Installation

„Eternal Russia“ im HAU 3

Zu Besuch in der Leichenkammer – Die Utopien waren auch schon mal schöner: Mit „Eternal Russia“ gehen Marina Davydova und Vera Martynov durch das Labyrinth der russischen Revolution

Dorothea Tuch

Das ist ein Totenhaus. Eine düstere Installation erinnert mit einzelnen Dokumenten, Fotos, Lebensspuren, Todesspuren an Künstler und Intellektuelle der russischen Avantgarde, die den Staatsterror unter Stalin nicht überlebt haben. Die Reihe reicht vom Dichter Daniil Charms (im Gefängnis verhungert) über Regisseur Wsewolod Meyerhold (gefoltert und im Gefängnis mit Genickschuss hingerichtet) zum Dichter Wladimir Majakowski (Selbstmord). Zerknülltes Papier, Abfallspuren, zurückgelassene Gegenstände, man denkt unwillkürlich an das NKWD-Gefängnis Lubjanka und ­andere Verliese, in denen das Regime unliebsame Geister verschwinden ließ.

Dieser Schreckens-Raum ist Teil der Groß-Installation „Eternal Russia“, ewiges Russland, mit der die Moskauer Künstlerinnen Marina Davydova und Vera Martynov einen dissidenten Blick auf den Beginn der Herrschaft der Bolschewiki werfen. Während die Gedenk­industrie den hundertsten Jahrestag der Russischen Revolution mit unzähligen Büchern, Filmen und an der Schaubühne mit einem erstaunlich nostalgieseligen Theaterstück („Lenin“) begeht, setzt „Eternal Russia“ einen bitteren Kontrapunkt. Im vergangenen Jahr war die theatralische Installation schon einmal im HAU zu sehen, jetzt kann man dieses faszinierende Labyrinth noch einmal betreten. Es ist ein gespenstischer Gang durch die politische Gewaltgeschichte und die Geschichte zerstörter Befreiungsversuche. Nach dem Besuch will man sich sofort für einige Wochen einschließen und sehr viel lesen.

Davydova und Martynov weiten die Perspektive vom Zarenreich bis zum heutigen Zar Putin. Es ist ein Blick auf die Kontinuitäten der Herrschaftssysteme, der Herrschafts­figuren und ihrer sakralen (Selbst-)Inszenierung. In dieser Perspektive markieren die bolschewistischen Diktatoren Lenin und Stalin keinen Bruch des historischen Musters der Gewaltherrschaft, sondern seine Radikalisierung. Putin, das neueste Modell des russischen Alleinherrschers, diesmal als autoritärer Technokrat und „lupenreiner Demokrat“ (Gerhard Schröder), steht in dieser Reihe bestenfalls für einen Modernisierungsschub in der Selbstdarstellung und die Verfeinerung der Machtmittel.

„Es ist ziemlich offensichtlich, dass im populären russischen Bewusstsein sowohl Stalin als auch Putin die Figur des Zaren einfach ersetzen, obwohl sie ganz anders genannt werden“, sagt Davydova im Gespräch mit dem tip. „Stalin war der Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Putin ist ein Präsident. Aber die Essenz der Sache ändert sich nicht. Alle verkörpern die Unabsetzbarkeit der Macht und, würde ich sagen, irgendeine Form des monarchischen Absolutismus. Zur gleichen Zeit verkörpern sie die Heiligkeit der Macht. Es scheint von irgendwo oben zu kommen. Vor der Revolution war dies das offizielle Konzept der königlichen Macht: der russische Zar ist der Statthalter Gottes auf Erden. Wie dieses Konzept zuerst im kommunistischen Russland und jetzt im ‚demokratischen‘ Russland wiederholt wurde, ist sowohl tragisch als auch komisch.“

Den utopischen Kontrapunkt, den Verweis auf die vom autoritären Regime zerstörten Freiheitsmomente setzt die Installation, wenn sie die radikale Feministin Alexandra Kollontai zitiert, eine Kommunistin, für die die sexuelle Befreiung unbedingt zur Revolution gehörte. Mit der Verfestigung der Herrschaft Lenins wird dieser emanzipatorische Schub zügig zurückgedrängt. Ohnehin sieht Davydova in der Machtübernahme der Bolschewisten keine Revolution, sondern das Gegenteil, nämlich das brutale Abwürgen der sozialrevolutionären und demokratischen Bewegungen: „Im Jahr 1917 fanden zwei Revolutionen in Russland statt. Die erste im Februar, die zweite im Oktober 1917.

Jeder kennt die zweite, und viele haben die erste vergessen. Aber es war die Februar-Revolution, die in Russland wirklich Freiheit und demokratische Institutionen ermöglichte“, sagt die Regisseurin. In der ­Februar-Revolution, heißt es im Stücktext von „Eternal Russia“, „verkündete Russland alles, wofür Europa jahrzehntelang gekämpft hatte: Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und sogar Streikrecht. Alle Beschränkungen für Klassen, Religionen und nationale Ethnien wurden aufgehoben. Die Polizei wurde durch eine Volksmiliz mit gewählten Führern ersetzt. Es wurde beschlossen, dass jeder, der älter als 20 Jahre ist, wählen darf, unabhängig von Geschlecht, Vermögen, Nationalität oder sozialer Stellung. Ein solches liberales Wahlsystem gab es zu der Zeit nirgendwo anders. Die Frauenrechtlerinnen der Welt konnten nur von den Rechten träumen, die die Frauen des Russischen Reiches nach der Februarrevolution erreichten. In Frankreich haben Frauen diese Rechte erst Ende der 1940er Jahre erlangt.“ Das war es, was die Bolschewisten mit ihrem Putsch im November zerstört haben.

Letzte Frage an Marina Davydova: Wäre es möglich, ihre provokante, glasklare Installation in Moskau zu zeigen? Ihre Antwort ist pessimistisch, und sie ist kämpferisch: „Es ist möglich, hoffe ich, aber es ist gefährlich, wenn man bedenkt, dass die rechten Kräfte im Land immer einflussreicher werden. Ein weiteres Problem ist, dass ein Koproduzent der russischen Fassung das Theater der Nationen war. Der künstlerische Leiter des Theaters, Jewgeni Mironow, ein berühmter russischer Schauspieler, war Putins Vertrauter während der Wahlen im Jahr 2012. Und jetzt, am Vorabend der Neuwahlen, hat er Angst, eine solche Show in Moskau zu zeigen, obwohl Putin in ‚Eternal Russia‘ nur in der letzten Szene für fünf Minuten erscheint. Ich hoffe, es gibt russische Theater, die weniger mit unserem Präsidenten verbunden sind und die nicht so feige sein werden. Ich weiß, dass viele Leute in Russland die Aufführung gerne sehen würden.“

HAU 3 14. – 25.3., verschiedene Öffnungszeiten, ab 17 Uhr, 11 € / 16,50 €

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