Essen & Trinken

Spaniens Küche in Berlin

marionaDie Iberische Halbinsel steckt tief in der Krise. Was früher der Easy­Jet-Tourismus von jungen Spaniern war, ist heute schon fast ein Ausweg aus der heimatlichen Misere. Viele bleiben gleich ganz in Berlin, haben genug von Arbeitslosigkeit und Krise im eigenen Land. Facebookseiten tragen den Titel „Dejarlo todo e irse a vivir a Berlin“ („Alles hinschmeißen und weggehen, um in Berlin zu leben“) und zeigen den verlockenden Charme, den die Stadt für spanienmüde Menschen ausmacht. Ein Streifzug durch die spanischen Restaurants in Kreuzberg und Neukölln beweist, dass man voneinander profitiert – die einen können die kulinarischen Möglichkeiten der Tapasküchen probieren, die anderen finden hier vielleicht einen Job und eine Aufgabe. Außerdem tragen die iberischen Restaurants ihren Teil zum vielgelobten (und bisweilen bereits ironisch verhöhnten) Multikultiflair der Berliner Kieze bei. Spanier und Südamerikaner holen sich hier etwas von der verlassenen Heimat wieder, zumindest kulinarisch.

Carmen Juan von Las Primas hatte nie vor, den Spaniern in Berlin ein Zuhause zu geben. Sie wollte einfach ein kleines Restaurant für den Wrangelkiez etablieren, wo sie seit elf Jahren lebt. Ursprünglich kommt sie aus Barcelona und schuf dann im November 2007 „einen Ort zum Wohlfühlen“. Dass sie auch Spanier anzieht, die gerne mal in „El Paнs“ oder der linken „Diagonal“ blättern, um sich über die Situation im Heimatland zu informieren, ist eher so ganz nebenbei passiert. 25 Tapas sind im Angebot – und das ist auch das spanische Element im Las Primas, wo sonst eine Küche rund ums Mittelmeer geboten wird. „Nimm einen Wein und ein paar Tapas, und du hast das Ausgehgefühl der Spanier“, so Carmen Juan. Die kleinen Teller gehören zur kulinarischen Tradition. Darauf angesprochen, ob sie alle Cousinen (primas) sind, lacht Carmen Juan nur: Nein, das sei eine Art Wortspiel. Umgangssprachlich sind „primas“ in Spanien Menschen, die eine enge Freundschaft pflegen, und gleichzeitig spielt der Name auf das deutsche „prima“, also „super“ an.

bar_ravalWenige Straßenzüge weiter liegt in bester Lage am Görlitzer Park die Bar Raval. Von der Prominenz des (in Spainien geborenen) Inhabers Daniel Brühl sollte man sich nicht ablenken lassen, denn viel wichtiger sind hier die frischen Tapas. Brühl und sein Geschäftsführer Atilano Gonzбlez bieten einiges – etwa ein Timbal von geschmortem Gemüse mit Ziegenkäse und Tataki von der Presa vom Ibйrico-Schwein. Der Jamуn „Joschito“ Gran Reserva Aсo von 2007, angeblich der beste Schinken der Welt, verspricht ein besonderes Geschmackserlebnis und gehört ebenfalls zu den Spezialitäten der Bar Raval. Die Zubereitung zeigt, dass die spanischen Köche ihr Handwerk beherrschen, kräftiger Geschmack, zarte Konsistenz und gerade richtig „medium“ durch. Gut gelungen ist auch die Innenarchitektur, offenbar inspiriert durch spanische Tapasbar-Vorbilder.
Das Mariona (Foto oben) in der Skalitzer Straße wird erst seit drei Monaten von Josep Troiano betrieben und ist genau genommen eher katalanisch als spanisch. Das bedeutet, viele Mittelmeer- und Südfrankreicheinflüsse bestimmen die Küche. Troiano kam vor neun Jahren nach Berlin, aus der Nähe von Barcelona, und ist hier „hängengeblieben“ und hat erst als Koch gearbeitet bis er vor kurzem sein eigenes Restaurant aufgemacht.

Die Karte ist vielfältig und spannend, der karamellisierte Oktopus mit gebratenem Gemüse ist wunderschön angerichtet und schmeckt entsprechend zart. Der Kabeljau mit Sellerie und Orangensalat ist ebenfalls zu empfehlen. Um authentische katalanische Küche zu erleben, ist man hier genau richtig. Neben kleinen Speisen wie kalter Tomatencreme mit Entenbrust, Miesmuscheln oder lauwarme Calamaretti mit Riesenbohnen werden immer zwei bis drei größere Gerichte angeboten. Die Crema Catalana, garniert mit einem Thymianzweig, ist hingegen sowohl Pflicht als auch Kür. Manuela in der Friedelstraße hat zwei typische kulinarische Angebote: die reiche Auswahl an typischen spanischen Tapas und die Paella für zwei – vegetarisch, mit Fisch und Fleisch oder nur mit Fisch. Die Paella kommt, wie es sein muss, in einer großen Pfanne und ist das Stammgericht der spanischen Küche. Aber auch die Tapas sind mehr als typisch: Chorizo (spanische Paprikawurst), scharfe Muscheln oder Croquettas. Wer in der Manuela fünf Tapas bestellt, die in der Theke vorab zu begutachten sind, ist am Ende ebenfalls reichlich gesättigt. Betrieben wird das Restaurant von gebürtigen Spaniern, die ihre Berliner Tapasbar  im Februar 2010 eröffnet haben.

Die letzte Station führt weiter nach Neukölln, eine Gegend, die kulinarisch noch vergleichsweise wenig erschlossen ist. Seit 33 Jahren ist Diego Leon Monedero vom Mariamulata bereits in der Gastroszene unterwegs. Bereits mit 15 Jahren hat der gebürtige Kolumbianer im Restaurant seiner Mutter ausgeholfen. Die Liebe hat ihn von Kolumbien über Freiburg und München nach Berlin geführt. Seit einem Jahr betreibt er das kleine spanisch-südamerikanische Restaurant. „Hier ist alles möglich“, beschreibt er begeistert die Stadt, die in seinen Augen jung und spannend ist. Im Mariamulata wechselt die Karte wöchentlich, im Mittelpunkt stehen Tapas, zudem sind auch Hauptgerichte im Angebot, zum Beispiel Entrecфte mit Maniok und Pimientos del Padrуn. Der südamerikanische Einfluss zeigt sich bereits bei den Tapas: Yuca fritas con tres salsas (Maniok mit drei Saucen) oder Aborrajados (Kochbanane mit Käsefüllung). Das Ambiente trägt zur Gemütlichkeit in einem noch unerschlossenen Teil von Neukölln bei, der das Potenzial besitzt, in Zukunft etwas wohn­licher und gastronomisch anspruchsvoller zu werden. Da es im Mariamulata nur elf Tische gibt, ist eine Reservierung vor allem am Wochenende wichtig. Das Gleiche gilt auch für die anderen vorgestellten Restaurants, die gut besucht sind – von Kreuzbergern und Neuköllnern im kulinarischen Kurzurlaub, von Heimweh kompensierenden Spaniern oder einfach von genussfreudigen Menschen, die der Vielfalt der spanischen Küche etwas abgewinnen können.

Text: Sonja Süß

Fotos: Victor Fernandez / HIPI

Bar Raval Lübbener Straße 1, Kreuzberg, Tel. 53 16 79 54, www.barraval.de, Mo-Fr ab 17 Uhr, Sa+So ab 12 Uhr, Küche Mo-Do+So bis 23 Uhr, Fr+Sa bis 24 Uhr

Las Primas Wrangelstraße 54, Kreuzberg, Tel. 60 03 11 32, Mo-Fr ab 17 Uhr, Wochenende und feiertags ab 12 Uhr, Küche bis 23.30 Uhr

Manuela Tapas Bar Friedelstraße 34, Neukölln, Tel. 54 71 52 27, www.manuelatapas.com, Di-So 11-24 Uhr

Mariamulata Wildenbruchstraße 88, Neukölln, Tel. 63 74 74 75, www.mariamulata.de, Di-So ab 18 Uhr

Mariona Skalitzer Straße 94 b, Kreuzberg, Tel. 61 67 12 14, www.mariona-berlin.de, Di-Fr 12-24 Uhr, Küche 12-16 Uhr, 18-22 Uhr, Sa+So 18-24 Uhr

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