Essen & Trinken

Wilde Mischung in Neukölln

NansenNeukölln bleibt ein umkämpftes Gebiet. „Hier geht immer noch was“, bemerkt ein Restaurantgast, der eine Portion Spargel mit einer Tasse Earl Grey kombiniert und diese neben seinem Macbook drapiert hat. Die Aufwertung von Nordneukölln bzw. „Kreuzkölln“ zeigt, was den weiter südlich liegenden Teilen des Kiezes noch bevorsteht. Diese Entwicklung wird von einigen Leuten begrüßt, ruft aber auch Skeptiker auf den Plan, die eine „Verprenzlauerbergung“ befürchten. Man sagt, das Nansen habe vor drei Jahren damit angefangen. Außen versprüht es den Charme einer Eckkneipe, doch innen entpuppt es sich als stilvolles Etablissement. Da kommen der Frischlingsrücken mit Rhabarber, Wildkräutern und Risotto und das Rinderfilet mit Waldmeister, Mairübchen und eingelegten Zucchini auf den Tisch. Die Inhaber Hardy Stapelmoor (Foto) und Sven Ittermann sind beide früher mal Künstler gewesen. Bei der Gestaltung des Interieurs haben sie persönlich Hand angelegt und mit Fotos und Gemälden zur Verschönerung des Nansen beigetragen.

FoellereiAuch in der Föllerei ist eine Doppelspitze am Start. Christiane Föll kreiert die Speisen zusammen mit ihrem Koch Stefan Born. Er hat früher in London gekocht und die Fusionsküche von dort mitgebracht. Mediterrane Elemente treffen auf Asiatisches und auf eigenwillige Interpretationen deutscher Klassiker. Spargel wird mit Bärlauchöl statt Hollandaise serviert, Kalbsleber mit Birnen-Quitten-Kompott kombiniert. Man geht mit der Saison, orientiert sich an regionalen Produkten und achtet bei den Fleischlieferanten auf artgerechte Haltung. Das Gleiche gilt für den neuen Hüttenpalast. „Vegetarisch, bio, regional, saisonal, tierische Produkte aus Freilandhaltung – klingt abgedroschen, aber so ist es halt“, beschreibt Sarah Vollmer ihre Küche. Die Weißwein-Minze-Möhren mit einer Kartoffel-Kapern-Pfanne und mildem Feta kommen ebenso gut an wie der grüne Spargelsalat nach Großmutters Rezept mit Senf-Dressing, Parmesan, Ei und Cherrytomaten. Sarah Vollmer ist keine gelernte Köchin, war aber stets „küchenaffin“. Früher hat sie oft für Freunde gekocht und behauptet heute, sie bereite ihre Speisen ohne Rezeptbuch zu und verlasse sich stattdessen auf ihr Bauchgefühl.

Major-GrubertGute Küche für den kleinen Geldbeutel – dieser Devise folgen auch Kathrin Landscheidt und Per Sanstrup vom Major, so der neue Name ihres Restaurants, das vor der Komplettrenovierung als Major Grubert bekannt war. „Wir sind nicht auf der Jagd nach einem Michelin-Stern, wir wollen einfach Gutes machen“, erklärt Sanstrup. Das Major ist ein Kiezwohnzimmer mit gedimmter Beleuchtung, das mit französischer Küche von Galette bis Coq au Vin aufwartet. Zum Thema Gentrifizierung möchte Kathrin Landscheidt nichts sagen, zu viel sei schon über den Bezirk geredet und geschrieben worden. Sie und ihr Partner Sanstrup räumen aber ein, dass Nordneukölln zum Szenebezirk aufgestiegen ist – und wie zum Beweis läuft während des Interviews Christian Ulmen in typisch verpeilter Manier draußen am Restaurant vorbei. Der neue Neuköllner Promi-Faktor mag nicht jedem gefallen, ist aber ein Indiz dafür, dass die aktuelle Kiez-Küche gut ankommt: eine wilde Mischung kulinarischer Einflüsse, zusammengestellt von engagierten Autodidakten, die in ihren Restaurants auftischen, was sie selbst am liebsten mögen – und viele ihrer Gäste inzwischen auch.

Text: Sonja Süß

Foto: Daniela Friebel /HIPI

Föllerei Weichselstraße 30, Di-Fr 13-24 Uhr, Sa u. Mo 18-24 Uhr, Küche bis 22 Uhr, Tel. 60 93 02 76, www.foellerei.de

Hüttenpalast Hobrechtstraße 65/66, tgl. 8-20 Uhr, Tel. 37 30 58 06, www.huettenpalast.de

Major Hobrechtstraße 57, Di-So ab 16 Uhr, [email protected]

Nansen Maybachufer 39, tgl. ab 18 Uhr, Küche bis 23 Uhr, Tel. 66 30 14 38, www.restaurant-nansen.de

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