Ausstellung/Andere Orte

Als hätten wir die Sonne verscharrt im Meer der Geschichten - Fragmente zu einer Geopoetik Nordeurasiens

Als hätten wir die Sonne verscharrt im Meer der Geschichten – gleichermaßen Ausstellung und Forschungsprojekt – webt einen unendlichen Stoff aus Erzählungen von Künstler*innen, Kurator*innen, Schriftsteller*innen und Kenner*innen traditioneller Kulturpraktiken aus der riesigen Landmasse des nördlichen Eurasiens. Das Projekt spürt den vielen Welten nach, die dort neben- und miteinander existierten, häufig trotz oder entgegen der repressiven monolithischen Vorstellungen der wechselnden Regime – vom Russischen Kaiserreich, über die UdSSR bis zum zeitgenössischen Russland –, die weite Teile Osteuropas sowie Zentral- und Nordasiens kontrollierten. Die Beiträge entspringen vielfältigen Biografien und Räumen, die sich in ihrer schieren Fülle überschneiden und gegenseitig bereichern. Aus diesem gemeinsamen Engagement erwachsen neue kulturelle und politische Bezugsrahmen für eine Region, die noch immer von der infrastrukturellen Wirklichkeit der ‚Russischen Breitspur‘ geprägt ist. Mit einer Spurweite von 1520 mm durchqueren diese Bahnschienen das Territorium von mehr als einem Dutzend Ländern, die im Staatsgebiet oder in der Einflusssphäre des Russischen Kaiserreichs, und später der Sowjetunion, lagen.



Angesichts dieses geografischen Bezugs erscheint der Projekttitel ein wenig exzentrisch: Seine Inspirationsquelle ist das Gedicht „The Blesséd Word: A Prologue on Kashmir“ des kaschmirischen Autors Agha Shahid Ali, das er 1990 seiner von Gewalt gezeichneten Heimat widmete. Geschrieben zu einer Zeit, als die UdSSR in Auflösung begriffen war, setzt der Text mit einem Zitat des polnisch-jüdisch-sowjetischen Dichters Ossip Mandelstam ein. Der Titel der Ausstellung ist eine Verschmelzung von Versen aus Alis und Mandelstams Gedichten. Alis Worte, die der Tragödie seines Volkes und der Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat Ausdruck verleihen, erinnern an einen weiteren Verlust in einer anderen Zeit und einem anderen Land (akzentuiert durch einen weiteren Verrat an revolutionären Idealen) in Mandelstams Gedicht, das im stalinistischen Russland geschrieben wurde. Ali besingt sein Land, beschwört dessen Name in achtzehn verschiedenen phonetischen und grafischen Varianten. Die Ausstellung steht unter dem Zeichen dieser Rhythmisierung von Zeiten und Orten sowie der Vielstimmigkeit von Bedeutungen – besonders in Zeiten der erneuten imperialen Aggression Russlands.



Von einer Welt vieler Namen hin zu vielen Welten, die in jenem einen – unlängst noch post-sowjetisch genannten – Raum unter einer einzigen verborgen waren, zeigt Als hätten wir die Sonne verscharrt im Meer der Geschichten Fragmente einer neuen Geopoetik – befreit von offiziellen Versionen der territorialen Kontrolle und der mechanischen Replikation vorgefertigter Haltungen. Sie lädt ein zu Prozessen der kollektiven Erinnerung, zur Wiederbelebung von Kosmologien und verschwundenen Wissensbeständen, zur Betrachtung der Netzwerke all jener, die sich über imperial gezogene Grenzen hinwegsetzen, zur Formierung von kollektivem Widerstand und schließlich zu einer Vorstellung von Zukünften, die gelebt, überlebt und genossen werden können.



Dieses Projekt wurde konzipiert in Zusammenarbeit mit dem Kurator Iaroslav Volovod, der die Kolonialgeschichte des Russischen Kaiserreichs und der UdSSR erforscht; den Künstler*innen und Kurator*innen Nikolay Karabinovych und Saodat Ismailova; und der Historikerin Kimberly St. Julian-Varnon, deren Forschungen sich auf die ehemalige sowjetische Einflusssphäre konzentrieren.

Afrah Shafiq, Nobody Knows For Certain (2023), Videoinstallation (Still)
Afrah Shafiq, Nobody Knows For Certain (2023), Videoinstallation (Still) Courtesy the artist

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