Essen & Trinken

Streit um den Bürgersteig

SianWann hat der Kampf angefangen? Si An Truong überlegt. Er ist der Inhaber des vietnamesischen Restaurants Sian in der Rykestraße. „Ach, da gab es ein Schreiben von offizieller Seite. Unser Hund Basao frisst so gerne und hat immer etwas Übergewicht.“ In diesem Schreiben wurde der Gastronom – er betreibt mittlerweile drei Restaurants in der Stadt – sinngemäß aufgefordert, zu garantieren, dass der Hund nicht in der Küche, im Kochtopf landet. Nun ja, fremde Länder, fremde Sitten. Es sind vorrangig Koreaner und Chinesen, die auch mal Hundefleisch in ihrer Küche verarbeiten. Das hat aber die alte Dame, die zu Besuch aus München kam, nicht interessiert. Und das Amt muss solcherart Beschwerden nachgehen. Si An Truong ist der älteste Sohn einer vietnamesischen Familie, die aufgrund politischer Umstände ausgewandert ist. Der Vater hatte als Kunstprofessor mit den Amerikanern zusammengearbeitet. Wie viele seiner Generation hat Sohn Truong immer höchste Leistungen gebracht und hat seinen eigenen Weg eingeschlagen. Nach einer Ausbildung zum Hotelfachmann und beruflichen Abstechern im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten, im Adlon und im China Club lernte er Monsieur Vuong kennen und wurde Geschäftsführer des gleichnamigen Restaurants, das in Sachen vietnamesische Kochkunst Maßstäbe gesetzt hat.

Der Gastronom nahm ein Jahr lang eine Auszeit, kochte hin und wieder für Freunde, da hieß es dann: „Wir gehen zu Si An essen!“ Und so kam es zum gleichnami­gen Restaurant. Kaum ein anderer hat vietnamesische Kultur so dezent in der Hauptstadt eingeführt. In Mitte hat er authentische Teehauskultur etabliert, mit dem Chi Sing kultivierte er Hue-Küche. „Besser gesagt, es ist eine Annäherung an dieses alte Konzept von Koch­kunst.“ Hue ist die ehema­ligen Haupt- und Kaiserstadt in der Mitte Vietnams. Und im­mer bezieht Truong den Außen­bereich künstlerisch mit ein, so auch in der Rykestraße. Das gefällt dem Ordnungsamt ganz und gar nicht. Frau von Pritzke, der zuständigen Dame für die entsprechende Genehmigung, erst recht nicht. Sie hat dieses Jahr eine Tisch- und Stuhlreihe genehmigt, und der Rest muss weg. Angeblich war sie schon so weit, dass sie bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion alles wegräumen lassen wollte, was Truong über verschiedene Ecken zugetragen bekommen hat. Das ging aber über offizielle Wege nicht durch. Die Fronten sind verhärtet. So soll die Dame beim Ordnungsamt schon lauter werden, wenn sie nur einen der Mitarbeiter von ferne sieht. Deshalb hat Truong einen deutschen Freund engagiert, der diese Amtsgänge für ihn erledigt.

SianEs gibt auch noch eine Klage wegen Geruchsbelästigung. Truong ist Buddhist. Er oder einer seiner Mitarbeiter zündet morgens vor der Tür ein Räucherstäbchen an. Eines wohlgemerkt, denn mehr dürfen nur Mönche. Noch ein unschöner Vorfall: Eine Zeitlang kam jeden Abend gegen 20 Uhr, in der Hauptgeschäftszeit, jemand vom Amt vorbei und wollte die Konzes­sion sehen. Truong bat um Geduld, da er diese aus dem Büro holen musste. Verstanden hat der Gastronom diese Aktion überhaupt nicht. Denn die Konzession und die Genehmigung für die Nutzung der Außenfläche liegen dem Amt vor. Jedenfalls lagen nach dem zigsten Besuch die Nerven blank und Truong unterstellte Schikane und Rassismus. Konsequenz: Klage wegen Beamtenbeleidigung. Zurück zum gepflegten Straßenland vor dem Restaurant Sian: liebevoll und ästhetische Gartengestaltung, etwas ausschweifend vielleicht. Zur Erinnerung: Der Bürgersteig in Berlin, auch gern als Trottoir bezeichnet, ist Besitz der öffentlichen Hand. Und die Rykestraße hat noch eine ganz trickreiche Besonderheit, nämlich zwei Arten von Bürgersteigen. So kann das Alberts, ein paar Meter weiter, locker Tische und Stühle vor der Tür verteilen, da die Bäume anders stehen und die Fußgänger am Cafй vorbeigehen können. In diesem Straßenabschnitt dienen die Wurzelbereiche der Bäume hauptsächlich zum Gassigehen oder zur Sperrmülllagerung. Auf Sians Seite gingen die Fußgänger mitten durch den gastronomischen Außenbereich.

Doch Prenzlauer Berg hat einen sehr engagierten Stadtrat, Jens-Holger Kirchner, der den direkten Kontakt zu den Bürgern sucht, also auch zu Si An Truong und seinem Anliegen. Bei einem Vorort-Termin versuchen alle Seiten irgendwie den Standpunkt klarzumachen. Frau von Pritzke mit der Äußerung: „Dafür kriegen Sie die Genehmigung nicht!“ Und für den Grünen-Stadtrat ist es offensichtlich, dass hier Straßenlandschaft gepflegt wird. Doch es gibt Regeln und es gibt Neu-Prenzlauer-Berger. Und die hätten gerne ihr provinzielles Kleinstadtidyll in der Großstadt etabliert. Nur ein weiteres Beispiel: Der Markt auf dem Kollwitzplatz, der gefällt einigen Anwohnern nicht. Es ging bis zum Oberverwaltungsgericht und jetzt sind die Öffnungszeiten auf neun Uhr verlegt worden – wegen des Aufbaulärms; oder aber auch der letzte Umzug der Kneipe „Zum schmutzigen Hobby“. Anwohner hatten sich über die Lautstärke beschwert. Die Kosten für den Schallschutz konnten die Hobby-Leute nicht aufbringen. Also zogen sie weg, in Kreuzberg sehen die Bewohner das entspannter. Will der Stadtrat eine Gleichmacherei, Zustände wie in den kleinstädtischen Einkaufszentren von Ulm bis Flensburg? „Um Gottes willen, Prenzlauer Berg lebt über die Vielfältigkeit seiner Bewohner. Gleichmacherei? Das machen ganz andere!“ Wird das Bezirksamt instrumentalisiert, um kleinstädtische Lebensauffassungen durchzusetzen? „Ein Gastronom darf öffentlichen Raum zu Privatzwecken nicht einfach umgestalten.“ Was also ist die Lösung? „Ruhe bewahren und sich auf die kommenden Baumaßnahmen für die Rykestraße freuen!“ Denn dann wird Kirchner mit den Plänen bei Si An Truong vorbeikommen und gemeinsam das Stückchen Rykestraße gestalten.

Text: Eva-Maria Hilker

Fotos: Daniela Friebel / HIPI

Sian Rykestraße 36, Prenzlauer Berg, tgl. 12-24 Uhr, Tel. 40 50 57 75, www.sian-berlin.de

Chi Sing Rosenthaler Straße 62, Mitte, tgl. 12-24 Uhr, Tel. 20 08 92 84, www.chising-berlin.de

Chйn Chи Rosenthaler Straße 13, Mitte, tgl. 10-24 Uhr, Tel. 28 88 42 82, www.chenche-berlin.de

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