Essen & Trinken

Till Harter und das Stue Hotel

till_harter_hipiEin letzter Drink in der Hotelbar geht immer, und das gilt besonders für einen Cocktail in der Bar vom Das Stue in Tiergarten. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Zoo haben spanische Investoren vor vier Jahren die ehemalige dänische Botschaft gekauft und in ein 5-Sterne-Hotel verwandelt. Schon in der Planungsphase spielte der Wunsch eine große Rolle, die Luxusherberge zur Stadt hin zu öffnen und zur Anlaufstelle für ein gehobenes Berliner Ausgehpublikum zu machen. Für diese Aufgabe wurde Till Harter als Berater hinzugerufen, einer der profiliertesten Gastgeber des Berliner Nachtlebens. Der hatte Zeit und Lust, sich weiter zu entwickeln und dabei das zu tun, was er am besten kann: „Orte schaffen, die irgendwie einen besonderen Appeal haben.“

Nun trifft man ihn am Ort des Geschehens, eingekleidet in eine Kombination des Herrenausstatters Chelsea Farmer’s Club, zu der er Jeans, Hut und lila Schal trägt. Der mit Kupfer ummantelte Tresen im Das Stue scheint inzwischen der Mittelpunkt seines zweiten Wohnzimmers zu sein. Wo früher der Garten der Botschaft war, hat die mehrfach ausgezeichnete Innenarchitektin Patricia Urquiola den Lounge- und Barbereich eingerichtet, und Harter ist begeistert. „Sie hat ihre eigenen Vorstellungen und lässt sich da auch nicht reinreden.“ Für Harter eine ungewohnte Situation: „Ich habe ja immer eigene Projekte gemacht, die ich selbst gestalten und beherrschen konnte. Nun arbeite ich zum ersten Mal in dieser Form für andere Leute. Anfangs dachte ich: Mensch, wenn das jetzt total hässlich wird muss ich trotzdem mein Gesicht dafür hinhalten. Das hat mir ein bisschen Sorgen gemacht.“

Grundlos, wie sich herausstellte. Da Patricia Urquiola auch Produktdesignerin ist, hat sie die Möbel selbst gestaltet und eine bunte, sehr gemütliche Atmosphäre geschaffen. Nicht umsonst ist Stue das dänische Wort für Stube, Wohnzimmer. Gorilla- und Giraffenskulpturen aus Draht und zahlreiche Ledertiere greifen die Nachbarschaft zum Zoo auf. Es gibt auch einen privaten Zugang, der zum Straußengehege führt: „Wir waren am Anfang ein bisschen enttäuscht, dass wir nur B-Tiere abbekommen haben. Aber die Strauße sind weithin unterschätzte Tiere, das sind wirklich sehr gute Selbstdarsteller, die sich ständig anbalzen und aufplustern.“ Genau wie Jonathan Meese, der gerade noch in der Lounge saß und nun unüberhörbar ein Interview gibt, dabei weniger balzt, aber umso mehr ­plustert.

dasstue_5bypacoperz_3_1Eine Herausforderung für den ambitionierten Gastgeber bleibt der Standort direkt am Tiergarten, abseits der üblichen Routen durch das Nachtleben. Vom gastronomischen Aufschwung in Charlottenburg kann Das Stue nur bedingt profitieren. Harter betrachtet die Entwicklung im Nachbarbezirk ohnehin mit einer gewissen Distanz: „Klar, da passiert einiges, es entstehen interessante Projekte, das Bikini Berlin, der UFA-Palast oder das Waldorf Astoria. Aber diese ewigen 20er-Jahre-Anleihen machen vielleicht Sinn für eine amerikanische Hotelkette, haben aber ’nen langen Bart.“ Harter kann es nicht mehr hören: „Fritz Lang, Romanisches Cafй, das finde ich völlig vermessen. Das Romanische Cafй war DAS Künstlercafй der 20er Jahre, und jetzt sitzen da die Charlottenburger Kuchentantchen herum. Das Grosz von Roland Mary ist sehr gelungen, auch das Ellington Hotel, die machen das mit viel Leidenschaft. Aber ob sich da jetzt ein junges Trendsetter-Publikum einfindet, da habe ich Bedenken.“ Die Selbstverwirklicher aus Mitte sieht er dort nicht, das Publikum komme aus Anwaltskanzleien, Architektur- und Steuerbüros. Charlottenburg bleibt etabliert.

Im Stue ging es von Anfang an nicht darum, eine Szenebar zu betreiben und das Mittemilieu in den Tiergarten zu holen. Hier versammelt sich eine ganz eigene Klientel. Es kommen viele Galeristen und Sammler, natürlich auch etablierte Leute aus dem Westen.“ Das Stue will keine sterile Edelabsteige sein, man wünscht sich Leben im Haus. Harter möchte deshalb die klassische Berliner Salonkultur aufleben lassen, er arbeitet an eigenen Formaten und hilft dabei, den Veranstaltungen einen besonderen Schliff zu geben.

Am eigentlichen Barkonzept hat Barchef Michael Frohnwieser einen großeren Anteil. Klare, simple Drinks, zusammengemischt aus Premiumprodukten und Knowhow. Frohnwieser sieht die Bar als Verlängerung der Küche. Deshalb hat er sich mit Restaurantchef Paco Pйrez zusammengesetzt und Gerichte in flüssiger Form neu interpretiert. Beispielsweise finden gegrillte Auster und Sake ihre geschmackliche Übersetzung in einem Mix aus Single Malt, Lemon und Bitternoten. Den Gast an solche Experimente heranzuführen ist ein wichtiger Teil des Barkonzepts. Das gilt auch für die Musik: Harters langjähriger Freund und musikalischer Berater Frank Rübke hat die Playlisten zusammengestellt, eine Mischung aus Soul, Funk, Blues, alten Filmsoundtracks und Popsongs. „Ins Stue muss man bewusst kommen“, meint Harter. „Der Ort ist sexy, genau wie man sich eine luxuriöse Hotelbar vorstellt. Man lernt sich abends kennen und sieht sich beim Frühstück wieder.“ Denn wer es nach dem letzten Drink nicht mehr nach Hause schafft, kann sich einfach ein Zimmer nehmen – was Harter wärmstens empfiehlt.

Text: Betty Myller

Foto: Sarah Heuser / HiPi

Das Stue Drakestraße 1, Tiergarten, Tel. 311 72 20, www.das-stue.com, Bar: So-Do 12-1 Uhr, Fr+Sa 12-2 Uhr

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