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Gastronomie in der Pandemie: Die Gretchenfrage der Relevanz

Die Pandemie setzt der Gastronomie schwer zu. Hilfen sind kein Thema mehr, und auch in Berlin werden Restaurants zum Druckmittel für eine indirekte Impflicht. Weshalb sich manch Betrieb schon wieder einen richtigen Lockdown wünscht. Unser Autor Clemens Niedenthal kommentiert die Gretchenfrage der Gastronomie.

Für Berlins Gastronomie bleibt die Pandemie eine riesige Herausforderung. Restaurants sind nun auch politischer Spielball: Keine Unterstützung, aber Mittel zum Zweck für eine indirekte Impfpflicht. Foto: Imago/Seeliger

Kann man Berlins Gastronomie keinen Lockdown mehr zumuten?

Die Gastronomie ist ein saisonales Gewerbe. Das mit den saisonalen Produkten haben wir in den vergangenen Jahren ja gelernt. Es gibt die Spargelsaison, die Rhabarbersaison, eine für den Maibock und eine für Kohlgemüse. Jetzt ist Winter. Im Winter haben wir Pandemie. 

Und doch ist einiges anders als im vergangenen Jahr. Die Restaurants und auch die Kneipen und die Bars bleiben geöffnet. Das ist der gesellschaftliche und wohl auch der politische Wille. Vielleicht soll es so etwas wie Normalität suggerieren. Normal ist es nicht.  Schon gar nicht für die, deren Benefit man in der politischen Debatte immer wieder herauszustellen versucht. Nein, den Gastronom:innen könne man keinen weiteren Lockdown zumuten.

Hotel- und Gaststättenverband gegen Booster-Regelung

Deshalb nun also 2G Plus. Berlins neue Regierende Franziska Giffey hatte gestern Abend bei RTL unterstrichen, was ihre Gesundheitssenatorin Ulrike Grote am Morgen formuliert und was heute wohl auf Bundesebene beschlossen wird: Ins Restaurant dürfen dann nur noch Geboosterte und Getestete. Die Kritik des Hotel- und Gaststättenverbandes folgte auf dem Fuß. Dort sprach man von einem „plumpen Impfanreiz auf Kosten der Gastronomie.“ Ob da was dran ist? Vermutlich.

Sagte doch Franziska Giffey heute Morgen gegenüber dem Deutschlandradio: eben genau das. Wer sich also boostern lässt, bekommt – soweit eben möglich und verantwortbar – sein soziales Leben zurück. Ein zynischer Tausch – wenn er nicht gleichzeitig so bitter wichtig und wohl auch richtig wäre.

Und außerdem: Hatte ja schon mir der Gratisbratwurst im Impfzentrum funktioniert. Oder eben nicht, Thüringen hat weiterhin eine der niedrigsten Impfquoten. Darüber hinaus ist der Unbekannte in dieser Gleichung eben eine Branche, die nun wieder selbst sehen muss, wo sie bleibt.

Lockdown als Chance? Derzeit zahlen viele Gastronom:innen drauf

Weshalb sich manch ein:e Gastronom:in nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand einen neuen Lockdown bei gleichzeitigen Coronahilfen wünscht. Momentan, sagte etwa Ben Pommer vom BRLO Brwhouse bereits vor Weihnachten, liefe der Betrieb vor allem weiter, um den Mitarbeiter:innen, diesem raren Gut, eine Perspektive zu bieten. Drauf zahle man trotzdem. Jeden Tag. Weihnachtsfeiern, alle abgesagt. 

„Und das ist ja auch absolut verständlich, wenn niemand Lust mit 40 oder auch nur den später erlaubten zehn Kolleg:innen ein Lokal zu rocken“, sagt Jeremias Stüer, der in Neukölln das Terz (in einem ehemaligen Gemeindezentrum) und das 21 Gramm (in einer ehemaligen Friedhofskapelle) betreibt. Falsch findet er hingegen, „dass dieselben Gremien, die vor einem Jahr für die Coronahilfen standen, heute nur mit den Schultern zucken“. 

Die Gretchenfrage: Ist die Gastronomie systemrelevant? Aber so einfach lässt sich das Thema nicht behandeln. Systemrelevant ist ein verantwortungsvoller Umgang von uns allen, eben uns Gästen, mit dem öffentlichen Leben, also auch der Gastronomie. Diese Verantwortung müssen wir uns leisten wollen. Weshalb es eben neue Coronahilfen braucht. Keine, die nur nach „auf“ oder „zu“ unterscheiden, sondern nach den tatsächlichen Nöten einer Branche, die nun also auch Impfanreize auf der Karte hat. Sozusagen als saisonale Spezialität.


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