Essen & Trinken

Schokoriegel neu gedacht

Retos Candy Farm

Schokoriegel. Das sind zuckersüße Kindheitserinnerungen und das schlechte Gewissen von gestern Abend. Ein sentimentales Lebensmittel, einerseits. Ein verdammt abgezocktes aber auch. Bei rund tausend Prozent läge die Gewinnspanne eines handelsüblichen Schokoladenriegels, erzählt Reto Brunner. Und meint damit ungefähr das: Die Herstellungskosten eines Snickers leigen also bei acht oder auch nur vier Cent, je nachdem, ob man den Einzelverkaufspreis oder jenen einer Supermarktpackung zum Maßstab nimmt. Brunner vertraut dieser Rechnung. Schließlich kennt er den europaweit festgelegten Preis für eine Tonne durchschnittlich schlechter Industrieschokolade: run 150 Dollar.
Und Reto Brunner kennt sich aus mit dem Snickers. Zwei am Tag hat der im übrigen sehr, sehr dünne Schlaks früher oft gegessen. Damals, als er noch als Webdesigner in der Musikinustrie  tage- und nächtelang vor dem Rechner saß. Geschmacklich blieb da nichts in Erinnerung. Wenngleich Reto Brunner keiner ist, der den weißen Zucker und seine, nun ja, stimmulierende Dimension per se verdammt: „Unsere Riegel sind in erster Linie eine Süßgkeit, eine kleine, handgemachte Freude. Und das sollen sie auch  sein.“
Womit wir also bei den Rieglen wären. Bei Retos Candy Farm. Und bei dem Grund, warum Brunner und seine Partnerin Ulrike Jung inzwischen fünf  Tage in der Woche in einer ehemaligen Restaurantküche am Kreuzberger Spreeufer – und rühren. Zumindest ziemlich eifrig. Denn die Ganache kann eine launige Diva sein. Ohne eine exakte Temperatur, vor allem ohne permanentes Rühren gelingen also weder die Füllungen noch der Überzug aus einer peruanischen Schokolade.  Die nächste Anschaffung: eine italienische Maschine, die zumindest diesen Job übernimmt. Dann hätten Reto Brunner und Ulrike Jung wieder mehr Zeit, für all die anderen Facetten ihrer geriegelten Geschäftsidee. Das Ausprobieren von neuen Rezepten etwa – dort Ricotta, Feige und eine Balsamicoreduktion im Riegel „Figaro“, hier Ahornsirup und getrocknete Äpfel im, nomen es omen, „Almost Pancake“. Oder das Einkochen eines sehr britischen Strout-Bieres, gebraut ebenfalls in Kreuzberg von Johannes Heidepeter, das zu sehr, sehr fluffigen Malzbonbons verarbeitet wird. Dann müssen noch Mails beantwortet, Verpackungen entworfen, Zutaten recherchiert werden.

Retos Candy Farm

A propos Geschäftsidee: „Die gab es zunächst eigentlich gar nicht. Nur die Lust, mit Schokolade und Candy zu experimentieren und dafür das ja tatsächlich geniale Format des Riegels herzunehmen.  Irgendwann haben wir unsere Freunde dann zum Candyllight-Dinner eingeladen.“, erzählt Reto Brunner. Das Kredenzte gefiel und so standen die beiden im vergangenen Mai auf dem Flohmarkt am Arkonaplatz.  Nach einer Stunde waren sie ausverkauft.
2,60 kostet der „Banana Monkey“, der teuerste, weil aufwendigste Riegel aus Retos Candy Farm. Inspiriert wurde er vom leibgericht von ELvis Presley, einem Bananen-Erdnussbutter-Sandwich. „Erklären müssen wir die Preise aber tatsächlich nie“, sagt Ulrike Jung, „die Leute verstehen, dass das gute Zutaten etwas wert sind und das echtes Handwerk Arbiet macht.“ Vierzehnstundentage sind in der Küche am Spreeufer momentan noch die Regel.
Was das alles mit Berlin zu tun hat? Ziemlich viel, sind sich Reto Brunner und Ulrike Jung sicher. Zum einen ist Berlin eine Stadt, in der es normal ist, in der Mitte des Lebens nochmal neue Wege zu gehen. Zum anderen, so Reto Brunner, „sind kulinarische Themen in Berlin gerade extrem nachgefragt.“ Sogar das offizielle Stadtmarketing „Visit Berlin“ packt  die Bierbonbons von Retos Candy Farm in die Werbetüten. Und Touristen begeistert neben dem Geschmack des „Banana Monkey“ genauso der Produktionsstandort mitten in Kreuzberg.
Und darüber hinaus? Ich glaube schon, sagt Reto Brunner, dass unsere Produkte auch in Zehlendorf funktionieren, oder in Bielefeld.  

Text: Clemens NIedenthal

Fotos:
candyfarm.org

Retos Candy Farm:
Die Schoko- und Früchte­riegel gibt es aktuell bei Goldhan & Samson, Dunckerstraße 9 in Prenzlauer Berg sowie freitags und samstags auf dem Wochenmarkt in der Markthalle Neun, Eisembahnstraße 42/43, Kreuzberg. Ein Online-Shop ist in  Vorbereitung, Bestellungen über Email sind bereits möglich: www.facebook.com/retoscandyfarm

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