Essen & Trinken

Roland Marys Gastronomie in Berlin

Mary-Ann Weber

Roland Mary verliert nicht gerne viele Worte. Mit seinen Gästen nicht und mit der Presse schon gar nicht. Der Wirt, dem in Berlin vier Restaurants gehören und der mit seiner Catering-Firma für die Versorgung der O2-Arena zuständig ist, lässt sich nicht gerne in die Karten schauen. So verwundert es auch nicht, dass er schweigt, während ihn langjährige Mitarbeiter verlassen und in einem Restaurant unkommentiert die Türen geschlossen und  die Fenster verhängt werden. Das San Nicci, das einmal einen ähnlichen Stellenwert als Promi-Treffpunkt wie das Bor­chardt bekommen sollte, ist seit über zwei Wochen geschlossen. Die Küche im Asphalt, der Club am Gendarmenmarkt, an dem Roland Mary noch im Oktober aktiv beteiligt war, macht jetzt Tim Raue. Das langjährige Gesicht des Borchardt, Gastgeber Rainer Möckel (Foto), begrüßt nun die Gäste im Vox am Pots­damer Platz. Außerdem machen seit Wochen Kündigungsgerüchte seines Küchendirektors Markus Herbicht die Runde.

Mary-Ann WeberWas ist passiert? „Alles o.k.„, wiegelt die Sprecherin aus dem Hause Mary ab. Im San Nicci (Foto) plane man ein neues Konzept. Aus dem Italiener soll ein Kaffeehaus werden, das „zum Verweilen einlädt“. Die Mietverhältnisse im Admiralspalast haben sich geändert, deshalb könne nun endlich auch umgebaut werden, wie es von Anfang an geplant war. Vielleicht hatte man sich auch erhofft, dass mehr Gäste aus dem Admiralspalast nach der Vorstellung kommen. Wann man wiedereröffne, sei noch nicht klar. Bauarbeiten dauern ja immer etwas länger, heißt es, deshalb werde kein Datum genannt. Und warum die Änderung des Konzeptes? Es sei zeitgemäßer, heißt es von der Sprecherin, und ein Kaffeehaus passe besser in die Friedrichstraße, die sich langsam in eine Flaniermeile entwickle.

Dabei ist es ein offenes Geheimnis, dass das San Nicci nicht lief. Vielleicht war es die Küche, oder einfach schlechtes Karma. Doch auch mit verschiedenen Küchenchefs entwickelte sich an der Friedrichstraße nie ein zweites Borchardt. „Von 180 Plätzen im Gastraum waren öfter nur 40 besetzt„, erinnert sich Rainer Röckel. Er war zum Schluss Gastgeber im Restaurant. Möckel gab sein Bestes, versuchte, Stammgäste vom Borchardt ins San Nicci zu ziehen. Doch während am Gendarmenmarkt die Leute um Tische bettelten, blieb das San Nicci leer und ist nun ganz geschlossen. Ob es wieder aufmacht? Rainer Möckel lächelt und schweigt. In anderen Mary-Restaurants fanden Umbauten je­denfalls immer nur nachts statt, sagt er. „Da wurde der Gast­betrieb aufrechterhalten.“ Rainer Möckel ist jemand, der Roland Mary so gut kennen dürfte wie kaum ein anderer. 18 Jahre lang war er das Gesicht des Borchardt. Er begrüßte die Gäste, viele kannte er beim Namen. Er las Klatschpresse, um im Bilde zu bleiben über das Wer-mit-wem vor allem das Wer-mit-wem-nicht-mehr. Er führte Small­talk und sorgte bei manchem prominenten Gast dafür, dass ihm keine Autogrammjäger auf die Pelle rückten. 2003 war Möckel dafür mal Maоtre des Jahres. Keinen einzigen Tag bereue er, außer vielleicht die Zeit im San Nicci, „die hätte ich mir sparen können“. Dorthin wurde er geschickt, um das Restaurant zu retten. Für Möckel, den Promi-Gastgeber, eine Strafbank. „Aber wenn die Zeit nicht gewesen wäre, stünde ich vielleicht in zehn Jahren noch im Borchardt.“

Die Zeit war reif für Veränderung. Seit Anfang Mai ist er weg von Roland Mary und begrüßt die Gäste im Vox am Potsdamer Platz. Alles ist noch recht neu für ihn. Die Krawatte, das Namensschild an der Brust. „Der Umgang mit den Leuten ist hier anders“, sagt er. Im Borchardt seien die Bedienungen abends um ihr Leben gerannt, viele Tische wurden zwei-, dreimal besetzt. Hier fühlt er sich wohl, hier war er elf Jahre lang Stammgast, gleich um die Ecke wohnt er mit seiner Frau und zwei Töchtern. Hierher, so die Hoffnung der Geschäftsführung, zieht Möckel nun seine prominente Klientel. Ins Vox, das gastronomisch dem Borchardt um Längen voraus ist, aber trotz der unmittelbaren Nähe zum Berlinale-Palast bei weitem nicht so hochkarätige Gäste zieht. Röckel überlegt lange, bis ihm das richtige Wort für den Grund einfällt. „Gediegener“ sei das Vox, findet er. Doch überragende Küche reicht nicht, auch die Stimmung muss passen. Dafür will Möckel nun sorgen.

Mary-Ann WeberEin paar hundert Meter weiter östlich am Gendarmenmarkt, gleich in der Nähe des Borchardt liegt der Asphalt-Club, das zweite Sorgenkind von Roland Mary. Im Oktober hielt er zusammen mit Daniel Höferlin noch Namen und Gesicht hin für den Club­betrieb und das zugehörige Restaurant Faces hinten im Nebenzimmer. Doch der Club im Keller des etwas spröden Hotel Hilton hatte Startschwierigkeiten, war weniger erfolgreich als geplant. Es ist schwierig, Leute zum Essen in einen Keller zu locken, wenn man gastronomisch keinen Knaller bietet. Das Asphalt-Restaurant tauchte irgendwann auf Schnäppchenseiten im Internet auf, auf denen man Menüs für die Hälfte ergattern kann. Mary zog sich recht schnell aus dem operativen Bereich zurück, wurde stiller Teilhaber und übergab Höferlin das alleinige Zepter für die Organisation. Vor einigen Wochen übernahm Tim Raue mit seinem Küchenchef Alexander Rost (Foto) die gastronomische Verantwortung. Er lernte bei Tim Raue, war neun Jahre für ihn tätig, im Uma, auch im Felix Clubrestaurant. Dann ging es anderthalb Jahre in die Cantina der Bar Tausend. Club­-res­taurants sind sein Ding. Da er selbst gerne feiern geht, weiß Alexander Rost, was die Gäste brauchen. Früher gab es gratinierten Ziegenkäse oder Pasta mit Carbonara. „Man muss den Leuten Kraft spenden, bis sechs morgens im Club zu tanzen. Das geht nicht mit schweren Speisen“, sagt er. Der Koch mit Vollbart und längerem Haar präsentiert seinen Gästen nun leichte Gerichte, Lachs, Fisch, Spargelstangen, nichts, was schwer im Magen liegt.

Roland Mary hatte mit der Küche nie etwas zu tun, es habe sich nichts verändert, sagt seine Sprecherin. „Clubküche war einfach nichts für ihn“, sagt dagegen Alexander Rost. Mary fühlt sich durch öffentliches Trara in seinen Plänen gestört, agiert lieber im Verborgenen. Manche nennen das Diskretion, andere Geheimniskrämerei. Klar ist nur, dass das San Nicci für unbestimmte Zeit auf Eis liegt, während sich ehemalige Mitstreiter neu orientieren.

Text: Antje Binder

Foto: Ann-Mary Weber / HIPI


Asphalt Mohrenstraße 30, Mitte, Tel. 22 00 23 96, Reservierung Restaurant: 0174-53 99 509, www.asphalt-berlin.com, Do-Sa 20 Uhr

Borchardt Französische Straße 47, Mitte, Tel. 81 88 62 62, tgl. ab 11.30 Uhr, Küche 12-24 Uhr

Vox Marlene-Dietrich-Platz 2, Tiergarten, Tel. 25 53 17 72, www.vox-restaurant.de, tgl. 6.30-10.30 + 12-14.30 + 18.30-24 Uhr

Mehr über Cookies erfahren