Esskultur

European Street Food Awards

Preis der Straße: Anlässlich der ersten Europäischen Street Food-Awards in Berlin fragen wir uns: Welchen Weg wird das kulinarische Phänomen der vergangenen Jahre künftig nehmen?

Bite Club Berlin/ Jones Icecream, Foto: Skye Sobejko

Es war wohl der Sommer 2014, ab dem man an Street Food einfach nicht vorbeikam: fast jede Woche buhlte ein neuer Street Food-Markt um die hungrigen Straßen-Feinschmecker. Wie so oft in Berlin legte einer los und viele, vielleicht zu viele, zogen nach. Auch in anderen deutschen Städten wurde Street Food bekannter, die Industrie wurde aufmerksam, Sat.1 nahm gar eine Street-Food-Sendung ins Programm.

Doch spätestens das Ende der Neuen Heimat in Friedrichshain, die vom Bezirk wegen Bau- und Brandschutzmängeln geschlossen wurde und es auch zuvor schon mit der kulinarischen Qualität hapern ließ, zeigte: Hier ist vielleicht etwas zu schnell zu groß gewachsen.
Mittlerweile scheint der Hype in Berlin – abgesehen von rätselhaften, groß aufgezogenen Facebook-Events – abgeflacht zu sein. In der Kulturbrauerei und der Markthalle Neun gibt es wöchentliche Märkte und Händler werden für allerlei Events von Berlinale bis Graphic Days, Wochenmärkte und Straßenfeste angeheuert.

Zudem hat sich das Prinzip Street Food in den letzten Jahren auch als Inkubator für spannende gastronomische Neugründungen bewiesen: Ob Keksteig (Spooning Cookie Dough), indische Dosa (Chutnify, beide Prenzlauer Berg) oder ägyptisches Koshari (Koshary Lux, Charlottenburg), viele inzwischen als Restaurant etablierte Konzepte wurden das erste Mal auf den zahlreichen Berliner Märkten getestet. Dort kann man sich noch immer mit verhältnismäßig kleinem Kapital ausprobieren – wie geschaffen für das experimentierfreudige Berlin. Die ersten Erfolge zeigen, dass die Kost von der Straße die kulinarische Landschaft der Stadt verändern kann.

Abseits von Berlin sind in Deutschland indes vor allem jahrmarktähnliche Food Festivals erfolgreich, die Qualität dabei schwankt zwischen großartig und unterirdisch. Aus Nürnberg oder Hamburg kommen Trucks, die mit einer Küche auf Restaurantqualität das lukrative Mittagsgeschäft abschöpfen, in anderen Gebieten packen Händler Pulled Pork aus dem Tiefkühlregal aufs Brötchen. Was Street Food sein soll und ob man Qualitätskriterien anlegen sollte, um sich von der Industrie abzugrenzen, wird noch heiß in der Szene debattiert.

In Großbritannien dagegen hat sich die Szene schon professionalisiert: Mittagsmärkte gehören mittlerweile zum Londoner Straßenbild und Veranstalter wie Streetfeast betreiben eigene Locations. Seit 2010 kürt Richard Johnson, seines Zeichens Restaurantkritiker, die besten Händler bei den British Street Food-Awards. Jedes Jahr wurden auch einige europäische Vertreter eingeladen, so gewannen die Berliner Lokalhelden Heisser Hobel 2013 den Preis als beste ausländische Händler. Jetzt wird erstmals mit den European Street Food Awards der Schritt auf das Festland gewagt. Warum in Berlin? „Gerade in Berlin befindet sich eine der größten und dynamischsten Street-Food-Szenen Europas“, sagt Katrein Baumeister, die die Veranstaltung betreut. Der Bite Club als Organisator gehört mit seinem Food & Party-Konzept zu den einflussreichsten Veranstaltern in Deutschland. Dass die Gründer, Miranda Zahedieh und Tommy Tannock, als britische Expats die Brücke zwischen Berlin und London schlagen, half wohl auch dabei, die Veranstaltung nach Berlin zu holen.

Die Awards könnten dabei mehr sein als bloß das letzte große Event des Sommers: Die Gelegenheit, sich mit Kollegen aus anderen Ländern zu messen, hat das Potential als Katalysator für die nächste Entwicklungsstufe der Szene dienen. Wie nutzen Street-Food-Leute Social Media? Wie schaffen es Händler auf der Straße, Kartenzahlung und andere Bequemlichkeiten anzubieten? Herrschen in anderen Ländern andere Geschäftspraktiken?

Butter Bronsons, Foto: Rebecca Crawford

Auch die hochkarätige Jury, in der neben Richard Johnson auch Sternekoch Daniel Achilles aus dem Reinstoff und Autorin Ursula Heinzelmann sitzen, zeigt, wohin die Reise gehen kann: nach ganz oben. Besucher sollen ebenfalls ihre Perspektive über den (Papp-)Tellerrand erweitern können mit Talks, Seminaren und Panels. Um Völlerei geht es aber natürlich auch. Zwei Tage lang wird auf dem Hoppetosse-Gelände geschlemmt – und in regelmäßigen Abständen verteilen alle Händler während einer „Mad Minute“ Proben. Vier Händler aus Deutschland, darunter das radikal saisonale Handwerk von Jones Icecream, die inzwischen ja auch in Schöneberg ein wunderbares Café betreiben, treffen auf Kollegen aus Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Italien, England, Schweden und sogar Russland. Wer dabei ist, musste sich bei Vorentscheiden wie „German North Heat“ Ende August in Berlin beweisen. Im Gegensatz zum North Heat läuft die Abstimmung für den Publikumspreis hier über eine eigens entwickelte App, die die Community internationalisieren und vernetzen soll. Street Food scheint bereit für das nächste Level – ist Berlin es auch?

European Street Food Awards Sa 30.9., 12–22 Uhr sowie So 1.10., 12–18 Uhr, Hoppetosse auf dem Arena-Gelände, Eichenstraße 4, Treptow, 3 Euro pro Veranstaltungstag, www.europeanstreetfood.com/awards

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