Poesiefestival Berlin 2026: binde mich odysseusgleich an die ubahnstange
Zwar nicht nachts, aber an einem Freitagabend liest der Dichter Ozan Zakariya Keskinkılıç im Rahmen der Poets‘ Corner des Poesiefestival Berlin aus diesem sowie weiteren, bisher unveröffentlichten Gedichten und stellt seinen Poesiefilm burak vor.
Es ist stets der urbane Raum, in dem Keskinkılıçs lyrische Ichs Themen wie Migration, Rassismuserfahrung, queeres Begehren und muslimische Spiritualität erkunden. In seinen Gedichten äußert sich das durch ein strudelartiges Ineinanderfließen ebenjener Thematiken, übersetzt in eine lebhafte Bildsprache, die Stadt und Natur, Mensch und Tier, Sakrales und Profanes sowie unterschiedlichste Sprachen miteinander vereint. So werden Augenspiele hervorgelockt, die im öffentlichen Raum bedroht sind, Berührungen verwandeln sich in Zärtlichkeiten, die instinktiv als Brutalitäten verstanden werden könnten, und Fremde kommen sich besonders nah, aber nie so ganz. Keskinkılıçs Gedichte erschreiben Möglichkeitsräume, die, entgegen der oftmals resignierten Realität, Begehren und Anerkennung zulassen, dort, wo sie bisher keinen Platz finden: „ich bin ganz hand und fuß wie ich hier steh’“. Das lyrische Ich, das uns auf seine Odyssee mitnimmt, scheint häufig verloren zu sein, schwankend auf der Flucht: „ich mag es, wenn die bahn schaukelt und stürmt / wo sonst fallen dir schöne menschen wie birnen / äpfel auf den kopf.“ Und dennoch findet dieses lyrische Ich Schönheit, wohin das Auge reicht – und es reicht weit in diesen Gedichten.
Nicht nur als Odysseus taucht das lyrische Ich auf, der Mythos findet vielgestaltigen Ausdruck in Ozan Zakariya Keskinkılıçs Gedichten. So spricht an anderer Stelle in die Schlangengöttin Şahmaran, eine mythische Figur aus Anatolien, Iran und Irak. Halb Mensch, halb Tier, beschützt sie Geheimnisse, doch wird die Frage aufgeworfen, ob Geheimnisse nicht besser aufgedeckt werden sollten, ob sie nicht besser im realen Leben zur Sprache kämen als bloß auf Social Media-Plattformen: „twitterstürme vor dem auge, da geht notgedrungen / die sicht verloren.“ Diese Sicht gilt es vielmehr im Zwischenmenschlichen wiederzuerlangen und, anstatt Begegnungen mit einem „es war einmal, es war keinmal“ abzutun, zu fragen: Wie werden diese Erlebnisse zu einem allemal, einem auf jeden Fall, einem ganz bestimmt?
In seinem Poesiefilm burak überführt Ozan Zakariya Keskinkılıç sein Schreiben dann in eine sinnliche Erfahrung: Wir treffen burak in der Hasenheide, begleiten ihn in die vier Wände einer typischen Berliner Altbauwohnung, suchen Blicke und verlieren sie wieder, und wenn wir uns verabschieden, heißt es:
Jemand wünscht iyi geceler = Gute Nacht
Jemand sagt gib acht
Jemand schleicht dem Regen nach
Und der Mond schleicht mit
Der Poesiefilm burak ist in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Sami Morhayim, dem Musikkünstler Fabian Saul und dem Schauspieler Benyamin Reich entstanden.
Im Gespräch mit Melina Brüggemann gibt Ozan Zakariya Keskinkılıç an diesem Abend Einblicke in kollaborative Arbeitsweisen mit anderen Kunstschaffenden und spricht im Kontext der Lesung über den aktuellen Arbeitsprozess an seinem zweiten Gedichtband.
Die Veranstaltung findet auf Deutsch statt.