Essen & Trinken

Unter Beobachtung: Markthallen in Berlin

MarkthalleArminiusEs ist richtiges Berliner Mistwetter. Alles Grau in Grau, es nieselt, es windet, es ist ungemütlich. Eigentlich ideal für den Besuch einer Markthalle. Fangen wir mit der Markthalle IX in der Kreuzberger Eisenbahnstraße an. Deren Entwicklung wird von allen Seiten beäugt, nicht nur in Kreuzberg. „Die New York Times hat auch schon berichtet“, sagt Nikolaus Driessen, der die Resonanz auf das neue Konzept durchaus positiv einschätzt. Er und seine beiden Partner Florian Niedermeier und Bernd Maier gehen es „stufenweise“ an. An zwei Tagen, freitags und samstags, findet klassisches Markttreiben statt, im eher bescheidenen Rahmen. Den Rest der Woche bestimmen Drospa, K.i.K. und Co. das Hallenleben.

Wie in jeder der neuen Berliner Markthallen spielt auch in dieser die Gastronomie eine große Rolle. Am Stand der sogenannten Marktküche steht eine Schlange, um japanische Suppe zu ordern. Autor Wiglaf Droste plaudert mit Stephane Collard von Saveur Champagne, der hier einen Stand hat. „Ich komme jetzt auch freitags, mir macht es hier richtig Spaß“, so der gebürtige Franzose. Es gibt Tapas, Maultaschen, Küchengeräte, einen Obst- und Gemüsestand, einen Käsewagen, einen Metzger mit einem überschaubaren Wurst­angebot, Kuchen, Torten und einen Blumenladen. „Das Angebot ist aber an den kommenden Wochenenden vielfältiger“, sagt Nikolaus Driessen. Er will sich die langsame Entwicklung der Markthalle nicht schlecht reden lassen. „Wir wollen die Halle Schritt für Schritt entwickeln.“ Aber er räumt ein, dass dieser Prozess einige Pro­ble­me mit sich bringt: „Es gab viele begeisterte Markthändler, die noch wenig Erfahrung hatten, von denen wir uns wieder trennen mussten.“
Es gibt eine Kinderecke, die manchmal von einem Clown bespielt wird, in einem Buchladen finden Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen statt. Im letzten Jahr waren Sonderverkaufstage wie der Naschmarkt erfolgreich. Chez Icke, ein innovatives Partyprojekt, hatte hier seinen Testlauf. Das Konzept der drei von der Meierei – das Trio bewirtschaftet neben der Markthalle seit längerer Zeit einen im Prenzlauer Berg angesiedelten alpenländischen Spezialitätenladen – wird von einer Kreuzberger Anwohnerinitiative unterstützt. Bis vor kurzem traf man sich fast jeden Samstag in der Markthalle zum Gespräch. Inzwischen ist der Rhythmus etwas langsamer geworden. Heute trifft sich die Initiative mit den Betreibern einmal im Monat.
Christoph Albrecht, Sprecher der Anwohnerinitiative, beob­ach­tet wie fast die gesamte Kreuz­berger Nachbarschaft sehr genau die Entwicklung. „Die nächsten Monate werden zeigen, ob die ökonomischen Erwartungen erfüllt werden. Für uns ist es wichtig, dass die Halle als sozia­les Begegnungszentrum funktioniert.“ Doch Hauptproblem ist wohl, dass die Markthalle noch weit entfernt ist von dem Anspruch, Kiezmittelpunkt zu sein.

MarkthalleNeunBeim Thema Markthallen spielt Berlin im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen wieder mal eine Sonderrolle. In Barcelona oder Paris gibt es die Markthalle für die ganze Stadt. Berlin hingegen besitzt zahlreiche Markthallen (Ende des 19. Jahrhunderts gab es 14 Markthallen), die der Versorgung des jeweiligen Kiezes dienen.
Ein besonders sensibles Thema ist das jeweilige Umfeld. Anders als in der Marheinekehalle, die sich ebenfalls in Kreuzberg befindet, treffen in der Markthalle IX nicht Touristen, Akademiker, Berufstätige und Gewerbetreibende aufeinander. Im Vergleich zum Bergmannstraßenkiez weist der Kiez rund um die Pückler Straße eine eher schwache Einkommensstruktur auf.
Und so wundert es nicht, dass die Marheinekehalle wie ein Supermarkt oder die bessere Lebensmittelabteilung eines Kaufhauses anmutet. Zahlreiche Imbisse servieren europäische wie regionale Spezialitäten. Nebenbei wird dann noch ein bisschen Seranoschinken eingekauft, ein paar frische Kräuter. Die Wurst-, Käse- und Fleischtheken bieten eine große Auswahl. Es gibt alles, was man für ein Wochen­ende braucht. Der kulturelle Aspekt? Vielleicht in der oberen Etage die Arbeit von Radio Multikulti.

MarkthalleMarheinekeDie dritte Berliner Markthalle befindet sich in Moabit. Hier wird fast jeder Besucher mit Handschlag begrüßt – so der Eindruck. Yiannis Kaufmann ist Hallenmanager der Arminiushalle, auch Zunfthalle genannt, und fast immer hier anzutreffen. Als „Grüßonkel“ bezeichnet er sich selbstironisch. Ihm ist es zu verdanken, dass der Fischladen in Moabit seinen Standort gefunden hat. Denn allein deshalb lohnt sich der Weg nach Moabit. Es gibt Fish and Chips, Hummer und Austern. Schräg gegenüber wird ein halbes Hähnchen für wenig Geld verkauft. „Nord- und Südkorea – so nennen wir die Kiezstruktur“, sagt Kaufmann. In der Arminiushalle gibt es für alle etwas zu konsumieren. Doch bei der Idee, Ateliers an junge Künstler zu vergeben, die die Miete abarbeiten dürfen, mussten Abstriche gemacht werden. Übrig geblieben sind eine Handvoll T-Shirt-Hersteller, eine Hutmacherin und Ralf Panknin, der Schießscheiben bearbeitet – „und der mehr an Bildern verkauft als jemals zuvor in seiner Galerie“, wie Ralph Martin erzählt, der neben dem Weinbereich auch die Öffentlichkeitsarbeit der Markthalle organisiert. An den Wochenenden finden immer wieder Sonderaktionen statt, und eine Kinderecke hat diese Halle auch. Ebenso einen Bereich, in dem kleine Manufakturen ihre Waren anbieten. Dafür hat sich die Kundschaft eingesetzt und Spenden gesammelt. „In der Marheinekehalle laufen rund 8000 Menschen täglich durch, bei uns sind es zwischen 4000 und 6000.“ Der „Grüßonkel“ will mehr.  Wieviele es in der Markthalle IX sind? Das kann derzeit niemand einschätzen.

Text: Eva-Maria Hilker
Foto: Monika Keiler/HiPi

Arminiusmarkthalle
Arminiusstraße 2-4, Moabit,
Tel. 396 09 50,
www.arminiushalle.zunftnetz.org,
Mo-Do 7.30-18 Uhr,
Fr 7.30-19 Uhr, Sa 7.30-15 Uhr

Marheineke Markthalle
Marheinekeplatz/Bergmannstraße, Kreuzberg,
Tel. 61 28 61 46,
www.meine-markthalle.de,
Mo-Fr 8-20 Uhr, Sa 8-18 Uhr

Markthalle IX
Eisenbahnstraße 42/43,
Pücklerstraße 34, Kreuzberg,
www.markthalle9.de,
Fr+Sa 10-18 Uhr

 

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