Essen & Trinken

Gesunde Ernährung: Verzicht ist der neue Luxus

Cathrine GerickeIch esse weniger ?also bin ich mehr

Dort die Foodies mit ihren Vollbärten, Wollmützen und Karohemden. Da die graswurzelbewegten Reformhausnostalgiker, hier die veganen Politaktivisten, quasi ein kulinarischer Schwarzer Block. Zwischendrin das Bürgertum der Besseresser und die farbenfrohen Outdoorjacken der Friedens- und Ökologiebewegten. Kurz: Es war ein ziemlich bunter Haufen, der da auf die Straße gegangen war, um dafür zu kämpfen, dass es auf den Tellern genauso bunt bleibt.

Wo das Essen und vor allem unser Diskurs darüber – das Reden, Schwärmen und Naserümpfen – also immer wichtiger werden, bleibt als neuerliches Moment der Distinktion: der Verzicht. Enthaltsamkeit, mindestens eine temporäre wie in postsäkularen Fastenritualen, ist gegenwärtig in vieler Munde. Ich esse, also bin ich. Ich esse weniger, also bin ich mehr. Wobei es, vordergründig zumindest, eben nicht um das von außen bestimmte Diktat einer Diät geht, sondern um ein selbst-bewusstes Innehalten, um Konzentration.

Der Organismus ist?k ein Ofenrohr

„Fasten funktioniert als Reinigungsritual unglaublich gut“, konstatiert in diesem Sinne der Lebensstilforscher Eike Wenzel. Und kommt doch nicht umhin, zunächst einmal die weichen von den harten Faktoren zu trennen. „Wissenschaftlich ist ja geklärt, dass es so etwas wie eine Entschlackung nicht gibt, eben weil es gar keine Schlacke gibt. Der menschliche Organismus ist ja kein Ofen, der regelmäßig gereinigt werden muss.“ Tatsächlich hatte der Arzt Otto Buchinger in den Dreißigerjahren ja genau dieses Bild gebraucht: der Körper als Ofenrohr, das von Zeit zu Zeit geputzt werden müsse. Detoxing sagt man dazu heute, reinigende Rituale. Askese also ist längst Teil unserer Genusskultur. Und eben keineswegs ihr Gegenteil.

Klingt blöd. Ist es aber nicht. Denn dass man die Auszeiten (vom Stress, vom Alkohol, vom allzu schnellen, allzu vielen, allzu fetten Essen) geradezu lustvoll inszeniert, heißt ja nicht, dass diese Auszeiten im Umkehrschluss nicht dennoch intensiv und nachhaltig erlebt werden. Oft ist es ja gerade die intensive Beschäftigung mit einem Thema, die letztlich zu einem weniger exzessiven Umgang führt. Das einfache, dafür aber gute Brot. Das langlebige, fair produzierte Produkt, der bewusster geschmeckte Restaurantbesuch.

Darüber hinaus, so Eike Wenzel, ist diese neue Enthaltsamkeit längst auch ein veritables Marktsegment: „60 Milliarden Euro werden in Deutschland jährlich unaufgefordert auf dem zweiten Gesundheitsmarkt ausgegeben. Vom Ayurveda-Brot bis zur Zink-Trinkkur konsumieren wir also Gesundheit.“ Nur einmal zum Vergleich: Auf dem ersten Gesundheitsmarkt, dem von den Krankenkassen getragenen Geschäft mit Knochenbrüchen, Halsentzündungen und Herztransplantationen werden jährlich 80 Milliarden umgesetzt.

Weiterlesen: Straight Edge war eine radikale Jugendkultur. Ihr Credo: Verzicht.

Wie aber fällt nun der Ernährungsratschlag des Trend- und Konsumforschers Wenzel aus? „Alles in Maßen … das ist eine schrecklich deutsche Formulierung, aber leider sehr, sehr richtig.“ Michael Pollan, Food- und Wissenschaftsredakteur der „New York Times“, ist einer, der sich mit pointierten Ernährungsratschlägen ebenfalls auskennt. „Iss nichts, was deine Großmutter nicht kannte“ ist einer davon, „Misstraue Lebensmitteln mit mehr als fünf Zutaten“ ein anderer. Mit solchen Thesen schreibt der Mann Bestseller, die dieser globalen Genussbewegung aus der Seele und dem Magen sprechen.

Dieses Global Food Movement, so Pollan, wird letztlich die Kraft sein, auf deren ethisch wie qualitativ gestiegene Ansprüche auch die großen Nahrungsmittelkonzerne reagieren müssen. Und mag die neue Lust an gutem Essen ab einem gewissen Punkt den Charakter einer Modeerscheinung bekommen haben – eine gesellschaftlich relevante Größe bleibt sie so oder so.

Text: Clemens Niedenthal

Fotos: Cathrine Gericke 

Foodies
Vor allem junge Menschen, die dem Essen oder einem bestimmten Genre unter den Lebensmitteln mit dem Wissen eines Experten, aber der Haltung eines Popfans begegnen.

Global Food Movement
Weltweite, nicht organisierte Be­wegung der von gutem, fair ­produzierten Essen begeisterten ­Menschen, auf deren Marktmacht mittelfristig auch die globalen ­Nahrungsmittelkonzerne reagieren werden.

Zweiter Gesundheitsmarkt
Waren und Dienstleistungen, mit denen – vom Natural-Walking-Schuh bis zur Fastenkur – ein Geschäft mit der Gesundheit gemacht wird. Jährliches Umsatzvolumen: 60 Milliarden Euro.

Frugalismus
Von „frugal“ (schlicht, karg) abgeleiteter Sammelbegriff für einen Lebensstil der Konsum- und Statusverweigerung. Frugalisten interessieren sich für Herkunft und Ökobilanz von Produkten, vor allem aber für selbst gemachte Alternativen. Oft leben sie mit/von wenig Geld oder verzichten ganz darauf.

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