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Neueröffnungen in Berlin: So cool sind Terz, Marktlokal und Julius

Wie schmeckt die Stadt nach der Pandemie? Wir haben drei unserer liebsten Neueröffnungen in Berlin, Terz, Marktlokal und Julius, besucht und festgestellt: Was zählt, ist die unbedingte Liebe zum Produkt und eine neue Lässigkeit.

Café, Deli, Weinbar, Pop-up-Restaurant, Nachbarschaftsort: das Terz im Schillerkiez ist eine unserer liebsten Neueröffnungen in Berlin.    Foto: Terz Neukölln
Café, Deli, Weinbar, Pop-up-Restaurant, Nachbarschaftsort: das Terz im Schillerkiez ist eine unserer liebsten Neueröffnungen in Berlin. Foto: Terz Neukölln

Ist uns doch Stulle, wie Berlin im Frühsommer 2021 schmeckt. Ein Sauerteigbrot mit langer Teigführung, gebacken von keinem Bäcker, sondern vom jungen Koch Maximilian Hühnergarth in einer Restaurantküche, die einmal zum Gemeindezentrum der Genezarethkirche auf dem Herrfurthplatz im Neuköllner Schillerkiez gehört hat.

Jetzt ist der Kirchenanbau mit der Glasfassade ein Restaurant, betrieben von zwei jungen Gastronomen, die sich um die Umnutzung von Sakralbauten verstehen. Daniel Kalthoff und Jeremias Stüer betreiben bereits das Café 21 Gramm in einer ehemaligen Friedhofskapelle auf dem St. Thomas-Kirchhof an der Hermannstraße.

Nun also das Terz. Eröffnet mitten im Lockdown. Als Takeaway-Lokal. Auch deshalb die Stullen. Mit fermentiertem Gemüse oder langsam gegarten Rostbraten. Und, an einem Sonntag, Muscheln und Fritten, die bereits nach 40 Minuten ausverkauft waren. St. Tropez im Schillerkiez.

Neueröffnungen in Berlin: St. Tropez im Schillerkiez

Was uns auffällt, was uns gefällt am Terz? Die Konzentration auf wenige Gerichte aus sehr guten Zutaten. Unser aktueller Lieblingsteller: ein glückliches Ei, Grüner Spargel (der keine Folie sehen musste) und salziger Cironé-Käse von Alte Milch aus der Markthalle Neun. Man kennt die Bauernhöfe und Produzent:innen. Man wurstet und werkelt selbst. Und man konzentriert sich auf das Tagesgeschäft. Auch wenn Maximilian Hühnergarth, der aus dem fabelhaften Barra ins Terz gekommen ist, ein viel zu guter Koch ist, um ihm nicht – zunächst vielleicht ein oder zweimal im Monat – auch den Abend zu geben.

„Grundsätzlich aber“, sagt Jeremias Stüer, „wollen wir bewusst mit diesen Hierarchien brechen, abends geht man mal schick essen und tagsüber wird man irgendwie satt.“ Das mit dem Brechen der Hierarchien gelingt dem Terz überhaupt sehr gut. Durst? Dagegen gebe es einen naturbelassenen Weißburgunder aus einem Demeter-Weingut. Oder eben ein Schultheiß vom Fass.

Hier hat niemand bloß einen Job: das Julius an der Gerichtstraße. Foto: Julius Berlin

Das beste Lunch der Stadt bei Julius

Auch im Wedding wird auf das Mittagessen Wert gelegt. Wir sagen: Dort gibt es das gegenwärtig beste Lunch der Stadt. Wobei Lunch vielleicht nicht der passende Begriff ist, wenn Dylan Watson-Brawn und Spencer Christenson die fokussierte, konzentrierte Produktküche aus ihrem inzwischen auf acht Plätze geschrumpften Restaurant Ernst nun auch zu Mittag reichen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite im jüngst eröffneten Julius, das schon ob seiner so schlichten wie souveränen Ästhetik auffällt. Roher Beton, klare Linien, auf den Tischen einige ausnehmend eigensinnig gewachsene Zitrusfrüchte.

Das Konzept: Von 13 Uhr bis in den Abend hinein serviert das Julius ein (vorwiegend) vegetarisches Menü aus bis zu neun Gängen (65 Euro). An den Wochenenden wird der weiße Gastraum mit Terrasse zudem zur Weinbar, deren Snackkarte sich offensichtlich an den Lockdown-Köstlichkeiten des Julius orientiert, allen voran ein schlicht perfektes Kartoffelrösti (wobei Dylan Watson-Brawn selbst noch immer das Rösti aus der Züricher Kronenhalle als Referenz nennt).

Grundsätzliche Zubereitung mit unbedingter Leidenschaft

Rösti also. Diese sehr grundsätzliche Zubereitung eines Grundnahrungsmittels. Es erzählt viel über kulinarische Sehnsüchte und Haltungen, dass eine der spätestens international am höchsten gehandelten Berliner Küchen im Jahr 2021 ausgerechnet mit sowas um die Weddinger Ecke kommt. Zum Nachtisch noch ein im Fett des Mangalitzaschweins ausgebackenes Brioche. Und eine Tasse dieses unglaublich floralen Filterkaffees, den Ryoji Kato, eigentlich der Mann an der Bar, in seiner Weddinger Wohngemeinschaft röstet.

Man könnte jetzt Nerd zu so einem sagen. Wir freuen uns über diese unbedingte Leidenschaft für ein und noch unbedingtere Nähe zum Produkt. Im Julius, und auch das ist typisch für diese neue Gastlichkeit, hat niemand nur einen Job.

Neueröffnungen in Berlin: Wirtshaus with Attitude

Zurück zum Rösti, auch Björn Persson versteht sich gut mit der Kartoffel. Und wenn man, im Kreuzberger Marktlokal, eine seiner Drillinge auf der Gabel hat, dazu zart gebeizte Lachsforelle von 25Teiche aus dem Fläming, dann hat man sofort die dilligen Sommeraromen Schwedens auf der Zunge. Und schmeckt einen Stil, wie er intuitiver nicht sein könnte. Eine Wirtshausküche, vollmundig, aber niemals feist. Eben ein Marktlokal.

Persson gehört zum jungen Team, das seit diesem Winter das Restaurant in der Kreuzberger Markthalle Neun bespielt. Die Eröffnung: mitten im Lockdown. Was sich nur in so fern als kleineres Problem erwies, dass man mit den großartigen Fish‘n‘Chips (aus Seehecht vom Fishklub) während des Takeaways einen gefeierten Bestseller geschaffen hat, den man so schnell nicht mehr los werden wird. Aber auch das ist ja typisch am kulinarischen Zeitgeist: die Sehnsucht nach Signatur-Gerichten, dem Talk of the Town.

Fünf Freunde: das junge Team vom Marktlokal plädiert für ein Arbeiten auf Augenhöhe. Neueröffnungen in Berlin
Fünf Freunde: Das junge Team vom Marktlokal plädiert für ein Arbeiten auf Augenhöhe. Foto: Marktlokal

Wir aber ahnen, dass dieses Marktlokal noch mehr auf der Pfanne hat. Und wähnen es als einen Ort, wie es ihn in Berlin zuletzt selten gab. Kein Fine Dining, keine Weinbar, keine Sharing-Dishes, sondern eine zeitgenössische Küche, entwickelt aus dem Selbstverständnis eines Wirtshauses heraus. Den passenden, seit mehr als hundert Jahren unveränderten Gastraum hat man dazu ja. Und endlich darf man in ihm auch wieder sitzen.

  • Terz Herrfurthplatz 14, Neukölln, Tel. 030/23 59 80 92, Mi–So 8–22 Uhr, Fr&Sa bis 23 Uhr, www.terz.berlin
  • Julius Gerichtstraße 31, Wedding, Do-So 13–20.45 Uhr (nur mit Reservierung/Ticket), Fr–So ab 17 Uhr zusätzlich Weinbar & Snacks. bei Instagram: julius.ernst.berlin
  • Marktlokal Pücklerstraße 34, Kreuzberg, Tel. 030/28 66 51 22, Mi–Fr 15–22 Uhr, Sa&So 12–22 Uhr, www.marktlokal.berlin

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Noch mehr Neueröffnungen? Wie wäre es mit einem Besuch beim Tante Fichte Speiselokal in Kreuzberg: Es bleibt in der Familie. Bei Pizzahunger empfehlen wir die Pizzeria Mamida im Prenzlauer Berg: Jenseits von Napoli. Fastfood mal anders: beim Slider-Lokal Crackbuns in Mitte gibt es maximal minimale Burger.

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