fuga
Netta Weiser (geboren 1991 in Israel) arbeitet an der Schnittstelle von Klanginstallation, Performance und experimentellem Radio. Der Hörraum im Humboldt Forum präsentiert ihre erste Klangausstellung in Berlin. In ihrer interdisziplinären Praxis entwickelt Weiser choreografische Zugänge zu Klang und erforscht, wie Radioübertragungen verdrängte Geschichten hörbar machen und kollektives Hören temporäre Gemeinschaften entstehen lässt. In „fuga“ verweben sich Archivklänge aus dem Ägypten der 1930er-Jahre, queere Geschichten und diasporische Erinnerungen zu einer choreografischen Hörerfahrung.
„fuga“ geht aus Weisers künstlerischer Forschung im Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums in Berlin hervor. Im Zentrum ihrer Recherche stand eine Sammlung von Wachswalzenaufnahmen, die die deutsch-jüdische Komponistin Brigitte Schiffer (1909–1986) in den 1930er-Jahren in Ägypten anfertigte. Schiffer studierte Komposition und Vergleichende Musikwissenschaft in Berlin. Im Rahmen ihrer Dissertation unternahm sie Feldforschungen in der abgelegenen Oase Siwa im Westen Ägyptens. Mit einem Phonographen dokumentierte sie eine Vielzahl vokaler Praktiken der dort lebenden Amazigh-Gemeinschaft. Zu ihren Aufnahmen gehören seltene Klangdokumente, darunter Frauenlieder, Totenklagen und Arbeitsgesänge. Nach ihrer Dissertation im Jahr 1935 floh Schiffer vor dem nationalsozialistischen Regime nach Ägypten, wo sie die folgenden drei Jahrzehnte lebte und zu einer prägenden Persönlichkeit des kulturellen Lebens im kosmopolitischen Kairo wurde.
Durch Klang, Performance und räumliche Komposition nähert sich Weiser Schiffers Aufnahmen als lebendige Spuren. Aus einer queeren diasporischen Perspektive aktiviert sie das Archiv neu und macht zum Schweigen gebrachte Erzählungen sowie eine subversive Geschichte von Gefühlen hörbar.
Klanginstallation in zwei Teilen
Die Klanginstallation entfaltet sich in zwei Teilen. Der erste basiert auf der Aufnahme einer Gruppe von Kindern, die während eines Trauerzugs in der Sahara eine Totenklage singen. Schiffer selbst komponierte 1934 ein von dieser Melodie inspiriertes Werk. In ihrer Komposition verbindet Weiser die Originalaufnahme aus Siwa mit Auszügen aus Schiffers Komposition, elektronischen Klängen, die aus den Wachswalzen gewonnen wurden, sowie Reenactments von Kindern. Gemeinsam mit dem Flötisten Roy Amotz entwickelte Weiser Improvisationen als Reaktion auf dieses Material.
Der zweite Teil kreist um eine Sammlung von Gesängen von Landarbeitern während der Dattelernte in Siwa. Diese Wechselgesänge erklangen von den Spitzen der Palmen über die Gärten der Oase hinweg. Ihre Texte verweben Themen wie Migration, wirtschaftliche Not und Andeutungen queerer Liebe. Weiser arbeitete mit dem Sänger Chanan Ben Simon zusammen, der die vokalen Gesten der historischen Aufnahmen neu verkörpert und dabei die antwortende Stimme hörbar macht, die im Archiv fehlt. Das Ergebnis ist ein gerufener Liebesgesang zwischen gegenwärtigen und historischen Stimmen, eingebettet in eine Klanglandschaft aus Rauschtexturen, die aus den ursprünglichen Wachswalzenaufnahmen entwickelt wurden.
Entstanden vor dem Hintergrund der anhaltenden Kriege im Nahen Osten, reflektiert die Arbeit die persönliche Auseinandersetzung der Künstlerin mit Fragen von Migration, künstlerischer Praxis in Zeiten des Kriegs sowie dem Umgang mit sich wandelnden politischen Realitäten. Die räumliche Komposition entfaltet sich in kreisförmigen Bewegungen um die Zuhörenden und betont die zyklische Wiederkehr von Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven von Zeit und Ort.
Videoarbeit von Itay Marom
Begleitet wird die Klanginstallation von einer sechskanaligen Videoarbeit von Itay Marom. In einer langsamen Bewegung durch eine einzelne Archivfotografie des Kinderchors, die in Schiffers Dissertation von 1936 reproduziert wurde, fügt die Arbeit eine visuelle Ebene von Bewegung, Textur und Erinnerung hinzu.
Speziell für die einzigartige akustische Architektur des Hörraums im Humboldt Forum entwickelt, aktiviert „fuga“ den Raum als choreografische Hörumgebung. Das dreidimensionale räumliche Audio-System des Hörraums lässt den Klang durch den gesamten Raum wandern und macht das Hören zu einer körperlichen und immersiven Erfahrung. So versteht „fuga“ das Archiv nicht als statisches historisches Dokument, sondern als einen Ort des Dialogs, der Transformation und als lebendiges Terrain, auf dem verkörperte Formen von Wissen erneut hervortreten können.
Begleitprogramm zur Ausstellung
Die Ausstellung wird begleitet von einem öffentlichen Programm mit Performances, Gesprächen, kollektiven Hör-Sessions im Humboldt Forum sowie einer begleitenden Radioserie auf reboot.fm.
Öffnungszeiten
„fuga“ läuft im Hörraum im zweiten Obergeschoss, von Mittwoch bis Montag jeweils von 16 bis 18:30 Uhr.
Über die Künstlerin
Netta Weiser (geboren 1991, Israel) ist eine in Berlin lebende Künstlerin und Choreografin. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Performance, Klanginstallation und experimentellem Radio. 2019 gründete sie „Radio-Choreography“, ein langfristig angelegtes künstlerisches Forschungsprojekt, das sich mit der Übersetzung von Tanz in Klang, dem Verhältnis von Live-Radio und verdrängten Geschichten sowie mit kollektivem Zuhören als choreografischer Praxis beschäftigt.
Ihre Arbeiten wurden international präsentiert, zuletzt an der Akademie der Künste und dem KW Institute for Contemporary Art Berlin, im Tanzquartier Wien, Badischen Kunstverein Karlsruhe, an der University of Cambridge, bei der Tanznacht Berlin, im Onassis Stegi Athen, beim WDR (Westdeutscher Rundfunk), bei TONSPUR im MuseumsQuartier Wien, im Suzanne Dellal Centre for Dance Tel Aviv, im Zwerglgarten Pavillon Salzburg sowie in der Villa Medici Rom.
Weiser erhielt Stipendien des Studios für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste Berlin sowie des VALIE EXPORT Center Linz. Darüber hinaus gestaltet sie eine monatliche Radiosendung auf reboot.fm – Freies Künstler*innenradio aus Berlin.
Mitwirkende Künstler
Flöte: Roy Amotz Gesang: Chanan Ben Simon Video: Itay Marom Toningenieur: Michael Hauschke
Besonderer Dank an Prof. Dr. Matthias Padzerny, Eleanor and Naomi Volaski Aram.
„fuga“ wurde von der Abteilung Medien des Ethnologischen Museums / Museums für Asiatische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin in Auftrag gegeben. Der Hörraum ist eine Kooperation zwischen der Technischen Universität Berlin, der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Gefördert von Artis im Rahmen der Exhibition Grant Initiative.
Eine frühe Version dieser Arbeit wurde im Maamuta Center for Art and Research im Hansen House, Jerusalem, präsentiert und durch das Residency-Programm des Goethe-Instituts Jerusalem unterstützt.
Eine Sonderausstellung des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin