Kultur & Freizeit in Berlin

Essen zum Nulltarif

Viele Lebensmittel, die im ­Abfall landen, sind eigentlich noch ­bestens genießbar. Als Alternative zum ­Wegwerfen stehen neuerdings ­FairTeiler zur Verfügung. Sie gehören zu einem zukunftsweisenden Projekt, das vom Geben und Nehmen lebt.

Essen zum Nulltarif

Schnell stopft der junge Mann Apfelkuchen, Käse und eine Aubergine in die Tasche, steigt dann auf sein Rad. Er schaut sich um, als ob es ihm peinlich wäre, dass er sich aus den beiden bunten Kühlschränken, die geschützt unter dem Dach eines Fahrradabstellplatzes stehen, bedient hat. Dabei ist Lebensmittel „stibitzen“ im Hof der Malmöer Straße 29 erlaubt. „Geben und Nehmen“ lautet das Motto der Lebensmittelretter des Projekts Foodsharing, die die beiden Kühlschränke – der eine davon tatsächlich zum Kühlen, der andere zur Aufbewahrung von Brot und Ähnlichem – hier aufgestellt haben. FairTeiler nennen sie ihre öffentlich zugänglichen Tausch-Orte für Lebensmittel. „Bitte hinterlasse nur Lebensmittel, die du auch selbst essen würdest“, lautet das oberste Gebot, das auf einem Zettel an eine der Schranktüren gepinnt ist. Denn man darf nicht nur Essen mitnehmen, sondern auch einfüllen. Sei es, weil ein Urlaub ansteht und die Sachen zu Hause verderben würden. Oder weil einfach zu viel gekauft wurde.

„Wir freuen uns über jeden, der hier etwas findet, was er brauchen kann“, sagt Tanja André von der Berliner Foodsharing-Gruppe. Gemeinsam mit ihren Mitstreitern hat sie die Kühlschränke vor etwa sechs Wochen in Prenzlauer Berg aufgestellt.

Tanja übernimmt heute den Putzdienst. Jeden Tag sei einer der Lebensmittelretter vor Ort, um die Schränke von Dreck, angeschimmelten Tomaten oder welken Salaten zu befreien, sagt die 21-Jährige. Auf ihrer Webseite haben die Ehrenamtlichen einen Putzplan eingerichtet, auf dem sich Freiwillige eintragen können.

Die Lebensmittelstation in Prenzlauer Berg ist nicht der erste FairTeiler in Berlin: Bereits im Kreuzberger Tommy-Weisbecker-Haus haben Tanja und ihre Kollegen im Frühjahr einen öffentlichen Kühlschrank aufgestellt. Das Prinzip hat sich als voller Erfolg erwiesen. Derzeit wird gerade ein weiterer FairTeiler in den Gerichtshöfen im Wedding eingerichtet.

Essen zum NulltarifDa jeder Deutsche durchschnittlich mehr als 80 Kilogramm Nahrungsmittel pro Jahr in den Müll wirft, scheint die Idee mit den FairTeilern eine echte Lücke zu schließen: Sie sind die Alternative zur Mülltonne. Nicht allerdings für rohes Fleisch, Fisch oder eihaltige Speisen. „Alles, was anfällig ist für Salmonellen, hat hier nichts zu suchen“, erklärt Tanja. Auch keine Lebensmittel, die das Verbrauchsdatum überschritten haben. Das Mindesthaltbarkeitsdatum spiele aber keine Rolle. Die Organisatoren wollen vor allem ein Zeichen gegen die Wegwerfmentaliät setzen.

Lebensmittel vor der Tonne zu bewahren ist ein Trend, der in Berlin immer mehr Anhänger gewinnt, sagt die angehende Tischlerin Tanja Andrй. „In Prenzlauer Berg waren wir am Anfang nur zu fünft.“ Mittlerweile ist die Gruppe im Kiez auf 314 Foodsaver angewachsen, in ganz Berlin gehören dem Netzwerk 1.827 Leute an. Die Berliner Lebensmittelretter koordinieren auch temporäre Lebensmittelabgabestellen. „Die geben allerdings nur zu bestimmten Zeiten Lebensmittel ab und sind nicht jeden Tag und rund um die Uhr zugänglich wie die FairTeiler.“

Für den neuen FairTeiler war das Haus­projekt M29 in der Malmöer Straße der ideale Standort. „Die Bewohner veranstalten auch selbst gelegentlich Kochaktionen wie Volksküchen in ihrem Projektraum, haben also selbst auch einen Bezug zu der Thematik.“ Den Strom für die Kühlschränke hat Flo, ein Bewohner des Hausprojekts, eingerichtet.

50 Prozent aller Lebensmittel in der westlichen Welt landen in der Mülltonne. „Das fängt schon auf dem Acker beim Bauern an“, sagt Tanja. Sei es, weil die Kartoffel die Normgröße nicht erfüllt oder einfach zu viel produziert wurde.

Anders als bei den Tafel-Initiativen, die Essen nur an Bedürftige abgeben, kann sich im FairTeiler-Regal jeder bedienen. Auch Tanja, die mittlerweile alle Glasplatten mit Küchenpapier gewischt und die Fächer der Schränke ausgewaschen hat, steckt ein paar Clementinen und Salat in die Tasche. In die geleerten Fächer legt sie Bio-Brot und Brötchen. Die sind zwar nicht mehr knusprig, aber trotzdem viel zu schade zum Wegwerfen.

Text: Jasmin Takim
Foto: Eva Apraku; Lebensmittelretter

Adressen:

Fairteiler Tommy-Weisbecker-Haus  Wilhelmstraße 9 (im Hof), Kreuzberg, ?24 Stunden

Hausprojekt M29 Malmöer Straße 29, ­Prenzlauer Berg, 24 Stunden

Gerichtshöfe Gerichtstraße 12-13, 2. HH, Wedding, tgl. 14–20 Uhr

Weitere Temporäre Orte:
foodsharing.de

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