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Giacometti – Figur. Raum

Alberto Giacometti (1901–1966) zählt zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Besonders sein einzigartiges und unverkennbares plastisches Werk ist von Weltrang: Seine gelängten, fragilen Figuren, die Köpfe und Büsten, über- und unterlebensgroß, scheinen sich im Raum zu verflüchtigen und doch treten sie uns mit einer ungeheuren Physis und Präsenz gegenüber. Das Zentrum der Ausstellung bilden vier Bronzen. Ihre Sujets sind exemplarisch für das Œuvre, dessen Motive sich zunehmend auf einige wenige reduzieren: Petit buste sur double socle (1940/41), Femme debout (um 1947), La Cage (première version) (1950) und Tête de Diego (um 1955). Sie werden begleitet von Malereien und Papierarbeiten, die Giacomettis Auseinandersetzung mit der Figur und dem Raum erlebbar machen: Darstellungen von stehenden Frauen, gehenden Männern, von Köpfen, von Menschenmengen in den Straßen von Paris.

Von Mitte der 1930er bis Mitte der 1940er Jahre experimentiert Giacometti mit Kategorien wie Maßstäblichkeit und Entfernung sowie mit Material und Oberflächen. In dieser Zeit schafft er miniaturhafte Plastiken auf überproportionalen Podesten wie Petit buste sur double socle, um den Effekt einer Fernansicht zu erzielen. Die für sein weiteres Schaffen folgenreichste Erkenntnis aus dieser Phase dürfte sein, dass wir eine Gestalt mit dem Raum innerhalb unseres Gesichtsfeldes perzipieren und die Figur aus der Distanz im Verhältnis zum Raum an Volumen zu verlieren scheint.

Diese Seherfahrung manifestiert sich in entkörperlichten, bewegungslosen, frontalen weiblichen Einzelfiguren, deren Stilmerkmale für die nächsten Jahre ebenso die Einzelköpfe und die seltenen komplexeren Kompositionen wie La Cage prägen. Femmes debout und Têtes, deren Modelle mehrheitlich die Frau des Künstlers Annette und sein Bruder Diego waren, bilden das Hauptkontingent an Plastiken in den 1950er Jahren.

Durch eine unregelmäßige Oberflächengestaltung bringt Giacometti ein Äquivalent zur Lebenskraft hervor. Die spezifischen Figurationen des reifen Werks sind in Plastik, Zeichnung, Grafik und Malerei anzutreffen.

Atelieransichten belegen, dass sich Giacometti in den verschiedenen Gattungen parallel betätigte. Das malerische Werk Giacomettis, der einer Malerfamilie entstammt, ist weitaus weniger bekannt als sein plastisches und es wandelt sich unter dessen Einfluss. Die figurativen Elemente rücken ab der zweiten Hälfte der 1940er Jahre an den Vordergrund, der Raum um sie wird ein wichtiger Bildgegenstand. Zeichnungen wiederum sind für den Künstler ein wesentliches Instrument seiner Recherchen und so sind etliche Skizzen überliefert – doch ebenso sind viele Zeichnungen abgeschlossene Kunstwerke. Druckgrafik spielt erst ab den ausgehenden 1940er Jahren eine größere Rolle. Sein Vermächtnis ist die Serie Paris sans fin. Eine kleine Auswahl von Straßenszenen führt im Gutshaus Steglitz vor Augen, wie gebannt Giacometti bis an sein Lebensende von den ständig wechselnden urbanen Menschenformationen, den Szenen und Bewegungen ist, von dem, was er als die „Totalität des Lebens“ bezeichnet.

Helmut Klewan (Jg. 1943) war von 1970 bis 1999 Galerist in seiner Heimatstadt Wien und später in München. Seither ist er Sammler. Er hat die umfangreichste Privatsammlung von Werken Alberto Giacomettis im deutschsprachigen Raum.