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The Unstable Horizon Poster
© Gonzalo Reyes Araos

The Unstable Horizon

Historisch betrachtet war der Horizont jene Linie, die Orientierung gewährleistet: der Bezugspunkt, der es uns ermöglicht, uns im Raum zu verorten, Himmel von Erde zu unterscheiden. Doch in der Gegenwart – geprägt von der allgegenwärtigen Verbreitung von Bildschirmen, der Beschleunigung der Zeit und der tiefgreifenden Transformation unserer Umwelt – ist dieser Horizont grundlegend instabil geworden.
The Unstable Horizon vereint die künstlerischen Positionen von Gonzalo Reyes Araos und Charlotte Bastian in einem Dialog, der genau diesen Zustand untersucht: wie Technologie, Wahrnehmung und menschliche Eingriffe unsere Fähigkeit verändert haben, Raum zu verstehen und zu bewohnen.

Bastian und Reyes Araos verbindet ein zentrales Anliegen: Sie wollen die Welt nicht abbilden, sondern die Wahrnehmungserfahrung der Betrachtenden verändern. Ihre künstlerischen Strategien unterscheiden sich jedoch grundlegend.
Bastian arbeitet mit Zeichnung, 3D-Modellen, Fotografie und der Stereoskopie – einer Technik, die die Tiefenwahrnehmung nach außen verlagert und sichtbar macht, wie wir Raum visuell erfahren. Indem sie Collagen und Animationen schafft, die das Tragen einer 3D-Brille oder zwischengeschaltete Linsen, wie beim Stereoskop oder dem Lentikulardruck, erfordern, führt sie „kontrollierte Verschiebungen“ in den Sehvorgang ein. Die Betrachtenden erleben Landschaften zugleich als fremd und vertraut, anwesend und abwesend. Die 3D-Wirkung dient hier auch einer Befragung der Wahrnehmung selbst: Sie macht deutlich, dass räumliche Tiefe als objektive Wirklichkeit wahrgenommen wird, auch wenn sie nur das Ergebnis eines sensorischen und technologischen Apparates ist.
Reyes Araos hingegen arbeitet mit Code und Licht – den unsichtbaren Materialien digitaler Kommunikation. Sein ASCII-Vulkan verwandelt binäre Zeichen in einen heiligen Berg und verschmilzt überlieferte Sprache und digitalen Code zu einem einzigen Bild. Wo Bastian eine visuelle Verschiebung erzeugt, bewirkt Reyes Araos einen ontologischen Zusammenbruch: Die Unterscheidung zwischen Darstellung und Existenz beginnt sich aufzulösen. Das Bild wird zur Anrufung, der Code zur spirituellen Wirkkraft.

Beide Künstler untersuchen die Spuren menschlicher Eingriffe in unserer Gegenwart, jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven.
Bastians Interesse gilt der Vergänglichkeit und den Spuren menschlichen Wirkens im Anthropozän. Ihre Arbeiten sind keine Dokumente, sondern visuelle Konstruktionen, die gezielt kognitive Dissonanzen erzeugen und mitunter eine irritierende Atmosphäre entfalten.
Aus mehreren, von ihr selbst fotografierten, Motiven entstehen Szenarien der Ungleichzeitigkeit und Unverortbarkeit, in denen Restnatur, Idylle, Ödnis und ruinöse Architektur gleichermaßen aufeinandertreffen. In den Raumbildmontagen wird diese Wirkung noch gesteigert: Der durch räumliche Betrachtung entstehende Tiefenraum vermittelt nahezu immersiv das Gefühl, sich in diesen fremd-vertrauten Landschaften zu befinden.
Der Animationsfilm Pilin thematisiert das Abschmelzen eines Gletschers. Bastian zeichnete die Animationen direkt im virtuellen dreidimensionalen Raum, sodass die Kamera die Zeichnungen frei umfahren kann. Durch die stereoskopische Wiedergabe auf einem 3D-Monitor und das Tragen einer 3D-Brille wird die räumliche Tiefe der Zeichnungen wahrnehmbar.
Reyes Araos hingegen untersucht, wie Technologie selbst unsere überlieferten Kosmologien durchdrungen hat. Der Paniri-Vulkan – ein heiliger Ort der Atacameño-Kultur – wird in Code übersetzt, im ASCII-Modus dargestellt und auf Stoff gedruckt. Nach dem Glauben der Atacameño fungieren Vulkane – die sogenannten Tata Mallkus – als Brücken zwischen Himmel und Erde.
Die ASCII-Methode (American Standard Code for Information Interchange) zerlegt das digitale Bild, indem jedes Pixel durch ein Textzeichen ersetzt wird und so ein visuelles Graustufenäquivalent entsteht. Die konkreten Zeichen, aus denen sich diese Komposition zusammensetzt, wurden durch den Satz „Ay la hoy’ri peni cachii li cielo“ bestimmt, der aus dem Kunza mit „Wie auf Erden, so im Himmel“ übersetzt werden kann.
Die Übersetzung eines Bildes in einen Code ist eine paradoxe Verschmelzung: Das überlieferte Wort, das Wirklichkeit hervorbringt, besteht fort, muss sich nun jedoch in ASCII ausdrücken. Die Arbeit würdigt die schöpferische Kraft indigener Sprache und fragt zugleich danach, wie die Digitalisierung sie verändert, bewahrt und verschiebt.

Der Titel der Ausstellung deutet darauf hin, dass Instabilität kein Problem ist, das es zu lösen gilt, sondern vielmehr ein Zustand, mit dem man sich kritisch auseinandersetzen muss. Weder Bastian noch Reyes Araos bieten Thesen oder Gewissheiten. Stattdessen halten ihre Arbeiten Spannungen aufrecht.
Darin liegt die politische Geste von The Unstable Horizon: anzuerkennen, dass wir in einer Wirklichkeit leben, in der die traditionellen Bezugssysteme – die Horizontlinie, die Unterscheidung zwischen Natur und Artefakt, zwischen Anwesenheit und Abwesenheit – ihre Tragfähigkeit verloren haben. Und dass gerade darin, fern jeder bloßen Katastrophenerzählung, ein Raum für neue Formen der Wahrnehmung, des Wissens und der Existenz entsteht.
Was beide Künstler:innen anbieten, ist keine Information, sondern eine verkörperte Erfahrung. Bastians 3D-Brillen, die ASCII-Zeichen von Reyes Araos, die monumentalen Maßstäbe und die spezifischen Materialien – all dies dient dazu, die Betrachtenden aus ihrer gewohnten Position zu lösen und sie erkennen zu lassen, dass sie im Akt des Betrachtens sehen, wahrnehmen und zugleich selbst verändert werden.
In einer Zeit, in der sich Horizonte vervielfachen – digitale, kosmologische und geopolitische –, laden diese künstlerischen Praktiken dazu ein, innezuhalten und zu fragen: Wie orientieren wir uns, wenn der Kompass selbst instabil geworden ist? Welche neuen Formen des Wissens und des Seins entstehen aus dieser Desorientierung?

Gonzalo Reyes Araos,  geboren in Quilpué, Chile, studierte Bildende Kunst an der Hochschule für Bildende Künste an der Kunsthochschule von Valparaíso. Seine Arbeiten wurden international in Institutionen wie dem Kindl Zentrum für Zeitgenössische Kunst, Berlin dem Seoul Keumcheon Art Space (Südkorea) sowie in Galerien in ganz Europa und Lateinamerika ausgestellt; seine Werke befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen in China, Südkorea, der Schweiz, Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Chile. Er lebt abwechselnd in der Atacama-Wüste in Chile und in Berlin.
www.gonzalo-ra.net/

Charlotte Bastian, in Berlin geboren, hat an der Universität der Künste Berlin, an der Universität Sevilla und am Art Institute of Chicago Bildende Kunst studiert. Neben Studienreisen nach Südamerika und in die USA, war sie Artist in Residence in Norwegen, Island und Argentinien. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen präsentiert, darunter im Haus am Lützowplatz, Berlin; im Torrance Art Museum, Los Angeles; im Kunstquartier Bethanien, Berlin; bei Tiger Strikes Asteroids, New York und Chicago; bei Devening Projects, Chicago; in der Huuto Galerie, Helsinki sowie bei Campbell Works, London. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
www.charlotte-bastian.de