Pandemie

Plötzlich schließt das Lieblings-Restaurant: Abschied von Ampai

Oft sind es die kleinen Dinge, die uns derzeit Freude bereiten. Was auch sonst, wenn das große Ganze so grausam ist. Für den Autor war einer der Stimmungsaufheller sein Lieblings-Pad-Thai zum Mitnehmen, meisterhaft gekocht bei Ampai an der Kantstraße. Das Virus hat nun ein weiteres Opfer gefordert: Das Geschäft hat endgültig geschlossen. Solche Momente lassen den diffusen Zustand Pandemie immer wieder brutal real werden.

Haben das Geschäft aufgegeben: Nach sieben beendete Corona die Geschichte des Ampai für Withee Benicke (links) und Natascha Heyde. Leider. Foto: tipBerlin

Thailändische Nachbarn haben Ampai empfohlen

Vorweg: Natürlich ist mir klar, dass ein besonderes Essen, zumal ein in einem Restaurant bestelltes, ein Luxus ist. Was mir genommen wurde, ist nicht meine Oma, nicht mein bester Freund, nicht die Freiheit, mir ein neues Lieblings-Restaurant zu suchen. Und doch war es ein besonderer Schmerz, den ich irgendwo in mir fühlte, als ich in der Woche nach Ostern auf der Facebook-Seite von Ampai, meinem Lieblings-Thai, eine einfache, aber starke Nachricht las: „Ab dem 13.4. bleibt die Küche im Ampai dauerhaft geschlossen.“

Mir blieb kurz das Herz stehen. Dazu muss man ein paar äußere Umstände kennen. Schon vor zwei, drei, vielleicht sogar vier Jahren begannen meine liebe Freundin Maike und ich, am Wochenende gern mal raus zu fahren. Sie hat ein Auto, etwas, was ich in Berlin immer so lange überflüssig finde, bis mich jemand an einen Ort fährt, der nicht innerhalb des Rings liegt. Kladow zum Beispiel. Oder einen etwas abgelegenen Wald.

Maike ist ein großer Fan von gutem Essen (wer nicht, ich weiß, sie aber besonders). Sie spricht auch gern mit anderen Menschen darüber, zum Beispiel mit den freundlichen Nachbarn aus dem Bergmannkiez, in dem sie lebt. Die haben thailändische Wurzeln und verwiesen Maike explizit an Ampai – in ihren Augen das beste Restaurant für thailändisches Essen. Einem solchen Rat muss man folgen. Charlottenburg liegt nicht neben Kreuzberg, aber wie gesagt, Wochenendausflüge waren und sind ohnehin in Maikes Wochenplan verankert. Irgendwann hielt sie also an dem kleinen Laden an der Kantstraße.

Ampai: Unauffälliger, erstklassiger Laden an der Kantstraße

Unauffällig ist Ampai, vor allem in dieser Ecke Berlins, wo es so viele kleine und große Restaurants mit asiatischem Einschlag gibt. Etwas mehr als ein halbes Dutzend Tische. knallgrüne Wände, kein nutzloser Schnörkel, aber auch keine herzlose Innenarchitektenfantasie. Ampai hatte einen praktischen, aber familiären Charme. Und eine überschaubare Karte, was ja in aller Regel kein schlechtes Zeichen ist. Und hier ganz sicher keins war.

Sofort überzeugt: Auch dem Thailand-Reisenden Franco schmeckte es bei Ampai wie im Urlaub. Foto: Privat

Nach einem unserer Ausflüge also erzählte mir Maike, dass sie ebenjenen Laden ausprobiert und für ausgezeichnet befunden habe. Das beste Pad Thai, da sie bisher in dieser Stadt gegessen habe. Mit Abstand. Und generell alles wunderbar. Wir hielten also, und ich nahm erst einmal nicht das empfohlene Gericht, sondern Nudeln mit „dicker Soße“. Nicht weiter definiert, aber irgendwie ahnte ich, dass ich die Soße mögen würde. Ich lag richtig.

Ich wurde genau wie Maike Stammgast, oft fuhren wir zusammen zu Ampai. Schnell habe ich aufs Pad Thai umgeschwenkt, nachdem ich mich nie so richtig für das ja nun wirklich auch etwas unspektakulär aussehende Gericht interessiert hatte. Seitdem war ich Hardcore-Fan, ein Pad-Thai-Ultra. Und versuchte, meinen Freund Franco davon zu überzeugen.

Auch der Thailand-Urlauber war begeistert vom Pad Thai

Franco hatte mir in unserer bis dahin etwa einjährigen Beziehung mehrfach von seinem Thailand-Urlaub erzählt, und wie man in Deutschland einfach kein so gutes thailändisches Essen bekomme wie dort. Nun drängelte ich eine Weile, dass wir zu Ampai fahren, irgendwann hatte ich ihn soweit. Da saß er nun also, der skeptische Chilene, der nach seinem Thailand-Urlaub fortwährend von deutschen (und zuvor bereits englischen und australischen, er ist gut rumgekommen) Thai-Restaurants enttäuscht gewesen ist. Und er probierte.

Es sieht so einfach aus, aber es ist so genial: Das wohl beste Pad Thai der Stadt von Ampai. Foto: Privat

Ich hatte große Sorge, dass es ihm missfallen würde. Immer, wenn ich etwas besonders lobe, und meine Freund*innen es dann auch probieren, habe ich Angst, dass sie nicht das sehen, was ich darin entdecken kann. Das Pad Thai bei Ampai war für mich aber eine sichere Bank. Und ich sollte Recht haben. Schnell probierte er auch das Grüne Curry (etwas, das er hier zuvor ebenso nie „so richtig, RICHTIG lecker“ bekommen hatte). Und auch davon war er hin und weg.

So ging es mit den Monaten immer mehr Menschen. Meinem Vater beim Berlin-Besuch, meiner besten Freundin, allen anderen, die ich ins ferne Charlottenburg schleppte. Mal ehrlich: Dass jemand aus dem Wedding ausschließlich für ein Essen 40 Minuten anreist, ist auch eher die Ausnahme. Zumal Ampai nur tagsüber öffnete, Sonntag gar nicht. Immer wieder baute ich die Strecke in meinen Alltag ein. Oder holte Samstagmittag fürs ganze Wochenende: Zwei Pad Thai, zwei Green Curry, zwei sauerscharfe Suppen, keine 45 Euro der ganze Spaß, zudem riesige Portionen. Ampai war auch noch günstig.

Zufallstreffen am letzten Tag – jetzt bleibt die Küche kalt

Seit Corona nun waren Maike und ich nicht mehr zusammen da. Sie hatte manchmal im Auto gegessen, ich das Essen mit dem Rad geholt (vier Essen und zwei Suppen an einer Hand durch Berlin geführt geht übrigens gut in die Arme). Nachdem ich den Abschiedspost bei Facebook gesehen hatte, schrieb ich ihr sofort. Auch sie musste erst einmal kurz durchatmen. Ja, es mag dramatisch klingen, aber es war ein Lieblingsort, es war einer unserer Lieblingsorte. Ja, in Berlin gibt es vieles in gut. Aber nicht alles in perfekt. Bei Ampai war es perfekt. Wir waren traurig.

Am letzten geöffneten Samstag, am Wochenende nach Ostern, fuhren mein Freund und ich dann noch einmal hin – und, grandios, Maike stand zufällig vor der Tür, auch getrieben vom Hunger auf die letzte Portion. Monate hatten wir uns nicht mehr gesehen, Isolation, Abstand und so weiter. Nun sollten wir uns wenigsten noch einmal bei Ampai Gesellschaft leisten. Vor der Tür im Stehen aus Plastik essend. Aber nichts hätte so profan sein können, diesen besonderen, traurigen Moment zu zerstören. Die Realität hat uns mal wieder heftig eingeholt.

Köchin schafft es nicht mehr allein, kein Geld für Hilfe

Zuvor hatte Natascha Heyde uns das Abschiedsmahl gereicht, ihre Mutter Withee Benicke war die Zauberin in der Küche. Es ginge ihr gesundheitlich nicht mehr so gut, dass sie es allein schaffe, sagte die Tochter – und dafür, einen Koch anzulernen, reichten die Einnahmen nicht. Nicht in der Kombi Miete, Baustelle vor der Tür, Open End in Sachen Gastro-Lockdown.

Die zuletzt übliche Darreichungsform für Maike: Im Auto, ohne Sebastian. Foto: Privat

Zu viel auf einmal, „wir haben lange überlegt“, sagt Heyde, „natürlich“. Zum Abschied habe es viele nette Worte gegeben. Und vielleicht, sagt sie, findet sich ja ein Weg, dass wir wieder an unser Pad Thai kämen.

Der Gastronomin wurde nach sieben Jahren von Corona die Existenzgrundlage entzogen. Es ist ein Elend, ein ganz persönliches, ganz besonders für die beiden, auch ein bisschen für uns, für alle, die dieses wahnsinnig leckere Essen genießen durften und sich nun wieder umschauen müssen. Und es ist ein übergeordnetes Elend, für all die Läden, denen es ähnlich gehen wird.

Alles Gute, ihr habt uns viel Freude bereitet.


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