Essen & Trinken

Passt so? Über den Trinkgeldvorschlag bei Kartenzahlung

Immer öfter tauchen beim Bezahlen mit Karte Trinkgeldvorschläge auf den Geräten auf. Clemens Niedenthal fragt sich, warum er das als so unpassend empfindet.

Aufdringlich? Viele Geräte schlagen fixe Trinkgeldbeträge vor, wenn man mit Karte bezahlt. Foto: Imago/dts Nachrichtenagentur

Ich liebe den gastromischen Alltag auch für seine Rituale. Lange gehörte für mich das Trinkgeld dazu. Die 20 Cent, die man nach dem Espresso al Banco auf dem Tresen der Kaffeebar liegen lässt. Der Zehn-Euro-Schein unter dem Weinglas nach einem gelungenen Abend im Restaurant. Ich wusste dabei immer, es ist auch Teil eines Spiels. Denn natürlich ist das Trinkgeld keine noble Geste. Es ist Teil einer gastronomischen Kalkulation, in die auch der Gast einbezogen ist. Einzig vom Mindestlohn kann keine Servicekraft und keine Spülhilfe leben.

Trinkgeldvorschlag: Der Fachbegriff ist „Nudging“

Doch auf einmal kam etwas dazwischen. Der digitale Bezahlprozess. Und mit ihm der Touchscreen der EC-Kartenlesegeräte samt integriertem Trinkgeldvorschlag. 8, 10 oder 15 Prozent? Einfach die passende Taste drücken. Was aber, wenn man das Trinkgeldgeben per Tastendruck generell als unpassend empfindet? Ich fühlte mich plötzlich seltsam gegängelt. Und fand bald den passenden Fachbegriff dafür: „Nudging“ ist eine Methode aus der Verhaltensökonomie, bei der Konsument:innen mit sanftem Druck, aber ohne Zwang, zu einer Entscheidung bewegt werden. Was fühlte ich mich also genudged.

Aber andererseits: Fühlte ich mich vielleicht einfach nur ertappt? Fühlte ich mich der gönnerhafte Geste entmündigt,  die dem Trinkgeld-Ritual doch auch immer innewohnt. Ein Tresen­altruismus? Dennoch, Trinkgeld gebe ich noch immer lieber in bar. Nicht wegen des Nudgings allerdings. Sondern weil ich dann weiß, dass es tatsächlich in den Händen landet, die es auch verdient haben.


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