Gartenstadt Berlin

Schmaus die Laube

Designstudenten haben Berlins Kleingartenkultur zum Thema gemacht – und wollen nun die Ernte aus den Laubenkolonien in Berliner Restaurants bringen

Billy Wagner will ran an die Beeren. Und der Gastgeber im „brutal-lokalen“ Nobelhart & Schmutzig ahnt, wo in Berlin die besten wachsen. In den Kleingartenkolonien. Schließlich sagt schon die Kleingartenverordnung, dass jede Parzelle auch ein Nutzgarten sein muss. Selbstversorgen, das war die Idee.  Nur: Kann jeder Kleingärtner so viel essen?
Diese Frage haben sich Moritz Kreul und weitere Studierende der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) gestellt. Gemeinsam haben sie „Parzelle – Magazin für Kleingartenkultur“ entwickelt. Und ihre Idee weiter gesponnen: Wie könnten Berliner  Restaurants an der Ernte aus den Kleingärten partizipieren? Ja, wäre nicht auch das: „brutal-lokal“?

Den Generationswechsel haben die Laubenpieper geschafft. Kaum eine Kolonie, in der nicht vor allem die Wartelisten für eine frei werdende Laube wachsen. Nach den Guerilla­gärtnern und den Stadtimkern ist der Laubenpieper tatsächlich der nächste Protagonist jener neuen urbanen Naturbegeisterung.  Es  ist wieder cool – oder ist es überhaupt erstmals  cool? –, am Wochenende in seiner Parzelle zu verschwinden.
Für Gabriele Gutzmann, Vorsitzende der Kleingarten Kolonie am Stadtpark in Wilmersdorf, greift es dennoch zu kurz, die auch im biologischen Sinne alten gegen die neuen Schrebergärtner auszuspielen: „Es gibt genauso die junge Familie, die die Hecken hochzieht und nur will, dass die Kinder in Ruhe schaukeln können, wie es die 75-jährige Rentnerin gibt, die alte Gemüsesorten kultiviert und den Pferde­dung durch Berlin fährt, damit auf dem märkischen Sand auch was wachsen kann.“

Was es tatsächlich in Berlin gibt: mehr als 700 Kleingartenkolonien mit 73.000 Parzellen,  immerhin gut 3.000 Parzellen weniger als noch vor acht Jahren. Bis 2020 wird, je nach Bezirk, noch einmal der Bestandsschutz für bis zu 20 Prozent der Grundstücke aufgehoben.
Das ist der Punkt, auf den Heike Reinsch, Dozentin an der HTW und selbst aktive Kleingärtnerin, hinweisen will: „Klar ist das Thema wieder populär – unter denen, die sich für das Gärtnern interessieren und vielleicht selbst eine Parzelle suchen. In einer Stadt mit einem steigenden Druck auf den Wohnungsmarkt werden die Kleingärten aber leichtfertig zur Disposition gestellt.“  Deshalb, so Reinsch, sei es so wichtig, die Rolle der Kleingärten für die Stadtflora und die Artenvielfalt zu kommunizieren: Jeder müsse verstehen, das Kleingärten nicht nur „für ihre Fans“ bedeutsam sind.
Trevor Sears ist  so ein Fan. Dem Wahlberliner ist schon als aktiver Imker der Stellenwert der urbanen Gärten bewusst. Ihm gefällt die Idee, die Ernte seiner Parzelle in der Kolonie Bornholm 1 mit Köchen zu teilen, zumal solchen, die ohnehin regional arbeiten. „Ich glaube, dass viele von uns Gärtnern qualitativ wirklich was zu bieten haben – und das ihnen auch die Idee eines solchen Austauschs gefällt.“

Bleiben: Gesetze. Und diese Hürde ist höher, als es jedes Spalierobst und jeder Pflaumenbaum wird. Zum einen dürfen Kleingärtner nicht gewerblich handeln. Dann wären da noch das Finanzamt, die Ordnungsbehörden, die Lebensmittelaufsicht. Aber da sind eben auch Billy Wagner vom Nobelhart & Schmutzig oder Ivo Ebert vom Einsunternull, dessen Restaurant, in Bernau allerdings, selbst eine Parzelle beackert. Beide wollen ran an die Beeren. Und plädieren fürs erste beispielsweise für einen Kleingärtnermarkt an einen Ort wie der Kreuzberger Markthalle Neun.
„Man muss“, so Wagners Credo, „halt einfach erstmal machen.“ Notfalls werde in Naturalien bezahlt. Und die Beerenernte gegen einen Restaurantgutschein getauscht.

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