Poesiefestival Berlin 2026: Keine dieser Nachrichten stört die zivilisierte Welt
Wie Mahmoud Darwishs Lesung im Jahr 2004 stehen auch die Stimmen dieses Abends nicht für sich allein, sondern öffnen, über Orte und Generationen hinweg, einen gemeinsamen Raum – für jene Nachrichten, die seit jeher die „zivilisierte Welt“ nicht stören. Der entsprechende Vers, titelgebend für den Abend, ist Darwishs berühmtem Gedicht Belagerungszustand entnommen.
Batool Abu Akleen ist eine palästinensische Dichterin und Übersetzerin aus Gaza‑Stadt. Sie wurde bereits 2020, im Alter von fünfzehn Jahren, mit dem Barjeel Poetry Prize ausgezeichnet; seither erschienen Texte in zahlreichen internationalen Publikationen und Übersetzungen. 2024 war sie Poet und Translator in Residence bei Modern Poetry in Translation. Nach ihrer Evakuierung aus Gaza im Herbst 2025 nahm sie ein Studium an der Sorbonne Nouvelle in Paris auf. Ihr zweisprachig auf Arabisch und Englisch erschienener Gedichtband 48Kg. (Tenement Press, 2025) versammelt Texte, die den eigenen Körper, das Leben im andauernden Belagerungszustand unter ständiger Präsenz des Todes und das eigene poetische Sprechen eng aufeinander beziehen. Spürbar werden Angst, Wut, Trauer und Erschöpfung, aber auch Fürsorge und immer wieder die große Kraft der Imagination angesichts größter Schrecken und Verluste. Akleens Gedichte sind von immenser Klarheit und präziser Härte, sie arbeiten mit einer oft hypersachlich gehaltenen Bildsprache, die teils ganz nah an Details bleibt, nur um gleichzeitig schon zu kippen – so heißt es in ihrem Gedicht This is how I cook my grief: „I pick fresh hearts from the street / the most defeated ones (…) In a copper pot / I boil what I’ve stolen (…) I pour the mixture into my heart / until it blackens.“ Oft fallen ihre Bilder unvermittelt ins Phantastische oder ins Allegorische, ohne dabei an Konkretion zu verlieren, so etwa, wenn das lyrische Ich den Tod erwartet: „I’m waiting like a mother expecting her newborn / I will scream / I will feel his head coming out of my body“.
Auch Alaa Alqaisi, Schriftstellerin, Dichterin, Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin, kommt aus Gaza Stadt. Nach einem Studium der Englischen Literatur an der Islamischen Universität Gaza setzt sie ihre wissenschaftliche Arbeit derzeit am Trinity College in Dublin fort, wo sie zu W. B. Yeats promoviert. Ihre Arbeiten wurden u. a. in ArabLit Quarterly, The Avery Review und dem Adi Magazine publiziert und bewegen sich an den Schnittstellen von Poesie, kulturellem Gedächtnis und Übersetzung. In einem ihrer Texte heißt es: „We spoke with mouths filled with dust. We sang, even with broken teeth. We prayed from fractured knees. And though the world may have looked away, let this much be remembered: we named the hunger.“ Neben Gedichten hat Alaa Alqaisi in den vergangenen Jahren vielfach Essays veröffentlicht, in denen sie Literatur, Übersetzung und die Unerträglichkeit der Gegenwart in Gaza miteinander ins Verhältnis setzt. Texte wie Beneath the Howl of Hunger oder The Double Life of a Palestinian Translator verbinden persönlichste Erfahrungen mit literarischer Analyse und Philosophie. Alqaisi reflektiert unter anderem en detail, wie unter fürchterlichen Bedingungen Zeit fragmentiert und Sprache verkümmert: „Long before hunger lays claim to the body, it loosens the scaffolding of language“, heißt es in einem ihrer Essays. In anderen Texten tritt Alqaisi explizit in ein literarisches Gespräch, etwa mit W. B. Yeats, Anne Carson, Edward Said oder Mahmoud Darwish, dessen Werk sie mehrfach direkt adressiert.
Abdalrahman Alqalaq, geboren 1997 in Damaskus, ist palästinensischer Lyriker, Schriftsteller und Performancekünstler. Er studierte Theater und Ästhetische Praxis sowie Kulturpolitik im internationalen Vergleich in Hildesheim und Rabat. Bereits 2022 erschien im Elles Publishing House in Kairo sein arabischsprachiges Lyrikdebüt „vierundzwanzig“, 2024 folgte mit Übergangsritus sein erstes deutschsprachiges Buch im Wallstein Verlag, das in die Litprom-Bestenliste Weltempfänger 65 und in die Lyrik-Empfehlungen 2025 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, des Haus für Poesie, des Lyrikkabinetts München und weiterer Partner aufgenommen wurde. 2025 gestaltete er die Kuration der 5. Ausgabe des „Arabischen Theatertreffens Hannover“ mit. Zuletzt brachte er sein Stück „Absentee Law“ am Hildesheimer Burgtheater zur Uraufführung. In seinen Gedichten und Prosatexten verbindet Alqalaq erzählerische und reflexive Verfahren. Exil, Körper und Wahrnehmung bilden wiederkehrende Bezugspunkte. Zu Beginn eines Textes heißt es etwa: „Ich weiß, dass alle auf meine Wunden spucken werden, wenn ich sie benenne“. Gleichzeitig zeigt sich auch bei Alqalaq ein Beharren auf die Eigenständigkeit des eigenen dichterischen Sprechens, das sich einreiht in die großen poetischen Dialoge mit dem Tod, die Dichter:innen aller Zeiten seit jeher führen, und der inneren Freiheit, die aus diesem Gespräch entstehen kann: „Von Flügeln aber will ich sprechen / denn schon lange habe ich mich meines Körpers enthoben / und winke dem Tod aufmunternd zu“. Abdalrahman Alqalaq verantwortet auch die Dramaturgie des Abends.
Bakr Khleifi, geboren in Jerusalem, begann seine musikalische Ausbildung in sehr jungem Alter. Mit vier Jahren erhielt er zunächst Violinunterricht, bevor er im Alter von sechs Jahren zur Oud wechselte. Er studierte bei verschiedenen renommierten Oud‑Meistern, darunter Ahmad al‑Khatib, Simon Shaheen und Samir Joubran. Seine musikalische Entwicklung führte ihn später auch zum Kontrabass; die Inspiration dazu entstand, nachdem er das von Edward Said und Daniel Barenboim gegründete West‑Eastern Divan Orchestra zunächst als Zuhörer erlebt hatte. Nach dem Schulabschluss setzte Bakr Khleifi seine Ausbildung bei seinem ersten Mentor Ahmad al‑Khatib fort und absolvierte ein Bachelorstudium in Weltmusik mit Schwerpunkt Oud an der Universität Göteborg. Während seiner Studienzeit kam er intensiv mit weiteren musikalischen Traditionen in Kontakt, darunter persischer und nordindischer Musik. Über mehrere Jahre war er Mitglied des West‑Eastern Divan Orchestra und trat in internationalen Konzertsälen wie der Carnegie Hall, dem Teatro La Scala, der Philharmonie Berlin und der Royal Albert Hall auf. Bakr Khleifis musikalische Arbeit reflektiert seinen langen Weg durch unterschiedliche musikalische Disziplinen, insbesondere durch maqamische Musik und westliche klassische Musik. Seine Kompositionen und seine Spielweise verbinden melodische Fortschreitungen und Modulationen aus der Maqam‑Tradition mit komplexen, vielfältigen Rhythmen, häufig ergänzt durch Harmonie und dynamisches Spiel. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Klangqualität und den unterschiedlichen klanglichen Texturen, die die Oud hervorbringen kann.
Eine gemeinsame Veranstaltung des Haus für Poesie und des Literarischen Colloquiums Berlin.h