Kultur & Freizeit in Berlin

Europäischer Monat der Fotografie

Der 6. Europäische Monat der Fotografie lenkt den Blick auf den Rand Europas. Unter dem Motto "Umbrüche und Utopien" werden soziale Fragen und gesellschaftliche Veränderungen behandelt.

Europäischer Monat der Fotografie

Wenn das Exotische in ein Ärgernis des Alltags umschlägt, sagt Fotograf Frank Gaudlitz, dann sei es Zeit, den Ort zu wechseln. Nachdem er in den 1990er-?Jahren lange in Russland die gesellschaftlichen Verhältnisse nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion porträtiert hatte, reiste er mit einer analogen Mittelformatkamera zwischen 2003 und 2005 durch alle zehn Anrainerstaaten entlang der Donau und näherte sich so stromaufwärts, ausgehend von den ärmsten Ländern, der Mitte Europas an. Entstanden sind ruhige Porträts vor teils verlassener Kulisse, wie etwa das des Pärchens, das ihm auf einer Brücke entgegenkam. Auf dem Bild sucht die Frau zaghaft mit zwei Fingern die Nähe des Mannes. Nach dem Fotografieren bat Gaudlitz die Porträtierten, ihre Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen hinsichtlich der EU-Erweiterung aufzuschreiben. Dabei sind für westliche Verhältnisse einfach wirkende Wünsche, wie der einer 15-jährigen Slowakin nach neuen Schuhen oder der dreier bulgarischer Jungen nach dem Fang großer Fische, zusammengekommen. Aber es zeichnete sich auch eine gewisse Angst ab, dass sich die Hoffnungen auf ein besseres Leben nicht erfüllen würden. Oder dass die EU-Vorschriften in das private Leben eingreifen. Einer fragt: „Wird man noch Schnaps brennen dürfen?“
Aus Begegnungen wie dieser ergeben sich viele Interpretationen – und die Künstler bekommen durch das multiperspektivische Oberthema des Monats der Fotografie Spielraum für ganz unterschiedliche Ansätze. So changieren die Ausstellungen zwischen sozialen Porträts, historischen Ereignissen, gesellschaftlichen Umbrüchen, Visionen und internationalen Blickwinkeln. Dementsprechend gibt es sowohl Bilder aus dem geteilten Berlin, Fotos von illegalen Flüchtlingen in Paris oder Ansichten des Atlantikwalls aus dem Zweiten Weltkrieg vor der französischen Küste. Auch die Galerie C/O Berlin, die Ende Oktober wieder öffnet, nimmt an dem Programm teil und zeigt gleich vier Ausstellungen. In der Zentral­ausstellung „Memory Lab: Die Wiederkehr des Sentimentalen“ werden 16 unterschiedliche Positionen von namhaften Fotografen und Fotografinnen wie Broomberg & Chanarin, Nan Goldin und Andreas Mühe gezeigt, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie das Medium Fotografie geschichtliche Ereignisse festhalten kann. Auffällig ist für Kurator Frank Wagner dabei die Absage an die klassische Dokumentationsfotografie und die Tendenz zum Inszenatorischen. Geschichte wird aktiv behandelt, und der Ansatz ist kein beobachtender Blick, sondern eine Darstellung, die Emotionen auslösen soll.

Text: Lea-Maria Brinkschulte

Foto:
Jörg Meier

6. Europäischer Monat der Fotografie 16.10.–16.11., diverse Orte, alle Veranstaltungen und das komplette Programm ?unter: www.mdf-berlin.de

Die interessantesten Ausstellungen:

1. Les Sans Papiers, Jörg Meier, a|e Galerie, Hermann-Elflein-Straße 18, Potsdam, Di–Fr 14–19 Uhr, Sa 12–16 Uhr, 18.10.–22.11.
2. grenzgänger, Markus Oberndorfer und Gregor Sailer, Loris ­Galerie, Potsdamer Straße 65, Tiergarten, Do+Fr 14–19 Uhr, Sa 12–17 Uhr, 11.10.–8.11.

3. der westen, Karl-Ludwig Lange, alte feuerwache. projektraum, Marchlewskistraße 6, Di–Do 13–19 Uhr, Fr–Sa 14–20 Uhr, bis 14.11.

4. Memory Lab, diverse Künstler, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 17.10.–15.12.

5. warten auf ­europa, Frank Gaudlitz, a|e Galerie, Hermann-Elflein-Straße 18, Potsdam, Di–Fr 14–19 Uhr, Sa 12–16 Uhr, 18.10.–22.11.

6. Ich war verliebt in diese Stadt, Will McBride, C/O Berlin, Hardenbergstraße 22-24, Charlottenburg, Mo–So 11–20 Uhr, 31.10.–18.01.

7. Stasi – secret rooms Daniel & Geo Fuchs, Stiftung Starke im Löwenpalais, Koenigs­allee 30, Halensee, Mo–Do 10–18 Uhr, Fr 10–16 Uhr, 12.10.–9.11.

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