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Wie fair ist Bio wirklich?

BioinselEin kleines grünes Sechseck ist das Symbol des deutschen Biobooms. Das noch von der damaligen Verbraucherschutzministerin Renate Künast eingeführte deutsche Biosiegel prangt heute auf rund 63?000Produkten. Fleisch, Obst, Gemüse, Fertigsuppen, Bier. Es steht für einen ökologischen Mindeststandard bei Herkunft und Herstellung dieser Waren. Es gibt den Kunden ein gutes Gefühl beim Einkaufen. Das deutsche Biosiegel und die der anderen Verbände wie Bioland oder Demeter sind der Grund, weshalb viele im Bioladen gern einige Euro mehr ausgeben.
Es ist ein Obolus für Tier- und Klimaschutz, gegen Globalisierung und Agrarlobby, gegen Schadstoffe. Für die Gesundheit. Aber auch: ein Obolus für das
eigene gute Gewissen
. Für die tägliche Selbstvergewisserung, als Konsument auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Auf der guten.
Das Biosiegel prangt auch auf fast jedem der Produkte, die Alex F. (27, Name von der Redaktion geändert) in seiner Acht-Stunden-Schicht in einer der Berliner Filialen
der Supermarktkette Bio Company über den Scanner zieht. Und da bekommt die Moral Risse. Der junge Angestellte verdient als gelernte Fachkraft nämlich mit knapp 1?500 Euro brutto pro Monat weit weniger als seine Kollegen, die an der Kasse
eines konventionellen Supermarkts sitzen. Weniger auch als die Angestellten in einer Drogerie oder einem Discounter. Er bekommt auch kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld: „Mir bleiben im Monat 1050 Euro zum Leben“, sagt Alex F.
Da passt etwas nicht zusammen. Der Anspruch einer Branche auf politische, auf ökologische Korrektheit bei der Herstellung ihrer Produkte. Und der Umstand, dass sie ihre Angestellten offensichtlich zu selten mit demselben Anspruch behandelt.
DIE VERLORENE UNSCHULD VOM LANDE
Biologisch korrekt zu konsumieren ist längst nicht mehr nur ein Lebensgefühl des ökohedonistischen Bürgertums,es ist für immer mehr Menschen selbstverständlich. Bio mag irgendwie mittlerweile jeder. So wie den Atomausstieg, Udo
Lindenberg oder Mesut Özil in der deutschen Nationalmannschaft. Fast 20 Prozent der Deutschen kaufen regelmäßig oder ausschließlich Bio: Aus der Nischenbewegung von einst ist ein knallhartes Business um Kunden und Marktanteile geworden.
Doch mit dem rasanten Wachstum droht der Branche auch ein Teil ihrer Unschuld verloren zu gehen. Ein wichtiger Punkt dabei: die Arbeitsbedingungen der Bio-Angestellten. Dabei interessieren sich zumindest laut Umfragen immer mehr Menschen auch für die sozialen Aspekte der Biobranche, für die Bezahlung von Bauern, Verarbeitern und
Verkäufern. Rund 70 Prozent der Biokäufer geben mittlerweile laut einer aktuellen Erhebung des Branchenverbands Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) an, Wert auf soziale Aspekte wie Arbeitsbedingungen und gerechte Bezahlung zu legen.
Das sind weniger als die 90 Prozent, die wegen geringer Schadstoffbelastung oder artgerechter Tierhaltung einkaufen. Aber immerhin: Sozialstandards werden deutschen Biokonsumenten immer wichtiger.
Mit dem „Transfair“-Logo gibt es zwar ein Siegel für die angemessene Bezahlung der Arbeiter in der Herstellung. Ein Siegel für die faire Bezahlung der Belegschaft dagegen existiert für die deutschen Bioläden nicht. „Ich kenne keine Biokette, die nach Tarif bezahlt“, sagt Janet Dumann, bei der
Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zuständige Referentin für Bioläden- und Supermärkte. „Uns ist in Berlin auch kein einziger Bioladen bekannt, in dem es einen Betriebsrat gibt.“ Die Verdi-Frau hat im vergangenen Jahr eine lange Liste mit Beschwerden von Mitarbeitern zusammengestellt: Pausenzeiten würden nicht eingehalten, Überstunden
nicht bezahlt, Mitarbeiter müssten Fehlbeträge in der Kasse selbst ausgleichen und würden stundenlang mit Musik beschallt.
Verdis Hauptwurf aber sind die niedrigen Löhne, die sich nicht an den Tarifen des Einzelhandels orientieren. Nach diesen bekäme schon ein ungelernter Verkäufer im ersten Jahr 1?490,nach dem vierten Jahr 1?863
Euro Bruttomonatsgehalt. Ein Gelernter wie Alex, der bei der Bio Company seine Ausbildung zum Kaufmann absolviert hat, käme im ersten Jahr auf 1?737,
im siebten auf 2?171 Euro für eine 38-Stunde-Woche: 13 Euro die Stunde. Ketten wie Kaiser’s, Reichelt, Aldi, Rewe oder Lidl bezahlen das ihren Angestellten.
Letztes Jahr startete Verdi eine Offensive, verteilte Flugblätter vor Biofilialen, versuchte auch Mitarbeiter darin zu bestärken, einen Betriebsrat zu gründen. Erfolglos.
Der Berliner Marketingberater und Betreiber des Blogs Politischer-Konsum.de, Dorian Cantzen, hat im vergangenen Jahr im Bezirksmagazin „Berglink“ über die fragwürdigen Seiten der Bioläden geschrieben. Sein Fazit: „Ausgerechnet die Läden, die für Transparenz und Fairness stehen, behandeln und
bezahlen ihre Mitarbeiter schlechter als viele Discounter.“
Mit vollem Namen möchte sich jedoch kein Betroffener in der Biomarktbranche öffentlich zu dem heiklen Thema äußern. Man hört von langjährigen Verkäufern, die bei Lidl oder
Aldi einkaufen, weil sie sich mit ihrem dürftigen Gehalt jene Bioprodukte nicht leisten können, die sie selbst feilbieten. Von Verdiensten von 20, sogar 30 Prozent unter Tarif. Von Druck und Stress, der beständig von oben käme, bis hin zu Kameras im
Laden, die nicht nur Ladendiebe überführen, sondern auch die Belegschaft überwachen sollten.
Es mag sein, dass es sich dabei um besonders krasse Einzelfälle handelt. Um schwarze Schafe in der weißen Bioherde. Die verstärkte öffentliche Debatte in jüngster Zeit
spricht aber dafür, dass die Defizite bei der fairen Behandlung und der Leistungsgerechten Bezahlung von Biomarktangestellten tatsächlich ein dringliches Problem sind.

NÖTIGER SELBSTHEILUNGSPROZESS
Eine Branche, die mit moralischem Anspruch operiert, muss aushalten, genau daran auch gemessen zu werden. Und es scheint, dass bei den Bioketten diese Erkenntnis allmählich angekommen ist. Ein Selbstheilungsprozess ist auch dringend erforderlich. Bislang ist Alnatura (mit sieben Filialen in Berlin vertreten ) die einzige Biokette, die von sich selbst behauptet, zumindest den Einstiegstarif als Untergrenze zu akzeptieren und mindestens 1 550 Euro bereits für ungelernte Kräfte zu zahlen. Vor nicht einmal zwei Jahren stand die Kette noch selbst wegen der Entlohnung von Angestellten weit unter Tarif in der Kritik. Die „taz“ titelte damals: „Ein Ökokapitalist sahnt ab.“
Thomas Greim, der Geschäftsführer des deutschen Bioketten-Marktführers Denn’s mit 72 Filialen, der gerade in Berlin expandiert, sagte vor wenigen Wochen ebenfalls in der „taz“ überaus vage: „Wir orientieren uns an den Tarifverträgen.“ Das heißt: „Die Stundenlöhne liegen zum Teil über und zum Teil auch leicht unter dem Tarif.“
Und auch die Bio Company, die nach eigenen Angaben in den nächsten Jahren von bundesweit derzeit 27 auf 50 Filialen wachsen will, stellt nun gegenüber dem tip baldige Verbesserungen in Aussicht. „Beginnend mit dem  Abrechnungszeitraum Februar 2012 gibt es keine Vollzeitstelle mehr bei Bio Company, die unter 1 550 Euro brutto vergütet wird“, versprechen die Geschäftsführer Georg Kaiser und Hubert Bopp. Dazu käme dann noch der Gutschein
über 50 Euro, der einem Bruttowert von 80 Euro entspräche. Insgesamt sind das dann 1 630 Euro. „Alle darüberliegenden Gehälter werden nach Verantwortung, Kenntnissen und Leistung wie Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit, Schnelligkeit, Freundlichkeit höher bemessen.“ Damit sehen sich die Chefs der Kette „im guten Mittelfeld der Bio-Einzelhandelsbranche“. Das „beharrliche“ Ziel für die Zukunft sei, „die Gehälter anzuheben“. Man gehe davon aus, „hier mittelfristig noch besser zu werden. Dabei hilft uns insbesondere das gute Wachstum der Bio Company“.

BOOM MIT HARTEN BANDAGEN
Schließlich passen die mickrigen Zahlen auf den Gehaltszetteln der rund 180 000 Angestellten der Biobranche nur schlecht zu deren Erfolgsmeldungen. Ihre Umsätze wachsen seit Jahren fast durchweg zweistellig. Rund sechs Milliarden Euro werden jährlich mit Bio in Deutschland umgesetzt. Der Biofachhandel allein knackte letztes Jahr erstmals
die Zwei-Milliardenmarke und vermeldete einen Rekordumsatz für Naturkost und Naturkosmetik, ließ der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) ermitteln. Experten der Branche halten einen Mindestlohn in der Biobranche deshalb längst für überfällig. Doch gerade in Boomstädten wie Berlin ist das fast unmöglich: „Berlin ist im Moment eines der umkämpftesten Gebiete, was die Neueröffnung von Läden angeht“, sagt Harald Wurm, Vorstand beim BNN.
Keine konventionelle Lebensmittelkette kommt mehr ohne ihre eigene Biomarke aus, selbst bei Discountern wie Aldi und Co gibt es längst ein großes Angebot an Produkten, die zumindest das deutsche oder europäische Biosiegel tragen. Auch die Bioläden und -supermärkte werden immer größer. In den Städten konkurrieren die Ökoketten längst um die besten Standorte. Und dieser Kampf um die Standorte wird mitunter mit überaus harten Bandagen geführt. Das zeigte unlängst die Eröffnung einer neuen Denn’s-Filiale in Karlshorst. Die liegt keine 200 Meter entfernt vom bislang einzigen
Bioladen des Lichtenberger Kiezes. Fair sieht anders aus.
Viktor Brun kann diesen Boom bestens in seiner nahen Umgebung beobachten. Der Schweizer ist ein Urgestein der Biobranche, machte schon Anfang der 80er Jahre einen Bioladen in Zürich auf. Vor fünf Jahren übernahm er dann in Berlin ein alteingesessenes Geschäft in der Schöneberger Crellestraße. In unmittelbarer Nähe seines Natur- und
Feinkostladens Biolin
o liegen zwei andere Bioläden. Nun hat 200 Meter entfernt gerade eine weitere Filiale von Denn’s aufgemacht. Für Brun ist es jedoch eine Herausforderung, der er gelassen entgegensieht: „Ich habe mir das angesehen. Manchmal sind die drüber, manchmal unter unseren Preisen.“ Konkurrenz belebt eben auch das Geschäft. Manchmal. Man muss sie nur annehmen. Mitunter, sagt Brun, freue er sich sogar über den Erfolg der Supermarktketten. Weil
sich viele Ladenbesitzer, denen die Kunden jahrzehntelang automatisch zugefallen sind, plötzlich anstrengen müssten.
Schließlich ist Bio eine Branche mit vielen unbestreitbaren Verdiensten. Eine Branche, die Aspekte wie Nachhaltigkeit und Verantwortung ganz selbstverständlich verinnerlicht und vorgelebt hat – Jahrzehnte, bevor die Marketingabteilungen großer Konzerne diese Themen für sich entdeckt haben.
„Man darf nicht vergessen, dass hier viele Idealisten arbeiten und die Atmosphäre und das Miteinander in vielen kleinen Läden sehr gut ist“, sagt BNN-Vorstand Wurm. Er verweist auf die vielen Frauen in der Branche, auf Teilzeitverträge und flexible Arbeitszeiten zum Beispiel für Alleinerziehende: „Es kommt nicht nur darauf an, was am Ende im Geldbeutel ist.“ Wurm glaubt aber auch, dass die Bioläden sich ihre eigenen Werte wieder stärker bewusst machen muss: „Unser Anspruch muss natürlich sein, dass wir nicht nur beim Sortiment, sondern auch in solchen Fragen die
Qualitätsführerschaft haben.“

Bio_FrischemarktBIOTIEFKÜHLKOST, BIOFERTIGSUPPEN
Aber auch beim Sortiment bleiben Fragen offen. Denn Bio steht eben längst nicht mehr nur für saisonale, regionale und vor allem naturbelassene Erzeugnisse. Die Zeiten, in denen Ökoprodukte ein Nischendasein in selbst gezimmerten Holzregalen dröger Bioläden fristeten – eingeräumt von einer Gründeravantgarde, die sich als David in Birkenstocksandalen gegen die bösen Lebensmittelgoliathe behauptete – sind längst vorbei. Die reine Biolehre verträgt sich schlecht mit der stetigen Marktausweitung. Mikrowellenessen, Tiefkühlkost und Fertiggerichte sind im Bioladen mittlerweile ebenso zu finden wie im konventionellen Handel. Immer mehr Käufer fragen sich daher beim Anblick exotischer Früchte, von Erdbeeren im Winter, Tiefkühlpizza und Fertigsuppen mit künstlichen Zusatzstoffen, ob dieses Bio noch wirklich das wahre Bio ist. „Durch den Ökoboom sind Biolebensmittel zu einem lukrativen Geschäft geworden“, sagt der Journalist Stefan Kreutzberger, der vor knapp zwei Jahren das Buch „Die Ökolüge“ vorlegte, mit dem Untertitel: „Wie Sie den grünen Etikettenschwindel durchschauen“.
Die Folge: „Betrug und schwarze Schafe gibt es daher genauso wie im konventionellen Bereich. Und es geht um viel Geld.“ Kreutzberger betont aber auch: „Das Gros der Bioprodukte ist aus ernährungsphysiologischer Sicht, einer geringeren Umweltbelastung und nachhaltigerem Umgang mit der Natur deutlich besser.“ Die wachsende Bedeutung der Biobranche zeigt sich auch in der stetig zunehmenden Zahl der ökologisch bewirtschafteten Flächen und der ökologisch wirtschaftenden Betriebe. Erstmals sind in Deutschland 2010 mehr als eine Million Hektar Landfläche ökologisch bewirtschaftet worden. Auch im ökologischen Landbau sind Intensivierung und Spezialisierung zu beobachten. Der Handel ist längst global. Denn der deutsche Bioboom wird bereits durch massive Importe aus Südamerika, Afrika und Osteuropa befriedigt. Herkunftsländer wie Chile, Ecuador und Spanien finden
sich längst auf den Etiketten. Auf Kosten von CO2-Bilanz und auch Kontrollmöglichkeiten. Auch die Frage, wie ökologisch das am Ende wirklich ist, lässt sich dabei immer schwerer beantworten. Denn ein Neuseelandapfel, der per Containerschiff ins Berliner Bioregal gelangt, muss nicht unbedingt eine schlechtere Ökobilanz ausweisen als der Jonagold aus Brandenburg, der ebenfalls im Winter verkauft wird. Denn: „Die dabei verbrauchte Energiemenge ist in etwa so hoch, wie die, die zur Einlagerung deutscher Äpfel in Kühlhäusern benötigt wird.“ So lautet das Fazit des Gießener Forschers Elmar Schlich, Professor für Prozesstechnik an der dortigen Universität, der 2008 in einer Studien Äpfel mit Äpfeln verglich: „Insoweit gibt es keinen Grund, Äpfel globaler Herkunft wegen der vermuteten Klimaschädlichkeit anzuprangern“. Ein bisschen einfacher ist es bei Wintererdbeeren. Die kommen meist mit dem Flieger und sind natürlich klimatechnischer Wahnsinn. Trotzdem findet man sie in den meisten Berliner Biomärkten. So ist der Verbraucherwunsch mittlerweile oft wichtiger das ökologische Gewissen.
Bei Bioveteran Viktor Brun, den Biolino-Ladenbesitzer in Schöneberg, kommt so was freilich nicht in Frage. Egal, was der Kunde begehrt: „Es gibt bei uns auch mal drei Wochen keine Äpfel“, sagt Brun. Auch exotische Früchte führt er nicht. Genauso wenig Weine aus Übersee. Das höchste der Gefühle ist da schon Paprika aus Marokko. „Aber ich habe mich davor genau informiert, wo die herkommen“, sagt er. Dem größeren Sortiment der Supermärkte setzt Brun persönliche Beratung entgegen: „Ich kenne ein Drittel der 200 Kunden, die regelmäßig zu uns kommen mit Namen.“ Eine
ausgefallene Müslisorte bestellt er auch mal nach Kundenwunsch. Es ist ein ständiger Spagat zwischen eigenem Gewissen und Gewinn. Den Umsatz seines Ladens Biolino habe er seit 2005 „verdreifacht“, sagt er. Reich wird er dabei trotzdem nicht. Auf acht Euro vor Steuern schätzt Brun seinen eigenen Stundenverdienst.

ARBEITEN OHNE SELBSTAUSBEUTUNG
Ohnehin kann man im Biolino gut beobachten, dass es in der grünen Branche nicht nur Schwarz oder Weiß gibt. Elke (34) arbeitet seit eineinhalb Jahren hier, macht gerade eine Weiterbildung zur Naturkostfachberaterin. Sie verdient als Aushilfe auf 400-Euro-Basis sieben Euro pro Stunde: „Das ist meinen Aufgaben nicht angemessen“, sagt sie unumwunden. Neben den klassischen Aufgaben – Regale füllen, an der Kasse stehen, die Abrechnung machen –, kocht sie auch noch für den Mittagstisch. Zufrieden ist Elke mit ihrem Job trotzdem. Weil die Atmosphäre im Laden gut sei. „Es ist nachvollziehbar, dass man nicht mehr verdient. Deshalb geht das in Ordnung“, sagt sie. „Ich erfahre Wertschätzung für meine Arbeit. Ich lerne viel – auch für meine Pläne, mich selbstständig zu machen.“ Ihr Ziel: ein gemeinsam mit Mitstreitern selbst betriebener Bioladen. Dabei steht Geld vorerst nicht im Vordergrund – ähnlich wie bei ihrem Noch-Chef: „Ich verbinde mit Bio eben bewusst zu leben. Lebensmittel noch als Lebensmittel zu begreifen“, sagt sie. Fairness und Transparenz gehörten genauso zu dieser Philosophie wie die artgerechte Haltung von Tieren, sagt die Frau, deren Großeltern noch einen Bauernhof hatten. Die Idee: „Wir wollen arbeiten, ohne uns und andere auszubeuten.“ Bei einem bestehenden Laden haben sie sich angeschaut, wie das geht. Dort arbeiten die Inhaber im Kollektiv 30 Stunden die Woche und verdienen netto im Schnitt 1 200 Euro im Monat.
Aber Elke hat selbst schon ganz andere Erfahrungen gemacht, in einem anderen Bioladen am Berliner Stadtrand. Dort habe sie gar kein Gehalt bekommen, sondern nur 30 Prozent Rabatt auf ihre eigenen Einkäufe. Den Laden habe sie als sehr chaotisch erlebt. „Ich sollte aufschließen und alleine verkaufen. Hatte also die volle Verantwortung, aber konnte nichts lernen. Das war für mich nicht stimmig.“ Ein „Ehrenamt“, das sie nach drei Einsätzen wieder beendete.

Viktor Brun selbst zieht seine strikte Berufsauffassung auch bei der Frage des Wegwerfens von nicht verkauften Lebensmitteln durch. Was im Biolino nicht mehr verkauft wird, nehmen die Mitarbeiter entweder mit nach Hause – oder sie können es mittags verspeisen: „Wenn wir zu viel Blumenkohl haben, machen wir eben Suppe draus“, sagt Brun.
Bei größeren Ketten ist das dagegen oft anders: „Je nach Filiale und Marktleiter wird dort alles, das nicht mehr gut aussieht, auch in den Müll geworfen“, sagt Bio-Company-Verkäufer Alex F. Kein Einzelfall, wie der Buchautor Kreutzberger glaubt. In den meisten Biosupermärkten und auch vielen Bioläden würde mindestens so viele Lebensmittel weggeworfen wie in konventionellen: „Der Konkurrenzdruck verleitet dazu, auch nur perfekt aussehende Waren vorzuhalten.“
Die Geschäftsführung der Bio Company bestätigt zwar prinzipiell das Entsorgen von Lebensmitteln, verweist aber darauf, dass es sich um Lebensmittel handele, die kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums trotz bis zu 50-prozentigem Abschlag nicht mehr verkauft werden könnten und auch von karitativen Einrichtungen wie der Tafel nicht
akzeptiert würden. „Glauben Sie uns, das schmerzt uns sehr“, beteuern die Geschäftsführer Hubert Bopp und Georg Kaiser. „Sowohl aus ethischer wie auch aus ökonomischer Motivation wollen wir diesen Schwund so gering wie möglich
halten.“

FRAGEN DER VERANTWORTUNG
Ungeachtet aller Probleme: Die Biobranche ist dem konventionellen Handel weiter in vielen Belangen überlegen. Tomaten, Gurken und Salat sind weniger pestizidbelastet, die Bauern verbrauchen keine synthetischen Kunstdünger (Stiftung Warentest und Öko Test bestätigen regelmäßig geringere Belastungen). Auch Bioschweine und -puten werden meist um einiges artgerechter behandelt als ihre Artgenossen in den Fabriken der konventionellen Fleischmafia. Und ihr Fleisch ist dank Weidefütterung und besserem Auslauf gesünder.
„Die Ökolüge“-Autor Kreutzberger sagt daher: „Die größten Ökolügen finden nicht in der Lebensmittelbranche statt, sondern im Energie- und Automobilbereich sowie der Chemieindustrie. Hier wird seit Jahren systematisch Greenwashing betrieben, die Öffentlichkeit belogen. Hier werden staatliche Stellen hinters Licht geführt. Effektive Kontrollen gibt es nicht, und es wird sich auf angebliche Selbstverpflichtungen/-kontrollen verlassen.“
Doch es ist auch so, dass der erfolgsverwöhnten Biobranche zuletzt der Wind stark ins Gesicht wehte. Schlagzeilen machte letztes Jahr nicht nur der Ehec-Skandal: Keime, die ausgerechnet auf Biosprossen lauerten. Die Schattenseiten der Biobranche zeigte vor allem ein Betrugsfall in Italien. Findige Betrüger deklarierten dort mit gefälschten Siegeln und Zertifikaten 700 000 Tonnen konventionelle Lebensmittel in Bioerzeugnisse um. Geschätzter Wert: über 200 Millionen
Euro. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) will jetzt zumindest die Kontrollen in Deutschland verstärken.
Ohnehin sehen Experten die Biobranche vor neuen Herausforderungen. Anke Schekahn vom Kasseler Institut für ländliche Entwicklung setzt sich seit Jahren für mehr Fairness in der Branche ein. Im Gespräch mit der Branchenseite Oekolandbau.de fordert sie, mehr Nachhaltigkeit in der Branche zu fördern. „Das beinhaltet faire Wirtschaftsund
Handelsbeziehungen mit dem Schwerpunkt faire Preise, soziale Verantwortung innerhalb des Unternehmens und für die
Region, Regionalität, Qualität sowie Umweltschutz.“ Die großen Herausforderungen hießen dabei Verbraucheraufklärung, Glaubwürdigkeit und Weiterentwicklung der Fairness-Kriterien.

In Berlin gründete sich auch zu diesem Zweck bereits vor einigen Jahren die – allerdings vielen Verbrauchern kaum bekannte – Aktionsgemeinschaft fair & regional Bio Berlin-Brandenburg, in der sich Produzenten und Einzelhandel zu sozialen Mindeststandards verpflichten. Auch der Dachverband BNN setzt sich dafür ein. In einer großen Umfrage mit über 120 Einzelpunkten lässt er gerade die Anstrengungen seiner Mitglieder in Sachen Nachhaltigkeit zusammentragen, um sie stärker in den Vordergrund rücken zu können. Am Ende wird es immer eine persönliche Entscheidung von jedem Einzelnen sein, wo und was er kauft. Keiner ist gezwungen, Waren aus der anderen Erdhalbkugel zu erstehen, keine Tasche mitzunehmen oder so viel zu kaufen, dass man selbst die Hälfte des Essens wegwirft. Und da ist ein Einkauf im Bioladen trotz allem meistens nachhaltiger und ressourcenschonender. Zumindest so lange man nicht mit dem SUV vorfährt. 
Text: Björn Trautwein

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