben Michele
Kuppelofenpizza. Die mit dem fluffigen Rand und dem perfekten Schmelzfaktor. Ruhig mit einer Margherita begnügen, so wie bei Michele in Neapel, der besten Pizza der Welt. Ach, Standard ist mindestens ebenso gut.
Standard Pizza, Templiner Str. 7, Prenzlauer Berg, www.standard-berlin.de

Am Fähranleger auf Kreta
Wenn die Qualität einer Mahlzeit auch daran gemessen wird, ob sich Schweißperlen auf der Stirn bilden und sich die Tische biegen, ist man beim Griechen gelandet. Und da bekommt die Taverna Ousia das mit der Atmosphäre und den Aromen verlässlich gut hin.
Taverna Ousia, Grunewaldstr. 54, Schöneberg, www.taverna-ousies.de

Backpacking durch Südamerika
Die Ceviche, der kalt marinierte Fischsalat aus Peru, hat es in Windeseile vom Geheimtipp zum Trendgericht und inzwischen fast schon zum Klassiker ambitionierterer Hauptstadtrestaurants gebracht. Wir danken der Cevicheria für diese Pionierleistung, den gegrillten Pulpo und die lässige, aber nie nachlässige Art.
Cevicheria, Dresdener Str. 120, Kreuzberg www.cevicheria-berlin.com

In Paris, 11. Arrondissement
Lange ging man in Berlin zum Franzosen – und es gab Weinbergschnecken, steife Tischdecken und servile Oberkellner. Bei Regis Lamazére gibt es großartige Schmorgerichte, Oeuf Cocotte und den besten Milchreis der Welt. So schmeckt Paris – und so fühlt es sich an.
Lamazère Brasserie, Stuttgarter Platz 18, Charlottenburg, www.lamazere.de

In Paris, Texas
Alles, so ein Sprichwort, sei größer in Texas. BBQ-Smoker sind es ganz bestimmt. Exil-Texaner Adam Ramirez hat seinen aus zwei alten Gastanks geschweißt. Darin räuchert er seine Beef-Briskets 18 Stunden lang. Gegessen wird mit den Fingern, na klar.
The Pit, Reichenberger Str. 120, Kreuzberg, www.thepitberlin.com

Mehr über Cookies erfahren