Poesiefestival Berlin 2026: there is no first draft of a life
In ihrem Gedichtband With My Back to the World (Farrar, Straus & Giroux 2024), ausgezeichnet mit dem Forward Prize for Best Poetry Collection, tritt Victoria Chang, ausgehend von einer Auftragsarbeit für das Museum of Modern Art in New York, in Dialog mit den abstrakten, geometrischen Gemälden der Künstlerin Agnes Martin (1912–2004). Die Gedichte des Bands stehen überwiegend in direktem Bezug zu einzelnen Werken Martins und tragen ihre Titel, sind jedoch weniger ekphrastische Beschreibungen als Übersetzungen mit poetischen Mitteln, die teilweise die Rasterstrukturen oder visuellen Markierungen der Gemälde spiegeln. In ihren Gedichten erprobt und hinterfragt Chang die Ordnungsmuster der Gemälde, ihre Gitter, Farbflächen und Linien, in denen sie ihre eigene Depression wiederfindet, „a group of parallel lines that want to touch, but never can“, und das Gefühl des Fragmentarischen, der sich wiederholenden Geste, die nie den größeren Zusammenhang enthüllen kann: „No one tells you that you’ll never see your own painting because you’ll be dead.“
„I want to get it not right, but near.“ – Bianca Stone kommt in ihren beiden jüngsten Bänden, The Near and Distant World (Tin House 2026) und What is Otherwise Infinite (Tin House 2022) immer wieder zurück auf die Frage, wie Bedeutung behauptet werden kann, wenn doch jeder Versuch, etwas theoretisch oder sprachlich vollständig zu erfassen, nicht nur zum Scheitern verdammt ist, sondern die Distanz zu den Dingen vielleicht sogar erhöht: „My greatest fear: / to be condemned to theory. / Without song, without my trash, / my weird ottava rima, my pointless point.“ Dem gegenüber stellt sie eine Poetik der Annäherung, „infinite in its never-wholeness“, die Trost spendet, gerade weil sie nichts allumfassend in sich aufzulösen sucht. Innerhalb weniger Zeilen wechselt Stone auf schwindelerregende und sehr unterhaltsame Weise die Register. Unzählige mythologische, philosophische und religiöse Referenzen lassen sich finden – unter anderem Jesus und Rilke haben einige Auftritte – ebenso wie ein Gespräch mit dem Internettechniker über das Wesen der Poesie: „something with lungs / and no face, the immortal freak / of language you haunt and haunt“.
Die Gedichte der Veranstaltung wurden eigens für das Poesiefestival Berlin übersetzt.
Moderation Ryan Ruby
Die Veranstaltung findet auf Englisch statt und wird nicht gedolmetscht.