Identität und Soziale Medien

„Ich kenne alle Formen von Beschissenheit“ – Eva Collé über Sex, Drogen und Traumata

Radikal öffentlich ist Eva Collé auf Instagram, sie bewegt sich in vielen Identitäten, der Dokumentarfilm „Searching Eva“ zeigt es auch im Kino. Jetzt ist eine neue Identität hinzugekommen. Eva ist jetzt Adam  geworden. Ein Gespräch über Selbsterforschung, schwierige Eltern, Drogen, Traumata – und Hoffnung

UCM.ONE

Die Suche nach Eva führt zu Adam. Im Berliner Dokumentarfilm „Searching Eva“ von Pia Hellenthal lebt Eva Collé ihr Leben öffentlich, ist ständig online, auf Instagram, auf Tumblr. Die junge Frau erscheint als ein Role Model für das digitale Zeitalter, als radikale Konstruktivistin einer Biographie im Zeichen von Missbrauch und Drogen, als Influencerin und politische Visionärin – und kommt zum Gespräch mit dem tip als junger Mann ins Café. Eva Collé ist jetzt Adam F. Den vielen Identitäten, die die gebürtige Italienerin in „Searching Eva“ zeigt, fügt sie also eine weitere hinzu. Als Adam den Sweater auszieht, zeigt er seine Unterarme. Zu den Tätowierungen, die man zum Teil schon im Film sehen konnte, sind neue dazugekommen.

Adam Da, diese Frau schneidet ihre Titte weg. Ich weiß gar nicht, ob es eine Dame ist.

tip Sieht ein bisschen aus wie die Venus von Botticelli.

Adam Jetzt nicht mehr. Dieses geometrische Ding ist aus San Francisco. Das ist eine Mohnblume, dasselbe Tattoo hat auch meine Mutter. Alle Tätowierungen sind vor allem für mich. Ich habe mich immer unwohl in meinem Körper gefühlt. Der Körper führt Buch.

tip Eine Art Timeline auf der Haut. Wird dadurch das eigene Leben besser erzählbar?

Adam Es ist erstaunlich, wie sehr ich die Zeit in mir trage. Ich wehre mich gegen Uhren, aber ich bin immer pünktlich. Ich weiß immer genau, was wann war. Mein Vater war auch so, und schon meine Großmutter. Zeit ereignet sich aber nicht in einer Linie, alles geschieht gleichzeitig. So sehe ich das jedenfalls, das ist ein bisschen Hippie-Denken. Mein Hirn muss aber immer verstehen, warum etwas geschieht. Ursache und Wirkung.

tip Sie leben eigentlich nicht mehr in Berlin, sind jetzt aber wieder da. Warum?

Adam Ich spiele in einem Film mit. Wir haben gerade zwei Monate Pause. Seit September wird gedreht, im Dezember geht es weiter. Wegen dieses Films bin ich jetzt wieder da, denn vor einem Jahr bin ich nach Athen gegangen.

tip Kann man über den Film etwas verraten?

Adam Eigentlich nicht. Es ist eine Liebesgeschichte. Ich spiele eine der beiden Hauptrollen …

tip Eine weibliche?

Adam Ich spiele eine Frau in einer queeren Liebesgeschichte. Das ist schon okay, ich habe jetzt 27 Jahre die Rolle einer Frau gespielt, da kommt es darauf nicht an. Zwar war ich immer NB (nichtbinär bzw. genderqueer, Anm. d. Red.), das war offenkundig für mich, und damit musste ich mich auch nicht groß outen. Inzwischen bin ich trans. Vielleicht fange ich bald mit Hormonen an.

tip Das muss wegen des zweiten Films warten?

Adam Für einen Moment war es spannend, ob ich es schaffe, für mich schaffe, den Film vorher noch zu machen. Bis Februar soll er abgedreht sein, dann könnte ich sofort mit der Behandlung anfangen.

tip Die Rolle bekamen Sie wegen „Searching Eva?“

Adam Genau.

Beteiligen Sie sich am Drehbuch? Aus „Searching Eva“ wissen wir, dass Sie schreiben.

Adam Ich schreibe Poesie. Aber auch das hat sich im Lauf der Jahre verändert. Ich schildere mein Leben nicht mehr so detailliert online, vielleicht auch, weil ich jetzt anders Aufmerksamkeit bekomme. Diese öffentliche Selbsterforschung, wie ich das gemacht habe, als ich 18 war, das mache ich nicht mehr. Ich arbeite jetzt mehr, schreibe dafür nicht mehr so viel und lese auch nicht mehr so viel, was schade ist.

tip Das Schaufenster, wenn man das so bezeichnen wollte, ist also nicht mehr so wichtig?

Adam Wenn man älter wird, lernt man sich ein bisschen besser kennen. Ich bin jetzt nicht mehr so offen, sondern fokussiere mich etwas stärker auf das, was ich brauche. Ich benutze soziale Medien selektiver.

tip Seit wann schreiben Sie?

Adam Ich schreibe Journale, seit ich sechs bin, kleine Bücher voller Grammatikfehler. Mit elf traf ich ein Mädchen, wir wurden Freundinnen und tauschten unsere Tagebücher. Gemeinsam schrieben wir Geschichten und erfanden Figuren für uns.  Sie ist auch in „Searching Eva“, aber sie hat sich kaum verändert. Die Blogs waren die Fortsetzung. Ich dachte, so findet man Freunde. Ich hatte Netlook, das war ein nordeuropäisches Pre-Facebook voller Teenager, das gibt es nicht mehr. Zu Tumblr wechselte ich, als es herauskam, 2009. Davor hatte ich ein Blog auf Blogspot, seit ich 14 war.

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tip Ihr Blog wurde zu groß für Freundschaften?

Adam Die Sache wurde so groß, weil ich über Sachen schrieb, die in Blogs nicht vorkamen. Sexueller Missbrauch, das behielten die Leute damals noch für sich.

tip Ihr Instagram-Account wirkt inzwischen sehr kuratiert, fast wie ein Ausstellungsprojekt Ihrer selbst.

Adam Ich bin eigentlich keine Instagram-Person. Mein Netzwerk war immer Tumblr, also ein Blog. Instagram ist jetzt das große Ding, aber als es auftauchte, war ich eher verwundert: Die Bilder kamen mir so klein vor. Und alle sind seltsam, wollen etwas verkaufen. Beim Filmfestival in Milan sollte ich einmal erklären, was der Unterschied zwischen Tumblr und Instagram ist. Auf Tumblr war man nur, um darüber zu sprechen, wie schlecht es einem ging. Alle waren vor allem deswegen dort. Auf Instagram wollen alle so tun, als wäre alles super bei ihnen. Ich nutze Instagram eigentlich nur als Kontakt Tool, das klappt ganz gut, wenn man viel unterwegs ist

tip Hilft ein digitales Profil dabei, sich als Persönlichkeit zu verstehen?

Adam Vielleicht glaubt man so, man könnte sich besser erzählen. Bei mir gibt es aber keine Erzählung. Bei mir verschiebt sich alles dauernd.

tip Ist Athen jetzt auch nur ein Übergang?

Adam Ich glaube nicht, dass es wirklich einen Ort für mich gibt. Im Moment will ich nicht in Italien sein, manche Orte passen besser als andere, Berlin ist sicher nicht mehr mein Ort. Ich habe in diese Stadt viel mehr investiert, als ich zurückbekam. Das wusste ich schon lange, ich hing aber irgendwie fünf Jahre fest, hier war meine Arbeit und einige Freundschaften. Als ich nüchtern wurde, musste ich zu vielen Freunden auf Abstand gehen.

tip Was war damals Ihre Arbeit?

Adam Sexarbeit.

tip In „Searching Eva“ fällt die Formulierung, dass Sie für drei Tage als Model in Paris weniger Geld bekamen als für einen Blowjob.

Adam Das habe ich so einmal gepostet. Ich lief für das Modelabel Vetements und bekam dafür 200 Dollar. Da hätte ich auch daheim bleiben können und bei einem Sexwork-Date mehr verdient. Ich mochte die Modelarbeit nie. Dauernd wurde ich gefragt, ob ich mich bei der Sexarbeit nicht verdinglicht fühlte. „Du hattest doch eine Karriere als Model.“ Gibt es so was? Man wird als Model nie wie ein menschliches Wesen behandelt, dein Name wird nirgends genannt. Du stehst nur herum, das ist alles eine Menge Bullshit, und es ist lächerlich, dass das Modelgeschäft so in den Himmel gehoben wird, während Sexarbeit als eklig gilt. Der Unterschied ist nicht so groß.

tip Welche Erfahrungen haben Sie als Escort gemacht?

Adam Man trifft weirde Leute, und normale. Alles kann passieren. Na ja, es ist wirklich nicht lustig. Es ist schon schlimm. Aber ich würde das über jeden Job sagen. Zur Zeit habe ich mehr oder weniger eine Beziehung zu einem Kunden, das hätte ich vor einem Jahr noch nicht für möglich gehalten.

tip Auch das haben Sie einmal gepostet: „shooting up in a public toilet one night, and the next day dating in a Jacuzzi in LA“. Vom dreckigen Drogenhigh zu einem exklusiven Sexdate in Amerika binnen 24 Stunden.

Adam Ja, das war mein Leben für eine Weile.

tip Wann fing das an?

Adam 2012. Ich war 19.

@warvariantions

tip Machen Sie eher Fetisch oder Girlfriend?

Adam Ich biete keine speziellen Sachen, das ist nicht mein Ding. Ich habe auch nie so irrsinnig viel Geld gebraucht. Ich bin dünn und weiß, das reichte schon, damit ich sehr viele Nachrichten auf meinem Sexwork-Profil bekam.

tip Wieviel hat die Missbrauchsgeschichte, von der Sie viel preisgegeben haben, damit zu tun?

Adam Missbrauch erlebte ich schon als Kind, das taucht im Film nicht so deutlich auf. Ich kenne alle Formen von Beschissenheit. Meine Eltern hatten große Probleme mit ihrem eigenen Leben und Drogen und sich kaum um mich gekümmert. Als Kind war ich voller Angst und depressiv, meistens allein, und musste alles auf die Reihe kriegen. Das heißt, ich hatte keine Kindheit, an die man sich zurückerinnern will. Als ich das erste Mal Acid nahm, war ich verblüfft: Mein Gott, Menschen nehmen dieses Zeug, um das zu erleben? Ich kenne das doch schon mein ganzes Leben. Acid tut mir wirklich nicht gut.

tip Half die Offenlegung in den sozialen Medien dabei, mit all dem besser umzugehen?

Adam Ich bin kein Überlebender und kein Opfer. Ich wäre ein Überlebender, wenn mir so etwas nicht mehr passieren würde, aber ich glaube nicht, dass das möglich ist. Ich identifiziere mich nicht meinen Erfahrungen. Identität ist ein Mittel. Und soll es bleiben. Wenn man sich davon eingeengt fühlt, sollte man sie hinter sich lassen. Es gibt Leute, die auf Identität aus sind, und Leute, die sie wie ein Mittel zum Zweck benutzen. In dieser Zweiteilung der Welt gehöre ich zur zweiten Kategorie.

tip Viele Menschen, die missbraucht wurden, erkennen in diesen Erfahrungen den Kern ihrer Identität.

Adam Das verstehe ich. Das war auch bei mir so. Da bleibt dann nicht viel von dir übrig. Ich musste andere Dinge finden. Einen Ausweg. Auch ich habe Momente, in denen mich Identität total erfasst. Jetzt auch mit dem Transding, das beschäftigt mich doch sehr.

tip Sie nennen sich nun Adam.

Adam Ich bin schon ein Junge. Aber ich hätte auch gern, dass die Welt mich so behandelt, und das ist selten der Fall. Meine Arbeit, jetzt beim Film, und vieles andere hängt von meiner Erscheinung ab. Inzwischen habe ich manchmal mehr Angst davor, wieder arm zu sein, als als Frau behandelt zu werden, auch wenn das schmerzt. Ich weiß nicht, was mehr weh tut, aber ich weiß, dass ich das Frausein navigieren kann.

tip Fühlen Sie sich durch „Searching Eva“ auf Eva festgelegt?

Adam Manche geben auf, die zu sein, die sie sein wollen, weil das alles so intensiv ist. Mich zerdrückt der Versuch wenigstens nicht vollständig. Ich kann jetzt noch ein bisschen warten, Adam zu werden, ich muss nicht so viel mit Leuten umgehen, die mich nicht verstehen. Für den Film soll ich Deutschstunden nehmen, ich schwänze aber, weil sie mich da die ganze Zeit misgendern. Ich habe nicht das Selbstwertgefühl, um sie zu korrigieren. Sie gehen vom Augenschein aus. Ich will nicht der weirde Typ sein. Also sage ich nichts.

tip In Ihrem Umgang mit dem Leben taucht oft das Wort Autonomie auf.

Adam Mein Vater war Teil von Autonomia, das war eine soziale und politische Bewegung in Italien in den 70er Jahren. Das war für mich ein großer Einfluss, daran glaube ich heute noch. Ich bin ein Post-Autonomist, Anarchist, vielleicht Kommunist, na ja …

tip Gibt es aktuelle Bewegungen, denen Sie sich nahe fühlen?

Adam Heute geht es mehr um Communization, das kommt aus Amerika, und entspricht dem, was in Italien in den 70er-Jahren die Autonomia war. Communization glaubt nicht an die Revolution als ein Einzelereignis, sondern versucht, durch alltägliche Aktionen eine Gemeinschaft oder andere Netzwerke zu schaffen. Das ist ein ganz anderer Ansatz als bei der parlamentarischen Linken. Communization geht eher in die Bruchstellen des Systems. Derzeit gibt es aber an vielen Orten Aufstandsbewegungen: in Chile, in Hongkong. Die Leute sind auf der Straße. Vielleicht kommt die Revolution also doch als bestimmtes Ereignis. Aber Autonomia glaubt das nicht.

tip Ihre Mutter wurde später religiös.

Adam Mein Vater auch, das ist das Verrückte. Sie gingen durch so vielen Drogentherapien, irgendwann war der Katholizismus für sie eine weitere Droge. Mein Vater wurde sogar Leiter eines dieser Häuser, hat dann aber gekündigt, weil er mit einer Klientin eine Beziehung begann. Ich war damals 13 Jahre alt und habe dann vier Jahre mit ihm und dieser neuen Frau gelebt.

tip Haben die sozialen Medien Suchtpotential?

Adam Man denkt, man schafft Verbindungen, aber es sind keine. Es ist alles Werbung – die Produktion eines Produkts, das es nicht gibt. Das ist wie mit der Identität, die gibt es ja auch nicht. Man kann alles zu seinem Vorteil gebrauchen, aber manche Sachen sind derart an Machtstrukturen gebunden, dass man damit nichts richtig machen kann. Man kann auch kein guter Cop sein, denn man ist damit immer noch Polizei.

tip Wäre das Kino eine Alternative zu den sozialen Medien?

Adam Ich weiß nicht. Ich schaue nicht einmal Filme. Poesie ist mir wichtig, und ich veröffentliche nie etwas. Kino ist mir egal, also habe ich damit keine Probleme. Ich bekomme Aufmerksamkeit durch das Kino, dadurch muss ich nicht mehr so viel von mir ins Internet stellen.

tip Ihr Profil auf Instagram trägt den Titel „warvariations“. Was bedeutet das?

Adam Es ist ein Buchtitel von Amelia Rosselli. Eine italienische Antifaschistin und Arbeiteraktivistin. Sie schrieb Bücher in drei Sprachen, sie hat mich sehr stark beeinflusst. Wir sind in einem beständigen Krieg, und alles ist ein Konflikt. Variation meint, dass ich keine Moral habe, alles hängt von der Situation an. Was ich glaube und was ich von anderen Leuten mir gegenüber erwarte, hat nichts mit fixen Dingen zu tun.

tip Ist das ein utopisches Konzept: ohne Moral zu leben?

Adam Die einfachste Formel wäre: Sei kein Cop. Sei nicht auf der falschen Seite. Sei kein Verräter. Ich weiß gut genug, dass ich mein eigener Cop bin. Ich habe viele Bilder von meinem Körper gepostet. Das war immer ein Versuch, theoretisch, meinen Körper zu normalisieren, ihn zu vergleichen. Das war aber zweischneidig. Ich habe mich gezeigt, das hat mir ein gutes Gefühl mir gegenüber gegeben, ich habe aber auch wie ein Polizist auf mich geschaut, und alles ganz genau überwacht: Habe ich zugenommen, habe ich abgenommen? Diese permanente Aufmerksamkeit auf sich selbst, und diese Versuche, sich dabei zu erwischen, wenn man etwas falsch macht – das hilft nicht beim Wachsen.

tip Gab es Psychotherapien, die halfen?

Adam Ich habe lange Zeit nicht an Psychologie geglaubt, dabei hatte ich ein schlimmes posttraumatisches Syndrom. Ich war immer ein Schulbeispiel für ein missbrauchtes Kind, aber meine erste Therapeutin hat nichts bemerkt. Zehn Jahre habe ich Therapie gemacht, bei einer Jungianerin, es war komplett sinnlos. Es ist besser, dich mit deiner Gemeinschaft durch deine Scheiße zu arbeiten, statt eine Person dafür zu bezahlen.

@warvariantions

tip Waren die Drogen ein Therapieversuch?

Adam Als es mir besser zu gehen begann, habe ich begriffen, dass ich plötzlich mehr vergesse. Das war seltsam, denn ich erinnerte mich an alles immer sehr detailliert. Das war auch eine Form von Kontrolle. Drogen haben mich davon nicht befreit. Ich habe Drogen genommen, um genau die Kontrolle und den Fokus über meinen Körper zu haben – und weniger Angst.

tip Was macht den Unterschied zu heute aus? Sie wirken klar und sehr bei sich.

Adam Während des ganzen Films (der Entstehung von „Searching Eva“) ging es mir beschissen. Man sieht das gar nicht so richtig. Ich hatte es mit Dingen zu tun, die mich vollkommen mitgenommen haben. Heute kann ich wenigstens Nachrichten lesen und auch die Außenwelt wahrnehmen. Damals ging es nur darum, durch den Tag zu kommen, ohne mich umzubringen. Das ist heute nicht mehr so.

tip Was half Ihnen, die Drogen sein zu lassen?

Adam Es war nichts Bestimmtes. Viele Freunde schreiben mir heute, dass sie vom Heroin nicht wegkommen. Ich weiß nicht, wie ich ihnen helfen kann. Ich hatte Glück, weil meine Eltern das auch schon durchlebt hatten. Ich kann zu meiner Mutter fahren, und sie macht mir eine Suppe. Bei den meisten Süchtigen ist das anders. Alle haben eine schlechte Beziehung zu ihren Eltern. Wichtig ist, dass du nicht an einem Ort wohnst, wo du vor dem Haus auf fünf Dealer triffst, wie das bei mir in Berlin war. Die kannten mich, die liefen mir nach. Manche Leute kriegen diese Chance nicht, woanders hinzugehen.

tip Sie gingen für eine Weile nach Leipzig, und dann nach Athen. Das sind äußere Veränderungen. Gab es eine innere Veränderung, die entscheidend war?

Adam Ich hatte Schwierigkeiten, mich zu erinnern, was ich vorher gemacht hatte, vor den 15 Jahren auf Drogen. Wobei das mit den Drogen seltsam war. Ich spielte eher die Rolle einer Person, die sich mit Drogen auskennt, diese Rolle gefiel mir. Ich wusste genauestens Bescheid darüber, wie Drogen wirken. Danach kam dann die Frage: Was habe ich gemacht, als ich acht war? Nun, ich habe Bücher gelesen. Also habe ich wieder zu lesen begonnen. Theorie. Poesie. Wenn man die ganze Zeit drauf ist, bekommt man kein Buch gelesen.

tip Was lesen Sie aktuell?

Adam Anne Boyer. Alle lesen derzeit Anne Boyer, sie ist ganz großartig. Eine Dichterin, die viel von ihrer eigenen Geschichte schreibt, dabei auch sehr theoriedicht. Sie ist auch eine Communizerin, könnte man sagen. Aus Kansas. Zuletzt hat sie über ihre Krebserkrankung geschrieben: „The Undying“. Ein toller Titel.

tip Was ist in Athen besser als in Berlin?

Adam Wenn Institutionen versagen, rücken die Leute zusammen. Das wäre mein Ideal von Gemeinschaft. Hier in Berlin leben die Leute in der Illusion, dass die Institutionen funktionieren. Deswegen rückt niemand zusammen. Alle sind „cold as fuck“, machen sehr paranoid ihr Ding, und meinen, sie brauchen niemand. Als ich wieder hierher kam, wollte ich manchmal bei jemand übernachten, auf einer Couch, und bekam ständig zu hören: Das passt gerade nicht, ich hab morgen früh was Wichtiges zu erledigen. In Athen kämpfen alle auf der Straße.

tip Dem Mythos, den Berlin gern von sich erzählt, können Sie also nichts abgewinnen: die Stadt, in der alle locker sind und gerade einmal so nebenbei ein wenig arbeiten.

Adam Das ist so eine Illusion. Man geht in den Club und fickt jemand am Wochenende – und denkt, das wäre Freiheit. Montag sind aber alle wieder bei der Arbeit.