Essen & Trinken

Tim Raue eröffnet ein neues Restaurant

TimRaueGeschirr auf der Autobahn verunglückt, die Kücheneinrichtung fungiert nur als Interimslösung, der Denkmalschutz und seine Bedenken machen neue Investitionen notwendig sowie der ganz normale Eröffnungswahnsinn – Tim Raue holt tief Luft, seine Frau Marie-Anne lächelt und fragt: „Sie haben doch etwas Zeit mitgebracht?“ Tim Raue geht nach draußen und telefoniert, in Englisch, akzentuiert, nicht laut – Gefahr im Verzug! Eine schwarze Wolke sei über das Projekt Restaurant Tim Raue gezogen. Die Woche davor sei noch alles gut gewesen. Heute, nach wieder einer Woche ist alles gut. Am Freitag ist die erste Folge von „Deutschlands Meisterkoch“ ausgestrahlt worden. Tim Raue hat mal wieder klare Ansagen gemacht, für die 70 Hobbyköche deutliche Grenzen gesetzt. Davon will einer Deutschlands Meisterkoch werden und 100.000 Euro kassieren. Das Schicksal meint es mit Tim Raue und Ehefrau Marie-Anne wieder gut. Denn welcher Koch, der ein Restaurant eröffnet, tritt acht Folgen lang als Juror bei einem Medienspektakel auf, das eine so enorme Quote hat? „Ich wollte nie als Fernsehkoch auftreten. Gerade deshalb hat mich diese Art der Kochshow fasziniert, denn ich selbst muss nicht kochen.“

Vor allem das Original aus Australien hat den Koch überzeugt. Aber es hat ihn auch gewundert, dass die Bilder dieser Kochshow viel authentischer, viel besser rüberkamen als die in Deutschland gedrehten Szenen. „Die Australier arbeiten mit Spielfilmmaterial, das kostet zwar, aber sie können die Shows eben in alle englischsprachige Länder verkaufen.“ In Deutschland dreht man anders, doch bei dieser Kochshow setzte Sat 1 teilweise auch spezielle Kamera- und Filmtechnik ein. Vor allen Dingen das Warten sei anstrengend gewesen, so Juror Tim Raue, der den Kollegen Nelson Müller, ebenfalls Juror, sehr zu schätzen weiß. „Hätte ich eine Tochter, wäre er der ideale Schwiegersohn.“ Kochen muss und will der Berliner Spitzenkoch jetzt in der Rudi-Dutschke-Straße. Die Frage, ob sich denn etwas an der kulinarischen Handschrift ändern würde nach dem Umzug vom Ma hinterm Adlon ins Tim Raue in der Rudi-Dutschke-Straße, quittiert er mit einem fragenden Blick. Warum sollte er auch etwas ändern? Seine Art der Küche hat sich bewährt. Also steht die Interpretation der Peking-Ente, die Sichuan-Taube, das Schweinekinn auf der Karte. Tim Raue hat ein Herbstmenü kreiert, und es gibt eine Mittagskarte, bei der jeder Gang wie das Zitronenhuhn oder das Hamachi Sashimi 12 Euro kostet.

Nach knapp zwei Jahren ist die Ära Raue im Adlon-Komplex vorbei. Im Laufe diesen Jahres wurde deutlich, dass die Adlon-Holding etwas anderes, Neues für die Gastronomie hinterm Pariser Platz plant. Populärerer und billiger sollte das Angbot werden. Der Berliner Sternekoch und Marie-Anne Raue hielten an ihrem erfolgreichen Konzept des Ma-Restaurants fest. Die beiden wälzten erst Auswanderungspläne. Asien war schon immer ein Traum von Tim Raue gewesen. Doch wie das Leben so spielt. Bei einer Veranstaltung, die Tim Raue kulinarisch begleitete, erklärte sein Auftraggeber, dass er die Räume nicht mehr als Galerie nutzen möchte. Die Raues griffen zu und machten in den Galerieräumen direkt gegenüber der „taz“ ihr erstes eigenes Restaurant auf, und zwar in Kreuzberg, dem Bezirk, in dem der streitbare Mann aufgewachsen ist. Dass er ein Mann mit Prinzipien ist, wird auch während der Kochshow deutlich.

Tim Raue hat klare Vorstellungen, wie gute Küche zu funktionieren hat. „Demokratie ist in der Küche nicht möglich.“ Es kann nicht diskutiert werden, wie zum Beispiel das Gemüse geschnitten wird. Einer muss das Sagen haben. Und in den Restaurants, in denen Tim Raue gearbeitet hat, hatte er immer schon eindeutig das Sagen. Das war in den Kaiserstuben, im E.T.A. Hoffmann, im Restaurant 44 und mit dem Ma, Uma und der Shochu Bar so. Wer seine Berliner Karriere verfolgt hat, bewundert seine Kreativität, Experimentierfreude und seine Disziplin. Nicht jedem gefällt seine Direktheit, er polarisiert. Doch seine Kochkunst ist unumstritten eine der innovativsten in Berlin. Sein Aromenspiel als modernes Zitat der chinesischen Küche ist einmalig und hat ihm bereits einen Stern und die Aussicht auf einen zweiten beschert.

Man wird dieses Jahr Anfang November sehen, wie der Michelin urteilt. Aber Food-Journalisten und Restaurantkritiker können sich auf den Mann, der mal Interieur-Design studieren wollte, verlassen. Er bleibt sich und seiner Kochkunst treu. Unter dem Motto „Never change a winning team“ bleibt fast alles beim Alten. Die gesamte Servicecrew und das Küchenteam sind mitgegangen, und es werden keine Abstriche der gastgeberischen Linie von Ehefrau Marie-Anne Raue gemacht. „Das Interieur, das wird sicher mehr Berlin sein, die Atmosphäre soll modern und herzlich sein.“ Und Farbe kommt ins Spiel, ein wunderbares Rot fließt die Wand entlang, dunkelblaue Bänke umrahmen den Gastraum, türkisfarbene Sessel akzentuieren den offenen Raum. Tim Raue skizziert schnell nebenbei grob die Anordnung und verortet eine Sammlung von chinesischen Vasen in einer Ecke und ein Kunstwerk an der Wand. Übrigens: Ins Restaurant kommt man über den Hinterhof.

Text: Eva-Maria Hilker

Foto: Nina Zimmermann

Restaurant Tim Raue Rudi-Dutschke-Straße 26, Kreuzberg, Di-Sa 12-14 Uhr, 19-22 Uhr, Tel. 25 93 79 30, www.tim-raue.com;
die Eröffnung ist für Mi 1.9.2010 ins Auge gefasst

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