Essen & Trinken

West-Berliner Institutionen

alte_liebe_restaurantschiff_c_kerstin_anders_hipi„Ein Nilpferd!“ Was sich zuerst als grauer Arbeitshandschuh darstellt, ist die Plastikattrappe eines auftauchenden Nilpferdes. Nach genauerem Hinsehen ist auch noch ein Krokodil am Ufer der Havel zwischen den Seerosen zu erkennen. Das sind erste Randerscheinungen, wenn man an Bord der „Alten Liebe“ geht. Es gibt viele der kleinen Hinweise, die an eine Zeit erinnern, in dem der West-Berliner wenig anspruchsvoll noch Weißwein, lieblich oder herb, sein Berliner Bier und einfache Hausmannskost bevorzugte. Auf der oberen Terrasse der „Alten Liebe“ – in Schräglage, mit Gefälle nach hinten, also zum Heck – herrscht eine Welt ohne jegliches Designdiktat, ohne weltstädtische Attitüde, dafür viel, viel Authentizität. In Mitte wäre diese Adresse wahrscheinlich Kult, in West-Berlin ist es unspektakuläres Ausflugslokal mit einem hervorragenden Angebot an klassischen Fischgerichten und ganz normalen Menschen, die hauptberuflich das Essen servieren. Will man zur Fischplatte „Klabautermann“ einen Matjes statt Bratkartoffeln, dann kostet das zwei Euro mehr, ganz einfach. Es gibt Fassbrause und Berliner Weiße – beide Getränke erleben gerade eine Renaissance.

Wie gesagt: Die Zeit ist an der Havel irgendwie stehen geblieben. Ein wenig neue Einflüsse lassen sich auf der Insel Lindwerder feststellen. Eine Fähre samt Mann setzt die Gäste über. Die Insel selbst ist überschaubar, irgendwie muss es dort mal einen Zirkus gegeben haben, der Hauptmast steht noch und der hölzerne Manegenboden rottet vor sich hin. Es herrscht eine sehr spezielle Romantik, an der auch die robuste Plastik-Bestuhlung auf der Terrasse nichts ändert. Die Speisekarte kommt jedoch zeitgemäß daher. Aber – und da ist die Welt dann doch wieder in Ordnung – die Kellner tragen volle Montur auch bei hochsommerlichen Temperaturen, das heißt weißes Hemd, schwarze Weste und Hose. Über Kaffee redet man hier nicht, den trinkt man entschlossen und kritiklos zum Kuchen. Ein vermeintlich galanter Gast knickt die Äste weg, damit die Damen den zugegebenermaßen unvergleichlichen Blick über die Havel genießen können.

waldklause_c_kerstin_anders_hipiFür sehr spezielle Orte hat be­kanntermaßen auch Ben Becker so seine Vorlieben. Und so hängen in der Waldklause zahlreiche Fotos von ihm an der Wand. Am Tresen sollte der Gast seine Getränke selbst abholen und einen Blick in die Küche werfen. Dort kocht meist einer der Familie, die ungern öffentlich in Erscheinung treten möchte. „Wir wollen keine Presse.“ Jedenfalls tupft auf der wirr zusammengestellten Terrasse eine ältere Dame das Fett von den Bratkartoffeln, eine sportive Radlergruppe im Trikot bestellt das gleichnamige Mischgetränk. Eine Gruppe älterer Herren mit gegeltem Haar bespricht die politische Weltlage, und auch sonst strandet hier alles, was den langen Weg, egal in welcher Sport- und Bewegungsart geschafft hat.
Um leichte, geistige Beweglichkeit geht es bei der Komödie am Kurfürstendamm. Und auch oder gerade dort pflegt man Tradition. Kazem Mahmoud spielt die gastronomische Hauptrolle an dieser West-Berliner Institution. Er serviert Himbeerbowle, und das seit über 22 Jahren. „Mein Vorgänger hat das auch schon jahrelang zelebriert.“ Ist ein Stück gut bzw. gut besucht, gehen schon mal 200 bis 250 Liter Bowle über den Tresen. Himbeerbowle als Qualitätsmerkmal? So will er das nicht unbedingt verstanden wissen. Ob es denn auch am Wetter liegt? „Auf keinen Fall, im Sommer wie im Winter wird sie bestellt. Wir haben schon mal versucht, saisonal etwas anzubieten wie Maibowle – zwecklos, das läuft nicht.“ Die Himbeerbowle als Markenzeichen – egal ob Anita Kupsch das alte West-Berlin oder die Comedian Harmonists Berlinbesucher unterschiedlichen Alters unterhält. Egal wie gut die Show war, wie das Wetter ist, wie die Trends gerade so liegen – die Himbeerbowle, die Alte Liebe, die Kellner von Lindwerder und die Waldklause bleiben bestehen.

Text: Eva-Maria Hilker

Fotos: Kerstin Anders

Alte Liebe Restaurantschiff Havelchaussee 107, Charlottenburg, Tel. 304 82 58, täglich 12-19 Uhr

Lindwerder Havelchaussee, Charlottenburg, Tel. 803 65 84, Mi-So ab 11.30 Uhr

Waldklause Eichkampstraße 156, Charlottenburg, Tel. 302 67 70, täglich ab 10 Uhr

Theater und Komödie am Kurfürstendamm Kurfürstendamm 206/209, Charlottenburg, Tel. 88 59 11 88, www.komoedie-berlin.de

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