Deutsch essen gehen? In Berlin ist das auf vielerlei Art möglich: regional, teuer, bodenständig, aber auch nostalgisch – oder eher ostalgisch. Wir haben uns zwei sehr besondere deutsche Restaurants in Berlin ausgesucht und den kulinarischen Ost-West-Systemvergleich gewagt. Mit einem Augenzwinkern natürlich. Ein Ausflug in eine erfundene DDR in der Volkskammer in Friedrichshain und hoch in die Lüfte ins Sphere Tim Raue im Fernsehturm. Auf zu Soljanka, Goldbroiler, Kaltem Hund und Königsberger Klopsen.

Die kulinarische DDR existiert bis heute
Der Kalte Krieg ist längst vorbei, die Mauer ist vor Jahrzehnten gefallen, doch die kulinarische DDR existiert noch. Das Restaurant Volkskammer hat sich der Küche des untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaates verschrieben. Das weiträumige Lokal in einem 70er-Jahre-Bau am Ostbahnhof, auf einer Linie mit dem ehemaligen Gebäude des „Neuen Deutschland“, dem Pflichtblatt der SED, an der Straße der Pariser Kommune, könnte nicht sozialistischer gelegen sein.
Betritt man jedoch die Volkskammer, herrscht sofort DDR-Seligkeit. Die Wände sind voll behängt mit Erinnerungsstücken und Ost-Devotionalien. Bilder von Trabanten, Flaggen, Plaketten, das klassische Honecker-Porträt, Ulbricht überall, politische Kuriositäten, ein Gemälde vom Palast der Republik, Plakate der Volkspolizei – alles vor 1989. Hier ist die Mauer zumindest visuell nicht gefallen.

Die DDR hat eine eigene Kochtradition hervorgebracht, der man in der Volkskammer gerecht wird. Soljanka, Würzfleisch, „Hackepeter-Bemme“ mit Gewürzgurke und Zwiebel, um den Appetit anzuregen; als Hauptgang Goldbroiler, das berüchtigte „Jägerschnitzel“, also panierte Jagdwurst mit Spirelli und Tomatensauce, und der Klassiker „Schwalbennest“ beziehungsweise „Falscher Hase“ – Hackbraten mit Ei, dazu Püree und Erbsengemüse. Empfehlenswert ist auch der Thüringer Zwiebelrostbraten. Solide Hausmannskost, die im Kapitalismus ebenso satt macht und den Systemwechsel gut überdauert hat. Zu trinken gibt es neben diversen Bieren auch Vita Cola und Himbeer-Fassbrause, und als Nachtisch bietet sich der legendäre „Kalte Hund“ an, eine aus Keksen und Schokolade zubereitete Köstlichkeit, die man als nicht in der DDR sozialisierter Mensch wenigstens einmal in seinem Leben probieren sollte.

Die DDR hat kulinarisch schon mal ganz gut abgeschnitten, auch wenn das Regime nicht verklärt werden sollte und die Ostalgie ihre Schattenseiten haben kann: In der Volkskammer geht es darum, was auf den Teller kommt, und die Politik bietet eher ein exotisches Hintergrundrauschen. Längst ist sie gleichermaßen bei Touristen wie der Nachbarschaft beliebt und eine unterhaltsame Alternative zu den gängigen Familienrestaurants mit Pizza, Gyros oder Hamburgern im Angebot.
Berliner Küche im Fernsehturm
Jetzt aber ab in den Westen – und das ist schon wieder eine Seltsamkeit, denn der West-Berliner Starkoch Tim Raue betreibt mit dem „Sphere“ das höchste Restaurant des Landes. Im Berliner Fernsehturm, dem ultimativen Symbolbau der DDR. Dort serviert Raues Team Berliner Spezialitäten im Fine-Dining-Format. Mit dem Fahrstuhl geht es rasant auf über 200 Meter Höhe, und dort betritt man einen UFO-artigen Raum, der an osteuropäisches Science-Fiction-Kino der 1970er-Jahre erinnert. Die Stadt erstreckt sich weit um den Turm herum, die Lichterschneisen der Frankfurter Allee, die Volksbühne, der Potsdamer Platz – auf all das blickt man von den Restauranttischen während der langsamen Drehung.
Kalter Kalbsbraten oder marinierter Lachs als Vorspeise; köstlich ist auch der Berliner Brotkorb mit dreierlei Aufstrichen und süßsauren Gürkchen. Als Hauptgänge Oma Gerdas Eisbein vom Spanferkel oder die Königsberger Klopse mit Crunchy-Flocken obendrauf und einem köstlichen Püree. Auch hier gibt es ein Schnitzel, das als „Berliner Schnitzel“ in der Speisekarte firmiert, wobei es sich um ein reguläres Schnitzel handelt. Das echte Berliner Schnitzel ist panierter Kuheuter – eine eigenwillige Spezialität, die tatsächlich niemand mehr in Berlin anbietet.
Broiler und Soljanka überschneiden sich auch mit dem Angebot in der Volkskammer. Natürlich begreift sich das „Sphere“ nicht als West-Berliner oder gar BRD-Restaurant, sondern eher als Berliner Restaurant. Für den Vergleich funktioniert die Gegenüberstellung aber dennoch. Die Erkenntnis: Trotz der sehr unterschiedlichen Lokalitäten und der Tatsache, dass in DDR-Zeiten einige kuriose Gerichte erfunden wurden, hat sich die Berliner Küche in ihrem Wesen unabhängig von der Politik bewährt.
Sehr westlich wird es im „Sphere“ dann aber doch noch beim Dessert, denn „Bananen-Split“ – Vanilleeis, Schokoladensauce und Mandelknusper – erinnert schon sehr an westdeutsche Fußgängerzonen. Schmeckt aber absolut vorzüglich. Und auch das Spaghetti-Eis, das in Zusammenarbeit mit dem altehrwürdigen Spandauer Eishersteller Florida-Eis konzipiert wurde, steht eindeutig für die West-Tradition der Stadt. Die kleinen Berliner Ost-West-Unterschiede lassen sich heute gut schmecken; eine Mauer trennt sie glücklicherweise längst nicht mehr.
- Volkskammer Straße der Pariser Kommune 18b, 1Friedrichshain, Di-Sa 11-22 Uhr + So 11-17 Uhr, mehr auf der Webseite
- Sphere Tim Raue Alexanderplatz, Panoramastr. 1A, Mitte, tgl. 10-23 Uhr, mehr auf der Webseite
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