Das Sandwich ist das perfekte Gericht zur Zeit: Auch üppig belegt passt es in ein schmales Portemonnaie. Unsere Autorin hat das Romeo’s besucht, den Sandwich-Hype der Stunde. Und zwei junge Menschen getroffen, die es drauf haben.

Foto: Mak
Das kulinarische Berlin kann vieles: radikal lokal und gleichzeitig weltoffen sein, sehr guten Kaffee rösten, wunderbares Sauerteigbrot backen, Pfannkuchen, Currywurst und Döner erfinden – nur an einer Sache hat es bisher gehapert: an einem guten Sandwich. Natürlich kennen wir in Deutschland belegte Brote, aber das klassische Sandwich war in Berlin bislang schwierig zu finden. Dabei passt kaum ein Gericht besser zum Berliner Lebensgefühl: Das Sandwich steht symbolisch für den kleinen Luxus in Zeiten wirtschaftlicher wie politischer und sozialer Unsicherheit. Es ist unprätentiös, und selbst ein teures Sandwich passt noch in ein schmales Portemonnaie.
Romeo’s ist in Kreuzberg in guter Gesellschaft
Das Epizentrum einer neuen, ambitionierten Sandwichkunst findet sich rund um die Reichenberger Straße in Kreuzberg: Da wäre etwa Smooches, zu Deutsch „Knutscher“, die es bereits in die aktuelle tipSpeisekarte geschafft haben. Der gebürtige Kalifornier Joe Parenti belegt dort hausgebackene English Muffins oder Sauerteig-Focaccia mit Ei und Frühstückswurst, frittiertem Hähnchen oder Selleriewurzel. Einst Koch im renommierten Zuni Café in San Francisco, lässt er es sich nicht nehmen, nahezu alle Zutaten selbst herzustellen – und ein wenig kalifornische Sandwichkultur nach Kreuzberg zu importieren.
Nur wenige Schritte weiter, Ecke Glogauer Straße, hat gerade Bagel Bro eröffnet, mit einer holzgezimmerten Sonnenterrasse und den titelgebenden Bagelsandwiches, entweder ganz klassisch mit Lachs und Frischkäse belegt oder als Frühstücksbagel mit Ei, Käse und hausgemachtem Sausagepatty.
Gehobene Sandwichkunst
Den Sandwich-Hype der Stunde trifft man wenige Ecken weiter in der Lausitzer Straße: Romeo’s. Der Ende März eröffnete Laden von Rochelle Bambury und Olle Hoolboom ist nicht nur ein gutes und extrem leckeres Beispiel für gehobene Sandwichkunst. Es ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie sich junge Gastronom:innen selbstbewusst eine Arbeitsumgebung schaffen, die noch genügend Raum für das Leben lässt.
Eben dafür eignet sich ja auch das Sandwich ausgezeichnet: Als Lunchgericht kann man genau kalkulieren, wann Feierabend ist. Und es ist niedrigschwellig, ja erschwinglich genug, dass man nicht wie ein Alien in der eigenen Nachbarschaft schwebt. Treiber der Gentrifizierung, so hört man es ja immer wieder, sei eben auch die Gastronomie. Wenngleich es sich natürlich kein Koch und keine Köchin leisten könnte, in eben dieser Nachbarschaft zu leben.

Für Olle Hoolboom, aufgewachsen bei Amsterdam, war der legendäre Eetsalon Van Dobben eine zweite Heimat und der Ort, an dem er schon als Kind Sandwiches lieben gelernt hat. Seine Geschäfts- und Lebenspartnerin Rochelle Bambury wuchs in Großbritannien und Australien auf, zwei Länder in denen Sandwiches selbstverständlich zur Alltags- und auch Genusskultur gehören. „Jede:r liebt Sandwiches“, erklärt die Tochter zweier Gastronom:innen, „egal aus welcher Kultur man stammt, es gibt immer eine Art Sandwich.“
Bei Romeo’s ist eigentlich alles hausgemacht
Auch ihre Sandwiches verlangen viel Vorbereitung – denn auch bei Romeo’s ist eigentlich alles hausgemacht. Bambury und Hoolboom backen ihr eigenes Focaccia, nur das Brot für die gegrillten Sandwiches kommt von der Friedrichshainer Bäckerei Keit. Die Zeit, in der sich die beiden die Nächte in der Berliner Gastronomie um die Ohren schlagen mussten, sind allerdings vorbei: Jeden Tag gibt es eine bestimmte Anzahl an Sandwiches, und wenn sie ausverkauft sind, war es das für den Tag. „Wir wollen uns Zeit lassen, bevor wir wachsen und uns vergrößern“, sagt Hoolboom.
Das luftige Ladenlokal ist inspiriert von US-amerikanischem Diner-Design, und von der Tatsache, dass man sich ein komplettes Make-over nicht leisten konnte. Renoviert wurde in Eigenregie.
Kaum einen Monat nach Eröffnung ist das Lokal bereits kurz nach 11 Uhr voll von begeisterten Fans ihres himmelhoch belegten „The Italian“ mit Salami und Schinken, oder des gegrillten Chicken Melt mit Estragon-Sauce, inspiriert von einem Gericht, das Hoolbooms Mutter gerne kocht. Dabei sollte man nicht das Vegan Szechuan verpassen, für das Hoolboom einen eigenen Chilicrunch herstellt und Tofu zu einer völlig neuen Erfahrung werden lässt. Fleischlastig, vegetarisch, vegan, mal mehr als zehn Euro, mal drunter – für jeden und jede soll etwas dabei sein.
„Sandwiches sind demokratisch“, erklären Bambury und Hoolboom, „sie sind ein universelles Lebensmittel.“ Und das zelebrieren sie im Romeo’s auf höchstem Niveau.
- Romeo’s Lausitzer Str. 47, Kreuzberg, Mi–So 11–16 Uhr, bei Instagram
- Smooshes Reichenberger Str. 61a, Kreuzberg, Mo, Do+Fr 11–15 Uhr, Sa+So 10–16 Uhr, bei Instagram
- Bagel Bro Reichenberger Str. 104, Kreuzberg, Mo–Fr 9–16, Sa+So 10–17 Uhr,
bei Instagram
Japanisch für Einsteiger: Wir haben die Rei Bar und Izakaya in Kreuzberg besucht. Neue Lässigkeit für Steglitz: Die Walther Bar ist ein toller Ort für Nachmittage und Abende. Französische Mittagspause: La Pause im Akazienkiez. Der König der Kantstraße hat eine französische Brasserie eröffnet: Zu Besuch in The Duc Ngos Manon brasserie nouvelle am Steinplatz. Etwas Buntes für düstere Zeiten: Warum die Bar Basta so gut ist, lest ihr hier. Berlins Food-Guide 2025: Bestellt hier unsere Speisekarte.



