Verzerrt
Das Jahresthema Schwindel impliziert das Thema Wahrheit. Aber was ist die Wahrheit? Wenn wir uns im Spiegel betrachten, sehen wir unser Spiegelbild. Das ist aber spiegelverkehrt. Das heißt, wir sehen uns anders, als uns andere sehen. Was ist nun wahr, die Selbstwahrnehmung oder die Wahrnehmung der Anderen? Ist beides Realität oder ist eins davon verzerrt? Was wird uns gespiegelt, welche Wahrheit ist wahr? Gibt es die eine Wahrheit überhaupt, oder ist sie nur eine Facette der eigenen Wahrnehmung? Inwieweit hängt diese vom jeweiligen Blickwinkel ab, vom Standpunkt, aus dem wir die Dinge betrachten – und was machen wir mit der ‚Kenntnis‘ unseres Standpunktes?
Mit diesen Gedanken haben sich die Künstler·innen Kiki Gebauer, Sonja Knecht und Finiw Trachir zu der Ausstellung Verzerrt zusammengefunden.
Kiki Gebauer verwandelt den Projektraum in ein Spiegelkabinett und löst damit die Grenzen des Raumes auf. In diesen Spiegelraum hinein installiert sie ihre konkreten Objekte. Da die Spiegel nicht ganz eben sind, kommt es zu Verzerrungen. Diese können einen schwindelig machen, aber sie führen auch dazu, dass die geradlinigen minimalistischen Skulpturen in der Spiegelung durch neue, amorphe Formen verwandelt bzw. ergänzt werden. Diese unregelmäßigen, gespiegelten Formen verändern sich stark beim Betrachten, je nach Standort. Schon leichte Bewegungen des Kopfes lassen neue Bilder entstehen. So ist die Spiegelung ständig in Veränderung. Alles ist im Fluss, ein Spiel zwischen Konstanz und Wandel. Am Eröffnungsabend wird Kiki Gebauer eine Einführung zu ihrer Arbeit und zum Ausstellungskonzept geben. www.kiki-gebauer.de
Sonja Knecht untersucht Wörter auf ihre Begrifflichkeit. Ihr Anagrammieren ist ein handschriftliches Wühlen im Wortmaterial. Großformatige Ausschnitte aus ihren Anagramm Manuskripten mögen auf den ersten Blick wie haltlose Verzerrungen wirken, aus denen Reste von Semantik hier und da hervorlugen – machen jedoch langwierige Prozesse sichtbar, die strengen Regeln folgen. Der Beginn: Ein Satz oder Satzfragment, ein Ausruf, Gedanke oder Zitat machen sich bemerkbar. Warum? Was steckt darin? Wie finde ich es? Sonja Knechts Kerntechnik: Wörter anstarren. Irgendwann schauen sie zurück, und dann passiert etwas. In der Interaktion zwischen Textkünstlerin und Text geschieht neue Bedeutung. Tage- und nächtelang, zum Teil über Jahre, ordnet Sonja Knecht die gegebenen Buchstaben neu an, sammelt Bedeutungsbausteine. Aus x Manuskriptseiten wählt sie schließlich vollständige Zeilen aus, in denen alle Buchstaben der Ausgangszeile vorkommen (kein Buchstabe mehr, keiner weniger), sortiert und verbindet sie. Erst so wird daraus ein Gedicht. Zur Vernissage liest Sonja Knecht aus ihren Anagrammgedichten. www.txet.de
Vernissage: Freitag, 6. März 2026, 19 Uhr
mit einer Einführung von Kiki Gebauer und Gedichten von Sonja Knecht
Führung durch die Ausstellung: Samstag, den 21. März, 17 Uhr
die Künstler·innen erläutern ihre Konzepte und Arbeitsweisen
Finissage: Samstag, 18. April 2026, 17 Uhr
Artist Talks mit den Künstler·innen