Ausstellung/Andere Orte

Kreise Ziehen – Teil 4

Kreise Ziehen  – Teil 4
›The Gentle Giant that Shares and Cares‹, Skulptur von | sculpture by Jimmy Boyle, Craigmillar Estate, Edinburgh, 1976–2011. | Photo: J. Knowles, 2011

Informationen des Veranstalters

Berlin-Märkisches ViertelAG Spielclub

Litauen, Schottland, UngarnMarija Nemčenko & Anna Tüdős

Im vierten Teil der Reihe KREISE ZIEHEN wird das Leben von Kindern und Jugendlichen in einer Großsiedlung thematisiert. Wie kaum eine andere Gruppe prägen junge Menschen den öffentlichen Raum der Großsiedlung. Ihre Schulen und Jugendeinrichtungen liegen direkt im Quartier. Die Freiflächen der Siedlung sind großzügig gestaltet und sollen einen Ausgleich für die kleinen Wohnungen bieten. Aber welche Freiräume können Jugendliche jenseits der Kontrolle der Erwachsenen selbst erschaffen? Wie eignen sie sich die Großsiedlung an?

Seit 2016 gestalten die Initiator_innen der station urbaner kulturen mit Kindern und Jugendlichen auf der Grünfläche Place Internationale einen informellen Sportplatz mit Sitzgruppen. Dieser ist zu einem Treffpunkt für junge Menschen mitten in der Großsiedlung geworden, vor allem abends und nachts – und besonders in diesem Jahr, wenn nicht nur in den Geflüchteten-Unterkünften die Sommerferien zuhause stattfinden werden.

In diesem Sommer werden im Rahmen von KREISE ZIEHEN Teil 4 zwei künstlerische Positionen zum Thema ›Kinder und Jugendliche in der Großsiedlung‹ auf Billboards ausgestellt. Die Arbeitsgruppe Spielclub zeigt Bilder einer Spielstadt, die 1971 im öffentlichen Raum im Märkischen Viertel Berlin von Künstler_innen mit und für Kinder gebaut wurde. Unter dem Titel ›Fest‹ war die Spielstadt damals zehn Tage lang Erprobungsraum für Produktion, Verkauf, Monopolismus und Revolution.

Marija Nemčenko (Künstlerin, Kaunas / Litauen und Glasgow / Großbritannien) und Anna Tüdős (Kuratorin, Budapest / Ungarn und Glasgow / Großbritannien) werden während einer Residency im Sommer 2020 auf der Grünfläche eine Arbeit zum Thema Spielen und Bewegung entwickeln und bauen. Auf einem Billboard präsentieren sie ihre Recherche ›BRUT Boredom. High-rises, emptiness and play‹ über die utopischen Momente des sogenannten ›Brutalismus‹ – einem Baustil der internationalen Moderne. »Wir verstehen Langeweile (engl. Boredom) als einen produktiven, kreativen Zustand, der mit Spiel und Experimentieren, aber auch mit Muße und Leere verbunden ist.«

KREISE ZIEHEN. Großsiedlungen und die Produktion von Bildern ihrer selbstAusstellungsreihe seit Mai 2018

Die bildenden Künste sowie die künstlerisch informierte Stadtforschung bewegen sich im Feld der ›urban cultures‹ verstärkt aufeinander zu. Urbanität und gebauter Raum werden auch durch Kunst und Kultur erkundet, erlebt und erzählt.

Ein Feld der Auseinandersetzung der letzten Jahre sind Großsiedlungen der 1960er bis 1990er Jahre. Sie haben Dimensionen, die der Größe einer Kleinstadt entsprechen. Zentrale Funktionen einer Stadt wie etwa die Künste und das Kulturleben werden jedoch weiterhin im Zentrum verortet. Die Großsiedlungen bleiben deswegen vielen Menschen einer Stadt merkwürdig fremd.

Es braucht neue Narrative und Bilder, um die scheinbare Homogenität von Großsiedlungen zu hinterfragen und Widersprüchlichkeiten nachzuzeichnen. Großsiedlungen sind miteinander vergleichbar – auch über Kontinente hinweg. Oft sind sie in konzentrischen Kreisen um die Kernstadt herum organisiert. Doch selbst innerhalb einer Stadt haben die Großsiedlungen kaum Kontakt miteinander.

Das Ausstellungsprojekt KREISE ZIEHEN in Berlin-Hellersdorf schlägt Brücken innerhalb und auch jenseits der Stadtgrenzen mit Partnersiedlungen. Wie entstehen Stereotypen von Orten, wie werden sie von außen gesetzt und von innen angenommen und weitergeführt? Wie können Bilder in der Peripherie entstehen, die nicht von außen ein ›Image‹ überstülpen, sondern von den Bewohner_innen mit Eigensinn erarbeitet wurden?

Der Kunst soll hier eine besondere Bedeutung zukommen, da sie über Strategien der Bildererzählung und des Bildwissens verfügt. Zunehmend verlässt sie ihre bisherige Komfortzone durch gemeinschaftsorientierte Forschung und Produktion und zieht weitere Kreise in der Stadtgesellschaft.