Essen & Trinken

Resteessen als Event

dinner_exchange_kerstin_anders_hipiAußerhalb der Markttage herrscht hier sonst eher Stille. Doch heute bietet sich den Kiez-Bewohnern, auf dem Sprung zum anliegenden Aldi, in der Kreuzberger Markthalle ein ungewöhnliches Bild: In einer Ecke steht eine lange, mit Kerzen und frischen Blumen eingedeckte Tafel. Drumherum sitzen knapp 40 Gäste. Zwei junge Frauen wuseln um den Tisch, schenken Wein nach und reichen den Anwesenden Schälchen. Eine spontane Feier unter Freunden? Was zufällige Besucher nicht ahnen: Weder kennen sich die dort Sitzenden, noch handelt es sich um ein gewöhnliches Essen. Sandra Teitge (Foto rechts)und Sarah Mewes – man könnte sie an diesem Abend irrtümlicherweise für Servicekräfte halten – sind die Veranstalterinnen dieses Events. Dinner Exchange nennt es sich und beruht auf der Idee, aus Nahrungsmittelresten ein komplettes Menü auf die Beine zu stellen. „Wir kennen das Dinner Exchange aus London, von unserer Freundin Alice Planel, die das dort seit 2009 betreibt“, erklärt die schwarzlockige Mewes, die in London als Wirtschaftsjournalistin arbeitet.

sandra_teitge_kerstin_anders_hipiDer Beschluss, in Berlin ein Resteessen als Event aufzuziehen, wurde zunächst in Teitges Wohnung und mit Bekannten und Freunden als Testesser ausprobiert. Das war aber schon bald so erfolgreich, dass die monatlich stattfindenden Essen – Mewes reist dafür jedes Mal aus London an – in einen größeren Raum, erst in den Veranstaltungsort Merkezi und schließlich in die Markthalle, verlegt wurden. „Das ist auch praktisch wegen der größeren Küche“, denn Mewes und Teitge – beide keine ausgebildeten Köchinnen – stehen an den Dinnerabenden selbst am Herd. Was gekocht wird, entscheiden sie spontan. Schließlich ist die Zusammenstellung der Speisen von den Lebensmittelresten abhängig, die sie am Tag des Dinners auf den Märkten am Winterfeldtplatz und am Maybachufer ergattern.

In der Markthalle zieht ein aromatisch süßlicher Duft durch die Luft. Das Dessert wird serviert: Apple Crumble mit rotem Pfeffer. Der Abschluss des Vier-Gänge-Menüs steht seinen Vorgängern Gazpacho, Brokkoli im Sesammantel an Mango-Orangen-Ingwer-Dip und Pasta al Melone in nichts nach. Keiner der Anwesenden würde auf die Idee kommen, dass hier mit Abfällen gekocht wurde. Aus den Medien ist es längst bekannt: 82 Kilogramm Nahrungsmittel pro Person landen jährlich im Müll – vom abgelaufenen Joghurt bis hin zum angefaulten Apfel. Ganze zwei Drittel dieser Abfälle, so zeigt die aktuelle Studie der Universität Stuttgart weiter, wären vermeidbar. Hochgeschreckt von diesen Zahlen reagiert nun auch Verbraucherministerin Ilse Aigner: Vor zwei Wochen versammelte sie auf der Fachkonferenz „Zu gut für die Tonne“ Experten aus Industrie, Handel, Gastronomie und Landwirtschaft.

Mit ihren Dinnerexchange stellen sich Teitge und Mewes dem Problem des bewussten Konsums. Der anfängliche Austausch über Sinn und Notwendigkeit mündet aber bald in einen genussvollen Abend. „Klar ist es schön, wenn sich die Leute über das Thema Verschwendung unterhalten, aber vor allem sollen sie sich kennenlernen. Es geht darum, einen schönen Abend zu verbringen. Ich würde das Dinner Exchange zu 50 Prozent als Aufruf verstehen und zu 50 Prozent als Event“, sagt Mewes.
Am Ende des Abends – gesättigt und um einige Bekanntschaften reicher – ist es jedem Gast überlassen, wie viel er für das Essen zahlen möchte. Die Einnahmen gehen an Organisationen wie Slow Food, die sich für einen bewussteren Umgang mit Lebensmitteln einsetzen.

christopher_belnou_kaethe_kowaleswski_c_kerstin_anders_hipiWährend einerseits etliche verzehrfähige Tonnen Lebensmittel weggeschmissen werden, leben andererseits Millionen Menschen in Einkommensarmut. Seiner sozialen Verantwortung nachkommen und sich für diese Menschen engagieren, kann jeder. Manchmal braucht es einen besonderen Moment, um selbst aktiv zu werden. Bei Denis Ranogajec, einer von drei Inhabern des Restaurant Schneeweiß, und seinen Mitarbeitern Christopher Belnou und Käthe Kowalewski (Foto links)), war das die Kältewelle im vergangenen Februar. „In der Zeit gab es viele Kältetote. Eine Freundin hatte die Idee, Thermoschlafsäcke zu kaufen und sie an Obdachlose zu spenden. Kurz darauf kam Käthe mit dem Vorschlag, für Obdachlose zu kochen“, erzählt Ranogajec. Den Anstoß erhielt Kowalewski, die im Schneeweiß eine Ausbildung zur Köchin macht, von ihrer Mutter. Die engagiert sich für die Facebook-Gruppe „Kochen für Obdachlose“ – eine Initiative, die gastronomische Betriebe
dazu auffordert, Wohnungslose mit warmen Mahlzeiten zu versorgen.

Umgesetzt wurde die Idee – ermöglicht durch Spenden von Mitarbeitern und Lieferanten – schließlich Ende Februar in der Caritas Wärmestube in Wilmersdorf. Das Drei-Gang-Menü hatten Kowalewski und Souschef Belnou vormittags zubereitet, vor Ort waren sie dann mit Aufwärmen und Anrichten beschäftigt. Chef Denis Ranogajec übernahm kurzerhand den Service für die etwa 70 ahnungslosen Bedürftigen. „Das Besondere für sie war, dass sie mit einer Qualität verwöhnt wurden, die sie so gar nicht kennen. Viele haben uns ihre Geschichte erzählt und gesagt, dass sie das letzte Mal vor 20 Jahren bei Muttern so gut gegessen hätten. Für eine kurze Zeit wurden sie aus ihrem Alltag gerissen und wir auch“, erzählt Ranogajec sichtlich begeistert.

Gemeinsam mit seinen Partnern Marcel Singer und Kevin Elias engagiert er sich regelmäßig für soziale Initiativen, zuletzt für das Audio-Projekt „Stimmen in der Stadt“ zum Welt-Aids-Tag. „Für uns ist es eine tolle Erfahrung, so etwas gemeinsam zu organisieren. Es ist gut für unser Team und positioniert uns auch in der Szene.“ Das Leben in Berlin, darüber sind sich Ranogajec, Kowalewski und Belnou einig, hat sich gewandelt, der soziale Druck steigt. „Armut wird in der Öffentlichkeit immer präsenter und die Notwendigkeit zu helfen, wird immer mehr bestehen.“ Umso wertvoller erweist sich das Engagement der Gastronomie. „Man muss ein Bewusstsein schaffen“, fährt Ranogajec fort, „und ich denke, dass die Berliner Gastronomie mit ihrer Vielfalt nicht nur die Möglichkeit hat, Berlin interessant zu gestalten, sondern auch Berlinern zu helfen“.

Text: Annemarie Diehr

Fotos: Kerstin Anders / HIPI

Dinner Exchange www.dinnerexchangeberlin.wordpress.com

Schneeweiß Simplonstraße 16, Friedrichshain, Tel. 29 04 97 04, www.schneeweiss-berlin.de

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