Geschmacksrichtung Glück

Zwei Cousins, eine Philosophie: essen, wie man sich wohlfühlt. Nadav Kundel ist schon seit sechs Jahren in der Berliner Gastronomieszene unterwegs, erst im israelischen Night Kitchen in den Heckmannhöfen, zuletzt im kurzlebigen Scirocco am Kurfürstendamm. Gil Azrielant, sein Cousin, hatte mit Gastronomie bis dato nur wenig am Hut – der Liebe wegen nach Berlin gezogen, blickt er auf eine Karriere im Tech-Business.
Saint Farah: „nicht zu fein und nicht zu teuer“
Wäre da nicht dieser eine Abend gewesen, an dem die beiden Cousins in einem Restaurant saßen und darüber sprachen, wie ihr ideales Restaurant aussehen würde, was auf das Menü käme, welche Getränke es geben sollte. Und plötzlich war klar: Sie müssen gemeinsam eins eröffnen. Ihr eigenes. Gut ein Jahr später sitzen sie in ihrem eigenen Laden, Saint Farah heißt der, nach ihrer aus dem Irak stammenden Großmutter benannt. Und so herzlich, wie sie diese Frau in Erinnerung haben, so herzlich soll es auch im Saint Farah zugehen: „Es muss eine warme Atmosphäre herrschen, wir brauchen Lächeln, es muss sich anfühlen wie eine Party“, erklärt Kundel, „die Leute müssen jetzt nicht auf den Tischen tanzen, aber es soll eine besondere Stimmung in der Luft liegen, die alle Gäste gegenseitig inspiriert. Das Essen soll außergewöhnlich sein, aber auch nicht zu fein und nicht zu teuer. Und trotzdem soll es kein Imbiss sein.“
Miso, Mole und Chili-Knusper
Damit wäre schon mal reichlich präzise und trotzdem breit definiert, was denn nun auf den Tisch kommt: Es ist eine im besten Sinne grenzenlose Küche. Kundel und Azrielant sind Israelis, ihre Küche nennen sie aber „Modern Mediterranean“, es werden keine Landesküchenklischees nachgekocht – die gibt es anderswo zu Genüge zu kosten – sondern Wohlfühlküche, die sich nicht irgendwo einsortieren lässt. Eine vegetarische Caesar-Salad-Variante mit Miso und mediterran-inspirierte Chili-Knusper etwa, ein gegrilltes Hähnchen mit mexikanischer Mole. Japanisch inspiriertes Lachstartar, aber mit brauner Butter. Und eine ganz eigene Antwort auf Dolma, Lammfleisch mit etwas Reis, eingewickelt in Mangold und gegrillt, dazu pink-vibrierender Ketchup aus Roter Beete.
Unterteilt ist die Karte in Mezze – von denen man vier für 32 Euro bekommt und sechs für 40 Euro –, Vorspeisen und Hauptgerichten. Wer die große Reise will, wird für 65 Euro pro Gast selig satt.

Ins Glas kommen dazu trinkige, allerdings nicht wirklich ausgefallene Weine vom Fass, hausgemachte Limonaden oder Cocktails, von denen sich die Standards eher empfehlen als die etwas zu gefälligen und erwartbaren Hauskreationen. Will man es richtig krachen lassen, kann man sich zudem unter den flaschenweise angebotenen Weinen bedienen.
Ein Ort für die Nachbarschaft will das Saint Farah sein. Schließlich war auch das Marina Blu, das die Immobilie zuvor viele Jahre bespielt hatte, ein wichtiger Ort für viele Anwohner:innen. Diese Geschichte wollen die beiden Gastronomen fortsetzen und haben den Gastraum nur behutsam renoviert, ihn sich aber dennoch zu eigen gemacht. „Wenn das Team glücklich ist, wird es sich auch auf alle anderen übertragen“, sagt Azrielant.
Wir zumindest haben das Lokal an diesem Abend euphorisch verlassen
Saint Farah Weinbergsweg 8a, Mitte, Di–Do 18–23 Uhr, Fr+Sa 18–23.59 Uhr, Website
