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Poesiefestival Berlin 2026: all die Scham und all das Faseln. Re-Writing Petrarca

Rudi Burkhardts Gedichte in Fragmente einer echten Ikone – Petrarca-Variationen (kookbooks 2024) sind Aneignungen, Nachdichtungen und Überschreibungen der Canzoniere, jener berühmten Sonettsammlung, in welcher der poeta laureatus Francesco Petrarca seine Liebe zur entrückten Laura besang. Der hohe Ton wird anverwandelt, imitiert, ironisiert und auf den neuesten lyrischen Stand gebracht, ohne die Innigkeit des Originals zu denunzieren. Es ist eine Verbeugung ohne Ehrfurcht, wobei sich Parodie und Verehrung die Waage halten. Das scheinbare Liebesidyll auf „heilig beschienener Weide“ befindet sich in Wahrheit auf schwankendem Grund. Burkhardt selbst beschreibt das Verfahren als „Petrarca-Drag“, als die Über- und Einnahme eines Ichs, das ihm „das Sprechen aus einem anderen Körper, einem anderen Mund“ erlaube. Burkhardts Petrarca ist mal eine Bohne zu Lauras Füßen, mal ein „Sprichbrunnen“, der kein Ende findet. „Mitten unter feindlichen Büschen und fiesen / geh sicher ich durchs Gehölz und singe weiter / ihr, die ich in den Augen trage, / mit mir zu sehen Frauen und Fräuchen, / doch nichts als Rausch und Räuschchen“. Im Zentrum stehen zwei durch die Jahrhunderte gültig bleibende Erkenntnisse: Singend lässt sich das Leid zwar lindern, aber von jeder Rede „bleibt eh nur Überrest“.

Tim Atkins’ Ansatz, gesammelt in dem 550 Seiten starken Collected Petrarch (Crater 2014), ist auf vergleichbare Art radikal, die Gedichte lesen sich jedoch ganz anders. Im Vorwort beschreibt Laird Hunt das Verfahren, das eigentlich aus zahlreichen Verfahren besteht, als „one mind’s field of words bent on/by another’s.“ Die Texte entstehen aus einem hintergründigen Spiel zwischen den Sprachen; sie sind ein Anschlag auf tradierte Form und literarische Konvention. In ihnen werden die Grenzen dessen ausgelotet, was wir landläufig als „Verstehen“ oder „Nicht-Verstehen“ bezeichnen. Scheinbarer Nonsens setzt kontinuierlich einen Überschuss an neuen Bedeutungen frei. Atkins’ Poetik ist eine des kalkulierten Zuviels, die aber die Leser:innen zurücklässt mit einem Verlangen nach immer mehr und noch mehr; eine anhaltende Überforderung aller beteiligten Sinne. „We come with fourteen lines & a haircut we / Leave with too much information“. Italian Humanism meets British Avantgardism. Translation als lustvolle Dekonstruktion mit Anleihen bei Bernadette Mayer, Ted Berrigan, The Gospel According to Tupac, Popeye und Krazy Kat. Nebenbei stellt Collected Petrarch einen kostbaren Beitrag zur Übersetzungstheorie dar, etwa wenn es heißt: „all translation – at last – approaches / ecstatic / relation“.

Moderation Shane Anderson

Die Veranstaltung wird englisch-deutsch gedolmetscht.
Mit freundlicher Unterstützung von ECHOO Konferenzdolmetschen