Essen & Trinken

Rogacki: Abschied von einer einzigartigen Institution

Berlin lebt von und mit seinen Institutionen. Seit dem vergangenen Wochenende gibt es eine weniger. Rogacki, diese sehr einzigartige Feinkost- und vor allem Fischhalle in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg, bleibt mindestens vorläufig geschlossen. Dietmar Rogacki, der Inhaber dieses allzu inhabergeführten Imperiums, war im Mai beim Brand seines in den Boulevardmedien zur Villa stilisierten Einfamilienhauses in Spandau ums Leben gekommen. Schon davor, so hörte man, kriselte es im siebziegerjahreschönen Lebensmittelkaufhaus. Die Rezession nagte an Rogacki und auch der Zahn der Zeit. Mehr als unklar ist, ob es weitergehen wird. Und wenn, ob mit neuem Konzept. Wir haben aus diesem Anlass ein herzenswarmes, aber scharf beobachtendes Porträt unseres Autors Jochen Overbeck von 2019 aus dem Archiv geholt.

Rogacki in Charlottenburg. Foto: David von Becker

Im Westen nichts Neues

Einmal war sogar der legendäre Anthony Bourdain zu Besuch. „Oh mein Gott, der Ort ist ja gigantisch“, staunte er, und dann verbrachte der US-amerikanische Fernsehkoch beinahe einen gesamten Tag bei Rogacki; fraß sich durch wie eine Apfelraupe, probierte verschiedenste Sülzen, dreierlei Hering, Spargel (es war gerade Saison), lobte den frischen Geruch, der aus den Theken strömte und die Farben, die sich da auf den Tellern zu besten Gemälden zusammenfanden. Wenn man Dietmar Rogacki zu diesem Besuch befragt, erinnert er vor allem ein technisches Detail. Das Bourdain-Team habe ganz anders gefilmt als die Kollegen der deutschen Sender. Akrobatischer, vielseitiger. Von unten seien die mit ihren Kameras oft gekommen. Ansonsten sei Bourdain ein feiner Kerl gewesen, doch doch. Und das Geschäft habe er schon ein bisschen angekurbelt, einige Touristen seien so auf seinen Laden gestoßen.

Rogacki ist eine Institution, und das seit Dekaden: 1928 eröffnen Paul und Lucia Rogacki ihren „Räucherwarenhandel“ in Wedding. Es war ein kleiner Laden, einen Teil der Ware schafften Paul und seine Schwester, das Mariechen, Tag für Tag mit dem Bollerwagen auf den Markt am Alexanderplatz. Das Geschäft lief gut, und so eröffnete man 1932 eine eigene Räucherei in Charlottenburg. Der Krieg traf den Betrieb empfindlich, wie Fotos aus den damaligen Zeiten zeigen, doch er beendete ihn nicht. Die Expansion erfolgt in den Wirtschaftswunderjahren; ab den 1950ern gibt es bei Rogacki auch Fleischwaren. 1972 wird umgebaut und modernisiert, die große, an allen Flanken von Verkaufstheken begrenzte Halle entsteht in ihrer ersten Variante.

Rogacki: Die Konstante am unentschieden wirkenden Ende der Wilmersdorfer Straße

1992 wird schließlich der vordere Teil des Hauses, in dem bis dato ein Schuhgeschäft residierte, in den Laden integriert. Seitdem ist Rogacki die Konstante an jenem Ende der Wilmersdorfer, das schon immer ein wenig unentschieden wirkt. Nicht mehr Fußgängerzone, aber trotzdem lebendig, bisweilen gar ruppig. Schwankend und taumelnd zwischen Billigbäcker und Baumarkt. Der Rogacki-Fisch, dieses blaugrüne Pop-Art-Ding, blickt vom Grau der 70er-Jahre-Fassade herunter, ganz so, als wolle es sagen: Sorgt euch nicht. Ich passe schon auf.

Dietmar Rogackis Fenster gehen nicht auf die Wilmersdorfer, sondern auf den Innenhof hinaus. Wenn man mit dem Chef in seinem Büro sitzt, rechterhand beugen sich die Regalbretter unter den schweren Aktenordnern, fallen rasch zwei Dinge auf. Zunächst: Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Mit kurzen, aber prägnanten Sätzen schießt er auf all das, was ihn stört an den modernen Zeiten.

Bemerkenswert ist aber noch etwas anderes: Rogackis Augen sind Gebirgssee-blau. Eigentlich sollten sie einmal seine Werkzeuge werden, als junger Mann fotografierte er auf Rock-Konzerten. Zum Brotjob wurde das nicht, das Leben hatte andere Pläne mit ihm. Der Vater stirbt früh, er steigt in den Betrieb ein. Wenn er da berichtet von seinem Leben zwischen all den Delikatessen, bekommt man ein ziemlich gutes Sittenbild Deutschlands gemalt. Die Westberliner Zeiten, als alles immer größer und üppiger wurde. Die großen Lebensmittelskandale, einer traf ihn besonders: Als 1987 ein Team der TV-Sendung „Monitor“ von Fadenwürmern in Speisefischen berichtete, brach der Umsatz über Nacht ein. Die Wende, nach der die Ostberliner kamen und vor allem Sprotten aßen – die gab es offenbar in der DDR nicht.

Ein Feinkostladen als Möglichkeitsraum

Und die letzten Jahre, in denen wirklich jeder zum Foodie wurde. Rogacki belächelt diese Entwicklung, schimpft ein wenig auf die Kollegen einer ganz bestimmten Markthalle. „Man kann’s doch auch übertreiben“, sagt er und berichtet davon, wie er einmal doch versuchte, up to date zu sein: Eine Agentur hatte ihm empfohlen, doch einmal mit Influencern einzuladen. „Ich habe dann bei einem verfolgt, was der sonst so macht – der hat sich jeden Tag woanders einladen lassen.“

Aber natürlich hat die Moderne längst den Alten Westen erreicht. Wer seine Nahrungsaufnahme in den Food-Courts von Bikini Berlin oder Kadewe zelebriert, hat die Wahl zwischen Ramen und Health Bowl, zwischen Rohkost und echt neapolitanischer Pizza. Nachspülen kann er mit Craft Beer oder Flat White. Die Asia-Läden an der Kantstraße sind ebenso cool wie jene an der Torstraße. Und hippe Burger-Bratereien aus Mitte haben Filialen an den Boulevards von Wilmersdorf und Charlottenburg eröffnet. Es ist nicht so, dass diese neuen Zeiten an Rogacki vorbeiziehen, die jeweiligen Fachbereiche werden durchaus up to date gehalten. Vorne, am Backwarenstand, lacht der ganz wunderbare Bienenstich aus Sarah Wieners Holzofenbäckerei aus der Vitrine, und wer ein gutes Steak sucht, hat an der Fleischtheke eine großartige Auswahl.

Und auch im Kerngeschäft versucht man bisweilen Neues. So bot Rogacki vor einigen Jahren den „Hauptstadtbarsch“ an. Ein Fisch, der von einem Startup gehalten wird, das Aquaponik betreibt. Das ist ein Verfahren, das Aquakultur mit Hydrokultur verbindet: Die Exkremente des Fisches ernähren die Pflanzen. „Der Fisch stammte aus Tempelhof. Regionaler geht’s doch gar nicht!“, sagt Rogacki. „Aber er war ein Ladenhüter. Die Kunden griffen lieber zu den Produkten, die sie kannten.“ Der Rotbarsch. Der Kabeljau. Das sind die Bestseller. Und alles, was aus den großen Buchenholz-Räucheröfen kommt, die sich wie schwarze Schlunde in den Verkaufsraum öffnen und ein großer Glücksfall sind: Heute würde so etwas mitten in einer Großstadt wohl nicht mehr genehmigt werden.

Die grüne Kunststoffdecke hängt über der großen Halle wie der blaue Himmel über der Stadt. Foto: David von Becker

Rogacki beobachtet den Markt also sehr genau. Aber niemand denkt hier daran, an der DNA zu rütteln. An den Stehtischen, die mit ihren Tablettablagen im Unterbereich so wahnsinnig praktisch sind, an einer Optik, die nicht retro ist, wie so oft bei der Konkurrenz, sondern genuin vintage: Die grüne Kunststoffdecke hängt über der großen Halle wie der blaue Himmel über der Stadt. Weite Teile der Deko und der Beschriftungen scheinen aus den 70er- und 80er-Jahren zu stammen, am schönsten ist das Comic-Huhn, das am Geflügelstand froh aus dem Suppentopf winkt, in dem es gekocht wird.

Alterslose Blondinen schlürfen die Austern und den MOET, der in der Speisekarte groß geschrieben wird – ganz wie in einem Pop-Roman der Achtzigerjahre

Vor allem aber ändert sich recht wenig an all den Speisen, die die Damen und Herren des Restaurantbereichs großzügig portioniert auf die Teller ihrer Gäste schlagen. „Wir könnten all das gar nicht ändern“, sagt der Chef. „Die Leute wären doch enttäuscht“.

Das Berliner Publikum kehrt bei Rogacki ein, weil es bei Rogacki einkehren möchte

Er hat vermutlich recht, denn es verhält sich doch so: Während das KaDeWe und das Bikini Berlin zumindest zu großen Teilen aus Touristen bestehen, verkehrt im Kiez rund um die Wilmersdorfer Straße vor allem Berliner Publikum. Es kehrt bei Rogacki ein, weil es bei Rogacki einkehren möchte, und das häufig seit Jahren. Ein kurzer Gruß zwischen Stammgast und Verkäuferin hier. Ein Schulterklopfen im Vorbeigehen, man kennt sich. Deshalb ist Rogacki nicht nur ein Feinkostladen, sondern auch ein Möglichkeitsraum, bisweilen sogar eine Bühne mit angeschlossenem Zuschauersaal.

Das Distinktionsstreben der jüngeren Gourmet-Orte fehlt völlig. Foto: David von Becker

Wer mittags die große Halle betritt, wird das sehen, was es in der Gastronomie immer weniger gibt: eine Berliner Mischung. Da sitzen, pardon, stehen Handwerker und Bauarbeiter, die sich ihre Bulette mit Kartoffelsalat einverleiben ebenso wie die berüchtigten Wilmersdorfer (oder: Charlottenburger) Witwen, die das panierte Fischfilet meistens halbiert wollen, sonst ist das ja so viel, ach ja, und einmal Remoulade dazu. Da schlabbern Grundschulkinder unter väterlicher Aufsicht freudvoll in der Schlemmerecke an einem Krabbencocktail, schlürfen eigenartig alterslose Blondinen die Austern und den MOET, der in der Speisekarte groß geschrieben wird, ganz wie in einem Pop-Roman der Achtzigerjahre. Wer möchte, kann auch eine Edelfischpfanne in Hummersauce zu sich nehmen, die schlägt mit 19,80 Euro zu Buche. Rogacki ist für pragmatische Nahrungsaufnehmer also ebenso ein Zuhause wie für Genießer. Das Distinktionsstreben der jüngeren Gourmet-Orte, die Aahs und Oohs und Hastenichgesehns, all das fehlt indes völlig.

Was auch fehlt, selbst an Tagen, an denen viel los ist, ist dieses beinahe aggressive Gedränge, das man aus den Hotspots der jüngeren Generation kennt. Sogar im Bourdain-Video fällt das auf. Da kaufen im Hintergrund die Berliner ein, ohne sich groß über den besonderen Gast zu wundern. In der Ruhe liegt die Kraft, sagt der Volksmund. Manchmal liegt die Kraft eben auch in einer seit Dekaden gut sortierten Fischtheke.


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