Essen & Trinken

Teil 3: Die besten Teigtaschen Berlins

Ming_DynastieWie in Peking

Keine schlechte Idee, direkt gegenüber der chinesischen Botschaft ein chinesisches Restaurant zu eröffnen. Da ist immer was los, auch wenn das Jannowitz-Center, wo es sich befindet, von außen nicht besonders einladend wirkt. Diplomaten und Botschaftsangehörige trifft man hier schon mittags an. Abends stoßen auch junge Leute dazu, die traditionelle chinesische Küche mögen. Entsprechend authentisch ist das Interieur, das mit seiner puristischen Einrichtung an Restaurants in Peking erinnert: Man speist an klassischen Stilmöbeln, in der Schrankwand stehen Ming-Vasen, und über den Köpfen schwebt eine Zwischendecke aus Styroporplatten. Das Licht ist angenehm gedämpft und passt zu den traditionellen Zitter-Klängen, die einen in Trance versetzen. Freundlich nimmt der Kellner den Gästen die Jacken ab, bevor er sie an die Tische führt. Seinen starken chinesischen Akzent macht er mit einem Dauergrinsen wett, und er bemüht sich redlich, selbst die schwierigsten Fragen zu beantworten.

Zum Beispiel: Welche Teigtaschen er denn empfehlen könne? Sie seien alle gut, meint er, und so fällt die Wahl auf Hefeklößchen mit Bambus-, Schweine– und Hühnerfleischfüllung, die er in einer Viertelstunde serviert – nicht im Bambuskästchen, sondern in einem runden Alubehälter, in denen die Klöße gedämpft wurden. Sie sind genau so, wie sie sein sollen: geformt wie kleine Kürbisse, blass wie eine Wasserleiche und von einer ähnlichen Konsistenz: außen lappig, innen fest. Die Füllung ist würzig, und in Verbindung mit dem Essig, der als einzige „Soße“ gereicht wird, für europäische Gaumen ein ungewohntes, aber leckeres Geschmackserlebnis. Vor allem, wenn man sie in entspannter Atmosphäre genießen möchte, lohnt sich ein Besuch im Ming Dynastie. Wer den üblichen Szenetrubel sucht, ist hier allerdings fehl am Platz.

Text: Wolfgang Altmann

tip-Bewertung: Empfehlenswert

Ming Dynastie Brückenstraße 6, Mitte, www.ming-dynastie.de, Tel. 30 87 56 80

LenhardtRussisches Wohnzimmer

Wenn es in Berlin ein Ranking mit den kleinsten, besten Restaurants der Stadt gäbe, dann könnte dieses Lokal ganz oben mitmischen. So klein ist das Lokal, dass die Chefin Violetta Lenhardt auf Servicekräfte verzichten kann. Sie begrüßt ihre Gäste persönlich, begleitet sie, mit charmantem Akzent plaudernd, erst zum Tisch und dann durch den Abend. Der beginnt mit einem Staunen. Unweit des Lietzensees betritt der Gast ein Restaurant, das aussieht wie ein aus der Zeit gefallenes, russisches Wohnzimmer – mit pas­tellfarbenen, leicht angegrauten Wänden, alten Spiegeln, dunklen Ikonen und Regalbrettern, die mit allerlei Schnickschnack beladen sind. Nach dem Geheimnis ihrer Teigtaschen gefragt, verrät die muntere Chefin, die vor Jahren aus der Ukraine nach Berlin kam, nur, dass der Teig Mehl und Eier enthält. Alle anderen Zutaten seien streng geheim, ebenso ihre Zubereitung.

Sie habe wochenlang in der Küche experimentiert, erzählt sie noch, um ein altes Familienrezept zu verfeinern und zu vervollkommnen. Dass ihr das gelungen ist, beweist der russische Teigtaschenklassiker, der wenig später als Vorspeise aufgetischt wird. Pelmeni mit Hackfleischfüllung in Brühe, serviert mit Smetana, dem russischen Sauerrahm, und frischem Dill. Die Teigtaschen haben Biss und Geschmack, die fleischige Füllung ist herzhaft und so dezent gewürzt, dass der frische Dillgeschmack sich voll entfalten kann. Auch die als Hauptgang gereichten Pelmeni mit Lachs in Meerrettichsahne, zu denen Frau Lenhardt einen vorzüglichen weißen Bergerac empfiehlt, überzeugen auf der ganzen Linie. Doch die eigentliche Überraschung ist die Vorspeise. So schlicht und übersichtlich kommt das halbe Dutzend Teigtaschen daher, dass der Gast alles in Zweifel zieht, was er bislang über die russische Küche gehört hat. Üppig, deftig, fettig? Aber nein. Im Gegenteil. Für dieses Gericht sollte man sich viel Zeit nehmen. Jede Teigtasche auf dem kleinen Teller verdient höchs­te Aufmerksamkeit. Ein Restaurant wie ein russisches Wohnzimmer. Winzig, gemütlich, ein wenig überladen, mit leichtem Hang zum Kitsch. Die Teigtaschen sind das Gegenteil: schlicht präsentiert, sparsam portioniert, gekonnt zubereitet. Russische Hausmannskost für Feinschmecker.

Text: Oliver Burgard

tip-Bewertung: Empfehlenswert

Restaurant Lenhardt Neue Kantstraße 7, Charlottenburg, Tel. 30 10 35 23

SeligWenig Eigenleben

Kleinasien liegt bekanntlich in der Charlottenburger Kantstraße. Hier finden sich neben zahlreichen Japan-Restaurants und -Imbissen auch Chinesen unterschiedlichster Ausprägung. Ins Selig, Ecke Krumme Straße, zieht es vor allem den akademische Kunstfreund, der zu schätzen weiß, dass hier statt Pagodenkitsch ein Interieur der neuen Sachlichkeit in Dunkelrot und Grautönen sowie ein schön in die Wand eingelassenes Aquarium in strahlendem Blau geboten wird. Auch der Soundtrack zum Menü hebt sich angenehm vom üblichen Asia-Singsang ab – es läuft Lounge und Electronica. Solche Atmosphäre macht das Warten erträglich, das wohl zwangsläufig eintreten muss, wenn man nur einen Koch und eine Bedienung beschäftigt.

Letztere jedoch ist ausnehmend freundlich und erklärt sogar mit Engelsgeduld, dass man wirklich keine Angst vor den zu verzehrenden Quallen haben muss. Eher schon vor den Teigtaschen. Die sind zwar bissfest, aber auch weitgehend geschmack– und geruchlos, mit einer Rindfleischfüllung, die außer einem Hauch Ingwer ebenfalls wenig geschmackliches Eigenleben entwickelt. Eine gute Soßenausahl könnte da helfen, doch hier wird nur eine einzige Sojasauce angeboten, welche zudem über alle Maßen sauer ist. Ins Selig sollte man also partout nicht wegen der Teigtaschen gehen. Es gibt hier zahlreiche andere, sehr gute Vor- und Hauptspeisen, die Appetit auf die nordwestchinesische Küche machen können.

Text: Hagen Liebing

tip-Bewertung: Zwiespältig

Selig Kantstraße 51, Charlottenburg, Tel. 31 01 72 41


Teil 1, 2, 3, 4

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Fotos: Harry Schnittger, Judith Triebel, Kerstin Nussbächer

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