Essen & Trinken

Seitlinge im ­Souterrain

Seitlinge im ­Souterrain

Pilze gedeihen nahezu überall. So auch in Berlins Untergrund: Chido’s Mushrooms heißt die Marke, unter der eine Schöneberger Firma Limonen-, Rosa- und Austernseitlinge vertreibt. Gezüchtet werden sie in einem Keller. „Der ist temperaturstabiler als ein oberirdischer Raum“, erläutert Geschäftsführerin Anne-Kathrin Kuhlemann den energetischen Vorteil. Ein weiteres Plus: Die Pilze wachsen, nach einer Idee der Mitgesellschafterin Chido Govera aus Simbabwe, auf Kaffeesatz, den das Unternehmen in Berliner Cafйs einsammelt. „Wir verwenden einen Stoff als organischen Dünger, der sonst auf dem Müll landen würde“, erklärt Kuhlemann.
Auf dem Kaffeesatz sprießen Seitling-Myzelien, die Chido’s als Pilzzucht-Sets für den Heimgebrauch vermarktet. Produktions­überschüsse bringt die Firma wiederum selbst zur Reife und verkauft sie an lokale Restaurants. Zudem gehören Trainings für Franchisenehmer zum Angebot, um, so Kuhlemann, die Zuchtmethode zu streuen. „Pilze haben wegen ihrer Proteine ein Riesenpotenzial, zum Beispiel als Fleischersatz. Daher ist das auch ein Thema für die Welternährung.“
Noch selbstbewusster ist der Ansatz von Infarm, einem Start-up aus Kreuzberg. „Wir möchten die Praxis von Landwirtschaft ändern“, sagt Erez Galonska, einer der beiden Gründer. Schließlich sei das gegenwärtige System viel zu ressourcenintensiv, etwa aufgrund von Transportwegen, die rund um den Globus reichen. Schlauer sei es, direkt am Ort des Verbrauchs zu produzieren – in Gebäuden. Was im Falle von Infarm nicht nur Keller meint: Die Firma konzipiert maßgeschneiderte Vertikalanlagen etwa für Hotels, mit denen sich platzsparend Kräuter und Gemüse an Wänden oder Fensterfronten anbauen lassen. „Denn das Kostbarste in einer Stadt ist nun mal Fläche.“ Die Modelle wirken ziemlich futuristisch, was sie aber auch sollen. „Uns schwebt eben eine Art Sci-Farming vor“, sagt Galonska.
Ganz so hoch wollen Alexei Fittgen und Elena Riel nicht hinaus. Trotzdem sind sie ganz oben: Auf dem Parkdeck der Neukölln Arcaden betreuen sie den Gemeinschafts­garten des Klunkerkranichs. Der Garten ist der erste seiner Art auf einem Berliner Dach, ähnliche Vorhaben wie das Himmelbeet oder der roofTUBgarden scheiterten an Auflagen zu Brandschutz, Statik und Fluchtwegen.
Den ursprünglichen Plan, die angeschlossene Bar und Küche zu versorgen, mussten sie schnell verwerfen, zu wenig Fläche. Immerhin reicht es für Minzblätter im Drink. Und überhaupt: „Wir sind auch so verliebt in den Garten“, sagt Riel. „Als wir hierherkamen, war das eine tote Betonwüste“, sagt Fittgen. „Jetzt aber flattern hier schon mal Tagpfauen­augen und Vögel herum.“

Text:
Roy Fabian

Foto:
Chido Ug, Infarm

Weitere Informationen:

www.chidos.org

www.infarm.de

www.facebook.com/derklunkerkranich

Lesen Sie mehr zum Thema Urban Farming

 

Mehr über Cookies erfahren