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Wie fair ist Bio wirklich?

bioinselZum Beispiel bei untertariflichen Löhnen für Angestellte. Der Erfolg der Biomärkte hat Schattenseiten. tip-Autor Björn Trautwein über die dringend notwendige Selbstheilung der Branche.
Ein kleines grünes Sechseck ist das Symbol des deutschen Biobooms. Das noch von der damaligen Verbraucherschutzministerin Renate Künast eingeführte deutsche Biosiegel prangt heute auf rund 63 Produkten. Fleisch, Obst, Gemüse, Fertigsuppen, Bier. Es steht für einen ökologischen Mindeststandard bei Herkunft und Herstellung dieser Waren. Es gibt den Kunden ein gutes Gefühl beim Einkaufen. Das deutsche Biosiegel und die der anderen Verbände wie Bioland oder Demeter sind der Grund, weshalb viele im Bioladen gern einige Euro mehr ausgeben. Es ist ein Obolus für Tier- und Klimaschutz, gegen Globalisierung und Agrarlobby, gegen Schadstoffe. Für die Gesundheit. Aber auch: ein Obolus für das eigene gute Gewissen. Für die tägliche Selbstvergewisserung, als Konsument auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Auf der guten.

Das Biosiegel prangt auch auf fast jedem der Produkte, die Alex F. (27, Name von der Redaktion geändert) in seiner Acht-Stunden-Schicht in einer der Berliner Filialen der Supermarktkette Bio Company über den Scanner zieht. Und da bekommt die Moral Risse. Der junge Angestellte verdient als gelernte Fachkraft nämlich mit knapp 1 Euro brutto pro Monat weit weniger als seine Kollegen, die an der Kasse eines konventionellen Supermarkts sitzen. Weniger auch als die Angestellten in einer Drogerie oder einem Discounter. Er bekommt auch kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld: „Mir bleiben im Monat 1050 Euro zum Leben“, sagt Alex F. Da passt etwas nicht zusammen. Der Anspruch einer Branche auf politische, auf ökologische Korrektheit bei der Herstellung ihrer Produkte. Und der Umstand, dass sie ihre Angestellten offensichtlich zu selten mit demselben Anspruch behandelt.

DIE VERLORENE UNSCHULD VOM LANDE

Biologisch korrekt zu konsumieren ist längst nicht mehr nur ein Lebensgefühl des ökohedonistischen Bürgertums, es ist für immer mehr Menschen selbstverständlich. Bio mag irgendwie mittlerweile jeder. So wie den Atomausstieg, Udo Lindenberg oder Mesut Özil in der deutschen Nationalmannschaft. Fast 20 Prozent der Deutschen kaufen regelmäßig oder ausschließlich Bio. Aus der Nischenbewegung von einst ist ein knallhartes Business um Kunden und Marktanteile geworden. Doch mit dem rasanten Wachstum droht der Branche auch ein Teil ihrer Unschuld verloren zu gehen. Ein wichtiger Punkt dabei: die Arbeitsbedingungen der Bio-Angestellten. Dabei interessieren sich zumindest laut Umfragen immer mehr Menschen auch für die sozialen Aspekte der Biobranche, für die Bezahlung von Bauern, Verarbeitern und Verkäufern. Rund 70 Prozent der Biokäufer geben mittlerweile laut einer aktuellen Erhebung des Branchenverbands Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) an, Wert auf soziale Aspekte wie Arbeitsbedingungen und gerechte Bezahlung zu legen. Das sind weniger als die 90 Prozent, die wegen geringer Schadstoffbelastung oder artgerechter Tierhaltung einkaufen. Aber immerhin: Sozialstandards werden deutschen Biokonsumenten immer wichtiger.

bioinselMit dem „Transfair“-Logo gibt es zwar ein Siegel für die angemessene Bezahlung der Arbeiter in der Herstellung. Ein Siegel für die faire Bezahlung der Belegschaft dagegen existiert für die deutschen Bioläden nicht. „Ich kenne keine Biokette, die nach Tarif bezahlt“, sagt Janet Dumann, bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zuständige Referentin für Bioläden- und Supermärkte. „Uns ist in Berlin auch kein einziger Bioladen bekannt, in dem es einen Betriebsrat gibt.“ Die Verdi-Frau hat im vergangenen Jahr eine lange Liste mit Beschwerden von Mitarbeitern zusammengestellt: Pausenzeiten würden nicht eingehalten, Überstunden nicht bezahlt, Mitarbeiter müssten Fehlbeträge in der Kasse selbst ausgleichen und würden stundenlang mit Musik beschallt.
Verdis Hauptwurf aber sind die niedrigen Löhne, die sich nicht an den Tarifen des Einzelhandels orientieren. Nach diesen bekäme schon ein ungelernter Verkäufer im ersten Jahr 1?490, nach dem vierten Jahr 1?863 Euro Bruttomonatsgehalt.

Ein Gelernter wie Alex, der bei der Bio Company seine Ausbildung zum Kaufmann absolviert hat, käme im ersten Jahr auf 1?737, im siebten auf 2?171 Euro für eine 38-Stunde-Woche: 13 Euro die Stunde. Ketten wie Kaiser’s, Reichelt, Aldi, Rewe oder Lidl bezahlen das ihren Angestellten. Letztes Jahr startete Verdi eine Offensive, verteilte Flugblätter vor Biofilialen, versuchte auch Mitarbeiter darin zu bestärken, einen Betriebsrat zu gründen. Erfolglos. Der Berliner Marketingberater und Betreiber des Blogs Politischer-Konsum.de, Dorian Cantzen, hat im vergangenen Jahr im Bezirksmagazin „Berglink“ über die fragwürdigen Seiten der Bioläden geschrieben. Sein Fazit: „Ausgerechnet die Läden, die für Transparenz und Fairness stehen, behandeln und bezahlen ihre Mitarbeiter schlechter als viele Discounter.“ Mit vollem Namen möchte sich jedoch kein Betroffener in der Biomarktbranche öffentlich zu dem heiklen Thema äußern.

Man hört von langjährigen Verkäufern, die bei Lidl oder Aldi einkaufen, weil sie sich mit ihrem dürftigen Gehalt jene Bioprodukte nicht leisten können, die sie selbst feilbieten. Von Verdiensten von 20, sogar 30 Prozent unter Tarif. Von Druck und Stress, der beständig von oben käme, bis hin zu Kameras im Laden, die nicht nur Ladendiebe überführen, sondern auch die Belegschaft überwachen sollten. Es mag sein, dass es sich dabei um besonders krasse Einzelfälle handelt. Um schwarze Schafe in der weißen Bioherde. Die verstärkte öffentliche Debatte in jüngster Zeit spricht aber dafür, dass die Defizite bei der fairen Behandlung und der leistungsgerechten Bezahlung von Biomarktangestellten tatsächlich ein dringliches Problem sind.

NÖTIGER SELBSTHEILUNGSPROZESS
Eine Branche, die mit moralischem Anspruch operiert, muss aushalten, genau daran auch gemessen zu werden. Und es scheint, dass bei den Bioketten diese Erkenntnis allmählich angekommen ist. Ein Selbstheilungsprozess ist auch dringend erforderlich. Bislang ist Alnatura (mit sieben Filialen in Berlin vertreten) die einzige Biokette, die von sich selbst behauptet, zumindest den Einstiegstarif als Untergrenze zu akzeptieren und mindestens 1550 Euro bereits für ungelernte Kräfte zu zahlen. Vor nicht einmal zwei Jahren stand die Kette noch selbst wegen der Entlohnung von Angestellten weit unter
Tarif in der Kritik. Die „taz“ titelte damals: „Ein Ökokapitalist sahnt ab.“

Thomas Greim, der Geschäftsführer des deutschen Bioketten-Marktführers Denn’s mit 72 Filialen, der gerade in Berlin expandiert, sagte vor wenigen Wochen ebenfalls in der „taz“ überaus vage: „Wir orientieren uns an den Tarifverträgen.“ Das heißt: „Die
Stundenlöhne liegen zum Teil über und zum Teil auch leicht unter dem Tarif.“
Und auch die Bio Company, die nach eigenen Angaben in den nächsten Jahren von bundesweit derzeit 27 auf 50 Filialen wachsen will, stellt nun gegenüber dem tip baldige Verbesserungen in Aussicht. „Beginnend mit dem Abrechnungszeitraum Februar 2012 gibt es keine Vollzeitstelle mehr bei Bio Company, die unter 1550 Euro brutto vergütet wird“, versprechen die Geschäftsführer Georg Kaiser und Hubert Bopp. Dazu käme dann noch der Gutschein über 50 Euro, der einem
Bruttowert von 80 Euro entspräche. Insgesamt sind das dann 1630 Euro. „Alle darüberliegenden Gehälter werden nach Verantwortung, Kenntnissen und Leistung wie Zuverlässigkeit, Teamfähigkeit, Schnelligkeit, Freundlichkeit höher bemessen.“

Damit sehen sich die Chefs der Kette „im guten Mittelfeld der Bio-Einzelhandelsbranche“. Das „beharrliche“ Ziel für die Zukunft sei, „die Gehälter anzuheben“. Man gehe davon aus, „hier mittelfristig noch besser zu werden. Dabei hilft uns insbesondere das gute Wachstum der Bio Company“.

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