Essen & Trinken

Lokale an kuriosen Orten: Acht verwandelte Räume

Ein Café in einer alten Tankstelle, ein Restaurant im ehemaligen Gefängnis: Berlins Kulinarik erobert leerstehende Flächen zurück. In einem Garagenhof entsteht ein peruanischer Diner, und den schönsten Gastraum hat eine umgenutzte Apotheke. Berlin war schon zur Wende Königin der Um- und Zwischennutzungen, auch dieser Improvisationsgeist gab Berlin seinen legendären Ruf. Inzwischen hat sich auch die Gastronomie ihre Nischen gesucht, in einer kleinen Pförterlounge oder – ganz aktuell – im ältesten Parkhochhaus Berlins. Acht faszinierende Orte zeigen wir euch hier.

Text: Marianne Rennella & Clemens Niedenthal


Gefängnis wird zum Restaurant: Das Lovis

Speisen in alten Gefängnisgemäuern © Gruentuch Ernst Architects | Foto: Patricia Parinejad

Das ist doch mal eine buchstäbliche Umkehr der Verhältnisse: Die dicken Mauern, die einmal die Stadtgesellschaft vor den Übeltuenden schützen sollten, schützen heute vor dem Lärm der Stadtgesellschaft. Weshalb das vom Architektenehepaar Armand Grüntuch und Almut Grüntuch-Ernst zu Hotel, Restaurant und Bar so dezent wie effektvoll umgebaute ehemalige Gefängnis an der Kantstraße einer der wunderbarsten Oasen in dieser Stadt ist. Die handwerkliche Regionalküche von Sophia Rudolph wird dabei im ehemaligen Gefängnisinnenhof serviert, der – freitragend überdacht und den dunklen Backstein der ehemaligen Außen- und nun Innenmauern aufgreifend – zu einer gleichsam luftigen und gemütlichen Höhle geworden ist. Mehr zum Lovis lest ihr hier. Auch in Lichterfelde gibt es mit The Knast eine zu Restaurant, Bar und bald auch Hotel umgenutzte historische Vollzugsanstalt.

  • Lovis Restaurant im Hotel Wilhelma Kantstr. 79, Charlottenburg, Di–Sa 18.30– 22 Uhr, Bar bis 1 Uhr, Website

Umnutzung einer Apotheke: Die Ora Brasserie 

Gastronomie statt Pharmazie: Das Ora begeistert. Foto: Marianne Rennella

Vielleicht sollte man vorwegnehmen, dass die Apotheke, und das Apothekerhandwerk, einer der initialen Orte der modernen Barkultur ist. Viele der frühen Spirituosen wurden in Apotheken entwickelt und auch dort vertrieben, bis ins Zwanzigste Jahrhundert hinein auch und vor allem als Medizin. So gesehen passt es hervorragend, dass Nadine und Tom Michelberger vom Michelberger Hotel und ihr Küchenchef Alan Micks die am besten erhaltene Gründerzeitapotheke Kreuzbergs in eine mediterran grundierte Brasserie verwandelt haben. Aus der Oranienapotheke wurde das Ora, die raumhohen Regale und die darin augenscheinlich seit der Gründung der Apotheke in den 1860er-Jahren aufbewahrten Utensilien blieben dabei unangetastet, der Tresen wurde zur Theke, ohne in einen Historienkitsch abzudriften. Einer der schönsten Gasträume Berlins.

  • Ora Brasserie Oranienplatz 14, Kreuzberg, Di–Sa 12–15 Uhr und 17–0 Uhr, Lunch von der Theke über die Herbst- und Wintermonate: Do–Sa 12–15 Uhr, Website

Buchstäblich auftanken: Das Zeit Café ist in einer ehemaligen Tankstelle

Das stilvolle Zeit Café: gelungene Umnutzung einer verlassenen Tankstelle. Foto: Marianne Rennella

Eine charmante Weile lang beherbergte die vom Galeristen Juerg Judin so spektakulär in die Gegenwart transformierte Tankstelle an der Bülowstraße das Kleine Grosz Museum. Inzwischen wieder als Galerieraum (Pace / Galerie Judin) genutzt, betreibt nun die Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Café im panoramaverglasten Tankstellenhäuschen aus den 1950er-Jahren, das trotz der Lage an einer verkehrsintensiven Straße Oasencharakter hat. Begrünt wurde der ehemalige Zapfsäulenbereich mit farnähnlichen Pflanzen, Bambus und einem kleinen Teich mit farbenfrohen Koi-Karpfen, die gut zum ikonischen Fifties-Look passen. Kuchen, Snacks und Getränke hingegen sind zeitgemäß. Die Focaccia mit karamellisierten roten Zwiebeln kommen von der Gorilla Bäckerei, das vegane Bananenbrot und der Cappuccino-Brownie sind gut, der koffeinfreie Americano sehr gut.

  • Zeit Café Bülowstr. 18, Schöneberg, Di–So 11–18 Uhr, Instagram

Verabredung auf dem Friedhof: Diese Aussegnungshalle beherbergt ein Café

Gemütliche Stunden auf dem Friedhof: Im 21 Gramm ist die Stimmung überraschend angenehm. Foto: Jana Vollmer

Es ist noch eine junge Entwicklung, dass auf Friedhöfen auch gelebt werden soll. Inzwischen aber gibt es auf einigen Berliner Friedhöfen sogar öffentliche Cafés, das erste war das 2013 eröffnete Café Strauß auf dem Friedrichwerderschen Friedhof an der Bergmannstraße. Besonders unter ihnen ist das 21 Gramm auf dem St. Thomas-Kirchhof an der Neuköllner Hermannstraße: Befinden sich die Berliner Friedhofcafés üblicherweise in ehemaligen Blumenläden oder ähnlichen Funktionsräumen, belebt das 21 Gramm (benannt nach dem vermeintlichen Gewicht der menschlichen Seele oder den nötigen Bohnen für einen wirklich starken Espresso) tatsächlich in der ehemaligen Aussegnungshalle, wovon erneut freigelegte Bibelzitate an den neogotischen Wänden erzählen. Jahrzehnte lang als Abstellschuppen genutzt, ist hier ein, ja, lebendiges Brunch-Café entstanden. Mehr Friedhofscafés in Berlin zeigen wir euch hier.

  • 21 Gramm auf dem St. Thomas-Kirchhof, Hermannstr. 179, Neukölln, Di–So, 10–17 Uhr, www.21Gramm.berlin

Kurioser Kaffee: Im Concierge Café wird aus dem Pförtnerhäuschen serviert

Kurz vorbeischauen am Kaffeefenster: Das Concierge Café ist einen Besuch wert. Foto: Marianne Rennella

Dort wo einst für Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit gesorgt wurde, wird nun bester Kaffee gebrüht. Wie es der Name bereits verrät, wandelte Concierge Coffee ein ehemaliges Pförtnerhäuschen am flanierlaunigen Paul-Lincke-Ufer in ein so hippes wie handwerkliches Café. Wobei Café eigentlich zu viel ist – eher ist es ein Kaffeefenster mit einem winzigen Innenraum, in dem ein Tresen, eine gute Kaffeemaschine und höchstens fünf Gäste Platz haben. Die Schlange bildet sich hier in der Regel ohnehin am Fenster. Mittlerweile gibt es zwei weitere Concierge Coffees und zwar an der Lützowstraße/ Ecke Potsdamer in Schöneberg und in Los Angeles in Kalifornien. Beide sind zwar keine Conciergerien, der Kaffee schmeckt aber bestimmt genauso gut, denn er kommt aus der eigenen Rösterei.

  • Concierge Coffee Paul-Lincke-Ufer 39-40, Kreuzberg, Mo–Fr 7.30–17 Uhr, Sa+So 9–17 Uhr, Website

Wiederbelebung des Parkdecks: Dufte Berlin betreibt Parkhaus-Gastronomie

Rumhängen statt Rangieren: Auf einem ehemaligen Parkdeck erhält der Dufte Food Court Einzug. Foto: Godenschweger Photography

Florian Domberger hat viele Interessen. Zwei davon gelten handwerklich gebackenem Brot und handwerklich gebrautem Bier. Da passt es wie der Schaum auf ein Helles, dass das Domberger Brotwerk künftig in den ehrwürdigen Kantgaragen backen wird. Es muss ja mal was werden mit der Auferstehung dieser Berliner Architekturikone, erbaut 1929. Nach der Insolvenz des zwischenzeitlichen Generalmieters Stilwerk sind die Obergeschosse wieder komplett vermietet. Im Erdgeschoss entsteht Dufte Berlin, ein angenehm kleiner Food Court, der sich dem Stadtgeschehen öffnen will.  Die Betreiber haben die Mikrobrauerei German Kraft Beer erfolgreich in London etabliert. Auch Dufte Berlin wird also ihr Bier ausschenken, dazu die ab morgens geöffnete Sauerteigbäckerei und wohl drei weitere Küchen. Soft Opening noch im Oktober.

  • Dufte Berlin im Kant Garagenpalast, Kantstr. 127, Charlottenburg, Instagram

Ari‘s in der alten Autowerkstatt: Umnutzung des Hinterhofs

Remise goes Diner: Im versteckten Hinterhof erwarten euch peruanische Köstlichkeiten. Foto: Marianne Rennella

Daran, dass das Restaurant von Arianna Plevisani in einem Kreuzberger Hinterhof einmal eine Autowerkstatt war, erinnern die großen Tore zu beiden Seiten, die dem Lokal seinen offenen, großzügigen Charakter verleihen. Das hintere Tor führt zur riesigen und rustikal-charmanten Terrasse, das vordere Tor dient als Eingang in Plevisanis peruanisches Diner. Wunderschön und modern gestaltete die Inhaberin den Innenbereich: gepolsterte Bänke, die Farbwahl von Weiß und Rot, der breite Tresen, der die offene Küche einrahmt und eine Ketchupflasche auf jedem Tisch. Denn es gibt Pommes! Und Burger und Bodega-Sandwiches, wie das Chopped Cheese, das Plevisani in ihrer Studienzeit in New York so lieben lernte. Es sind Menüentscheidungen, die zum Garagenumfeld nicht besser hätten passen können. Mehr über Ari’s lest ihr hier.

  • Ari‘s Glogauer Str. 2, Kreuzberg, Mi–So 9–22 Uhr, www.arisberlin.com

Klassisch kurios: Burgermeister im umgewandelten Toilettenhäuschen

Burger im alten Klohäuschen? Klingt verwunderlich, ist aber in Berlin längst eine Institution. Foto: Imago/Jürgen Held

Der Burgermeister am Schlesischen Tor ist nicht nur der erste, sondern vielleicht auch der einzig wahre Burgermeister. 2006 eröffnete die Ursprungsfiliale der mittlerweile deutschlandweit etablierten Berliner Burgerkette in einem ehemaligen Toilettenhäuschen – einem dieser grünen, gusseisernen mit den Milchglasfenstern oben, einem Erinnerungsstück ans alte Berlin. Dieses denkmalgeschützte Örtchen, wo im Fünfminutentakt die U-Bahn drüberdonnert, prägte nicht nur die Burgerentwicklung Berlins maßgeblich, sondern gleich eine ganze Generation an Heranwachsenden. Ob nach dem Badeschiff, vorm Konzert, zwischen Bar und Club – ein Halt bei Burgermeister war ein Muss. Es gibt Leute, die sagen: Burger essen sie nur, wenn sie in ehemaligen Toilettenhäuschen gebraten werden.

  • Burgermeister Oberbaumstr. 8, (U-Bahnhof Schlesisches Tor), Kreuzberg, Mo–So 11–22 Uhr, Website

Mehr zum Thema

Lust auf mehr kursiose Restaurants? Von der Himmelspagode mussten wir zwar Abschied nehmen, aber hier sind weitere außergewöhnliche Restaurants in Berlin und Umland. Die Stadt bietet generell eine Vielzahl an besonderen Gebäuden: Wir führen euch zu 12 architektonischen Höhepunkten in Berlin von Poelzig bis Chipperfield. Einer davon: der Bierpinsel, der dieses Jahr durch Aktivisti:innen besetzt wurde. Auch wir finden: Macht endlich was mit dem Bierpinsel! Auf der Suche nach einem schönen Ausflugslokal? Gute Restaurants in Brandenburg findet ihr hier: Schöne Lokale und gemütliche Gaststätten. Lieber in Berlin einkuscheln? Hier sind besonders gemütliche Orte.

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